12.734 Audi Q4 e-tron werden wegen akuter Brandgefahr zurückgerufen

12.734 Audi Q4 e-tron werden wegen akuter Brandgefahr zurückgerufen
Foto: Audi AG

Der Audi Q4 e-tron wird wegen akuter Brandgefahr zurückgerufen. Doch die offiziellen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) stiften mehr Verwirrung als Klarheit. Laut KBA-Eintrag mit der Referenznummer 17222R ist in Deutschland exakt ein einziges Fahrzeug betroffen. Weltweit sind es laut derselben Meldung 12.734 Autos. Das ist ein Widerspruch, der viele Besitzer zurecht beunruhigt.

Die Wahrheit ist: Das Problem ist weitaus größer, als die deutsche Statistik vermuten lässt. Der Rückruf mit dem internen Audi-Code 93SK ist Teil eines riesigen, plattformübergreifenden Problems im Volkswagen-Konzern. Kurz zuvor wurden bereits VW ID.3 und ID.4 in die Werkstätten beordert. Auch der ID. Buzz sowie der Cupra Born sind wegen eines identischen Defekts betroffen. Der Q4 e-tron teilt sich mit diesen Modellen die MEB-Plattform und, entscheidend, die Batterietechnik. Die niedrige deutsche Zahl ist eben nur ein Verwaltungsakt und spiegelt nicht das tatsächliche Risiko wider. Betroffen sind laut KBA Fahrzeuge aus dem Produktionszeitraum 30. November 2023 bis 26. Juni 2025.

Fehlerzelle von SK On: Was im Akku über 80 % Ladung auslöst

Auf meiner Hebebühne sehe ich die Konsequenzen solcher Fehler jeden Tag. Hier geht es nicht um eine harmlose Software-Panne. Im Fokus steht die Kernkomponente des Autos: die Hochvoltbatterie.

Die Ursache liegt in fehlerhaft produzierten Batteriezellen des Zulieferers SK On aus dessen Werk in Ungarn. Diese Zellen entsprechen nicht der Spezifikation und neigen zur Überhitzung.

Das kritische Szenario ist ein sogenanntes thermisches Durchgehen. Eine defekte Zelle erhitzt sich so stark, dass sie ihre Nachbarzellen ansteckt – eine Kettenreaktion, die im schlimmsten Fall zu einem unkontrollierbaren Batteriebrand führt. Aus den uns vorliegenden Dokumenten, insbesondere aus dem parallelen Rückruf in den USA, geht hervor: Das Risiko steigt signifikant, wenn die Batterie auf über 80 Prozent ihrer Kapazität geladen wird.

Offiziell bestätigt Audi keine bestimmte Batteriegröße. Die Indizien sind allerdings eindeutig. Da die Schwestermodelle wie der VW ID.4 mit dem gleichen Problem kämpfen, liegt die Vermutung nahe, dass es sich primär um Fahrzeuge mit der großen 82-kWh-Batterie handelt. Das ist zwar noch keine Entwarnung für Besitzer der kleineren Akkus, aber ein sehr starker Hinweis auf den Schwerpunkt des Problems.

%-Ladelimit als Notbremse: Wie viel Reichweite Sie jetzt wirklich verlieren

Audis erste und wichtigste Anweisung an alle potenziell betroffenen Halter ist eine reine Vorsichtsmaßnahme mit spürbaren Folgen. Laden Sie Ihr Fahrzeug bis auf Weiteres nur noch bis zu einer Kapazität von 80 Prozent. Diese Anweisung ist keine Bitte. Sie ist eine dringende Sicherheitsempfehlung, um das Überhitzungsrisiko zu minimieren.

Was bedeutet das im Alltag? Eine ganze Menge. Bei einem Q4 e-tron mit der großen, mutmaßlich betroffenen 82-kWh-Batterie kappt das 80-Prozent-Limit die nutzbare Kapazität um ein Fünftel. Der reale Reichweitenverlust ist signifikant und kann für viele Fahrer einen zusätzlichen Ladestopp auf längeren Strecken bedeuten. Für Langstreckenfahrer und Laternenparker ohne tägliche Lademöglichkeit ist das eine massive Einschränkung.

Immerhin gibt es eine gute Nachricht in dieser ernsten Lage: Bislang sind laut den uns bekannten Unterlagen keine tatsächlichen Brände oder thermischen Ereignisse bei einem Audi Q4 e-tron im Zusammenhang mit diesem Defekt gemeldet worden. Die Maßnahme ist also präventiv. Das ist ein schwacher Trost, aber immerhin.

Software-Pflaster oder Modul-Tausch: Audis zweistufiger Plan und die Wartezeit

Der Abhilfeplan, den Audi und das KBA skizzieren, ist zweistufig und lässt entscheidende Fragen offen. Das schafft Unsicherheit für die Kunden.

Stufe 1: Sie erhalten ein Rückrufschreiben. In der Werkstatt wird Ihr Fahrzeug überprüft. Zusätzlich sollen Aufkleber als Warnhinweise an der Ladebuchse und im Fahrzeugdisplay angebracht werden, die an das 80%-Ladelimit erinnern. Ein ziemlich analoges Vorgehen für ein digitales Auto.

Stufe 2: Hier wird es vage. „Sobald verfügbar“, so die offizielle Formulierung, soll eine aktualisierte Software aufgespielt werden. Diese soll künftig Anomalien in den Batteriemodulen frühzeitig erkennen und den Fahrer warnen. Die Formulierung lautet jedoch weiter: „Zudem werden dann, falls erforderlich, einzelne Batteriemodule oder die gesamte Hochvoltbatterie ersetzt.“ Audi hat zum jetzigen Zeitpunkt noch keine klaren, messbaren Kriterien veröffentlicht, nach denen zwischen einem reinen Software-Update und einem teuren Modultausch entschieden wird. Diese Unklarheit ist für Halter, die monatelang mit eingeschränkter Reichweite leben müssen, schlicht inakzeptabel. Die Erfahrung zeigt, dass sich solche Rückrufe über viele Monate, wenn nicht sogar Jahre hinziehen können.

Rauch, Geruch, Warnmeldung: Wann Sie den Q4 sofort verlassen müssen

Bis zur endgültigen Reparatur fahren Sie mit einem Restrisiko. Deshalb ist es überlebenswichtig, die Warnzeichen eines beginnenden Batterieproblems zu kennen. Die Anweisungen des KBA sind hier unmissverständlich und sollten von jedem Fahrer verinnerlicht werden.

Achten Sie auf folgende Alarmsignale:

  • Brandgeruch im oder am Fahrzeug
  • Rauchentwicklung, insbesondere aus dem Unterbodenbereich
  • Eine explizite Warnmeldung bezüglich der Hochvoltbatterie im Display

Sollte auch nur eines dieser Symptome auftreten, gilt: Handeln Sie sofort. Halten Sie das Fahrzeug umgehend an einer sicheren Stelle an, schalten Sie es aus und verlassen Sie es. Bringen Sie sich und alle Passagiere in Sicherheit und halten Sie einen großen Abstand zum Auto. Informieren Sie die Feuerwehr über den Verdacht auf einen Batteriebrand. Parken Sie das Fahrzeug bis zur Klärung keinesfalls in einer Garage oder Tiefgarage. Auch ein Parkplatz direkt am Haus ist tabu.

Offiziell werden die Halter betroffener Fahrzeuge per Post informiert. Mein Rat als Werkstatt-Experte: Warten Sie nicht auf Post von Audi, die bei derart kleinen offiziellen Fallzahlen für Deutschland vielleicht nie ankommt. Werden Sie selbst aktiv. Jeder Audi-Partner kann anhand Ihrer Fahrzeug-Identifizierungsnummer (FIN) in wenigen Minuten prüfen, ob Ihr Q4 e-tron von der Aktion 93SK oder anderen Maßnahmen betroffen ist. Das schafft sofort Klarheit.

In der Werkstatt wird dann zunächst der Fehlerspeicher ausgelesen und eine Sichtprüfung vorgenommen. Doch das eigentliche Problem ist die unklare Zukunft. Audi verschweigt bislang die entscheidenden Details: Wie lange dauert der Werkstattaufenthalt für die finale Reparatur? Welche konkreten Messwerte entscheiden darüber, ob nur eine Software aufgespielt oder ein 10.000-Euro-Akkupaket getauscht wird? Diese fehlende Transparenz ist der eigentliche Kern des Problems für den Kunden.

Für mich ist das eigentliche Problem nicht der technische Defekt selbst – die passieren halt. Das Problem ist Audis vage Kommunikation. Ein Software-Update mit der Option auf einen späteren Hardware-Tausch ist eine Blackbox für den Kunden. Solange Audi die Kriterien für den Tausch nicht offenlegt, bleibt für Tausende Fahrer eine monatelange Hängepartie mit eingeschränkter Reichweite. Das ist für ein Premium-Fahrzeug dieser Preisklasse schlicht nicht akzeptabel und beschädigt das Vertrauen nachhaltig.


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