BMW 1er (2026) im Test: Der „Baby-BMW“ wird erwachsen – und verliert ein „i“

Lange Zeit war der 1er der Rebell der Kompaktklasse. Als einziger hatte er Hinterradantrieb. Er war eng, er war teuer, aber er fuhr quer. Diese Zeiten sind vorbei. Der aktuelle BMW 1er (Baureihe F70), der 2024 startete und uns nun im Jahr 2026 begleitet, ist ein Fronttriebler (oder Allradler). Er teilt sich die Technik mit dem Mini und dem X1. Und er hat eine historische Änderung eingeführt: Das „i“ am Ende der Benziner-Namen ist weg. Der Benziner heißt jetzt einfach „BMW 120“. Das „i“ gehört jetzt exklusiv den Elektroautos. Wir haben den Volumen-Bestseller BMW 120 und das Topmodell BMW M135 xDrive getestet. Ist das noch ein echter BMW oder nur ein teurer Mini im Business-Anzug?

Das Design: Keilform und die „1“ im Fenster

Der neue 1er (F70) sieht deutlich dynamischer aus als sein etwas pummeliger Vorgänger (F40). Die Nase ist flach, die Nieren sind breit und flach (und haben beim M135 horizontale Streben und beleuchtete Konturen). Das ganze Auto wirkt wie ein Keil, der sich in den Wind drückt. Ein nettes Detail für Kenner: Im berühmten „Hofmeister-Knick“ an der C-Säule ist jetzt eine Ziffer „1“ eingeprägt. Ein kleines, aber feines Detail, das zeigt: BMW ist stolz auf den Kleinen. Der M135 trägt hinten jetzt stolz vier echte Auspuffrohre. Früher war das den „echten“ M-Modellen (M2/M3) vorbehalten. Jetzt darf auch der Vierzylinder aussehen wie ein Großer. Das sorgt für Überholprestige, auch wenn Puristen die Augen verdrehen.

Innenraum: Die große Touch-Enttäuschung

Ich muss es leider wiederholen, wie schon beim X1 und X2: Der iDrive-Controller ist weg. Auch im 1er steuern Sie alles über das Curved Display und das Betriebssystem OS 9. Ja, das Display ist brillant scharf. Ja, die Menüs sind bunt und modern. Aber: Während der Fahrt mal eben den Zoom der Karte ändern oder einen Radiosender wechseln, ohne hinzusehen? Unmöglich. Man tippt und wischt und lenkt dabei ab. Die Verarbeitung hingegen ist top. In der Kompaktklasse macht BMW keiner was vor. Geschäumte Oberflächen, tolle Sitze (optional mit Massage!), und das vegane Leder fühlt sich überraschend echt an. Das Platzangebot: Da der Motor quer eingebaut ist, bietet der 1er ordentlich Platz. Vorne sitzt man sportlich tief und integriert. Hinten können zwei Erwachsene sitzen, ohne dass die Knie anstoßen – etwas, das im alten Heckantriebs-1er undenkbar war. Der Kofferraum ist mit 380 Litern Golf-Niveau. Solide, aber nicht riesig.

Der Antrieb: 3 Zylinder für das Volk, 4 für den Spaß

Die Motorenpalette ist übersichtlich geworden.

  1. Der Bestseller: BMW 120 Früher war ein „120i“ ein starker Vierzylinder. Heute ist der 120 ein 1.5 Liter Dreizylinder mit Mild-Hybrid. 170 PS. Klingt nach Downgrade? Ja. Fährt es sich so? Nein. Der kleine Motor knurrt sympathisch und hängt dank E-Boost gut am Gas. Er ist spritzig in der Stadt und sparsam auf der Landstraße (5 bis 6 Liter). Nur auf der Autobahn ab 180 km/h geht ihm etwas die Puste aus. Für 90% der Kunden reicht das völlig.
  2. Der Krawallmacher: BMW M135 xDrive Hier arbeitet ein 2.0 Liter Vierzylinder-Turbo. 300 PS (in Europa). Er schießt in 4,9 Sekunden auf 100 km/h. Er klingt – unterstützt durch die Lautsprecher – rotzig und böse. Das „Ploppen“ beim Schalten ist künstlich, macht aber Spaß. Dank Allradkrallen zieht er auch bei Nässe stoisch seine Bahnen. Er ist ein verdammt schnelles Auto für die Landstraße, ein echter VW Golf R Gegner. Aber: Ihm fehlt der Seiden-Charakter des alten Sechszylinders (M140i). Er ist effektiv, aber nicht emotional.

Dazwischen gibt es noch die soliden Diesel (118d / 120d), die für Vielfahrer immer noch die erste Wahl sind. 1.000 km Reichweite sind hier machbar.

Fahrverhalten: Frontantrieb, den man kaum spürt

BMW hat viel Hirnschmalz investiert, um den Frontantrieb zu kaschieren. Und es ist gelungen. Der 1er lenkt extrem direkt ein. Das Heck ist agil abgestimmt. Wenn man in der Kurve vom Gas geht, dreht er sich leicht ein – fast wie früher. Die Traktionskontrolle (Aktornahe Radschlupfbegrenzung) regelt so schnell und fein, dass man kaum Untersteuern spürt. Das Fahrwerk ist typisch BMW: Straff. Selbst im Standard-Modus spürt man, worüber man fährt. Wer eine Sänfte sucht, muss eine Mercedes A-Klasse kaufen. Wer aber gerne Kurven räubert, wird den 1er lieben. Er fühlt sich kleiner und leichter an, als er ist. Der M135 setzt mit mechanischer Sperre an der Vorderachse noch eins drauf und zieht sich förmlich aus der Kurve.

Fazit: Die teuerste Art, Golf zu fahren

Der BMW 1er (2026) ist ein hervorragendes Kompaktauto. Er ist perfekt verarbeitet, fährt sich dynamisch und bietet modernste Technik. Aber er hat seinen Preis. Ein nackter 120 startet bei Preisen, für die man anderswo voll ausgestattete Mittelklasse-Wagen bekommt. Mit M-Paket und etwas Ausstattung landen wir schnell bei 50.000 Euro. Für einen Dreizylinder! Der M135 knackt spielend die 70.000er Marke. Ist er das wert? Wenn Sie das BMW-Gefühl im kompakten Format wollen und über die Touch-Bedienung hinwegsehen können: Ja. Er ist der dynamischste Fronttriebler seiner Klasse. Aber das „besondere Etwas“ des alten Hecktrieblers ist endgültig Geschichte.

Die ungeschminkte Wahrheit:

  • Kein Handschalter mehr: Es gibt den 1er nur noch mit 7-Gang-Doppelkupplung. Wer selbst rühren will, muss zum M2 sparen oder die Marke wechseln.
  • Abo-Modelle: Sie wollen die Lenkradheizung oder den Fernlichtassistenten? Wenn Sie es beim Kauf nicht angekreuzt haben, können Sie es nachträglich im „ConnectedDrive Store“ mieten. Monatlich. Willkommen in 2026.

Kaufen Sie ihn, wenn:

  • Sie ein Premium-Auto für die Stadt suchen, das sich hochwertig anfühlt.
  • Sie Fahrspaß mögen, aber keinen Platz für einen 3er haben.
  • Sie den modernen Look mit dem Curved Display feiern.

Lassen Sie es, wenn:

  • Sie dem alten M140i (Sechszylinder) nachtrauern. Der M135 wird Sie enttäuschen.
  • Sie Touch-Bedienung hassen. Es gibt kein Zurück zum Drehknopf.
  • Sie auf das Budget achten. Ein Audi A3 oder Golf GTI ist oft günstiger zu haben.

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Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.


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