Noch im November letzten Jahres haben wir auf der Messe die Studie bestaunt. Ein cleverer Zug von Dacia: Ein C-Segment-SUV mit fast 4,60 Metern Länge und der Optik eines kleinen Offroaders, preislich aber auf dem Niveau eines VW Golf. Jetzt, im Frühjahr 2026, rollen die ersten Serienmodelle über die Straßen. Wir tauschen den Messestand gegen den echten Härtetest im bayerischen Voralpenland.
Für unseren Test haben wir uns das Topmodell geschnappt: den neuen Dacia Bigster Hybrid 155 in der vollen „Journey“-Ausstattung. Der Blick auf die Preisliste sorgt für einen Moment des Zögerns. Knapp 30.000 Euro. Für einen Dacia. Das wirft die Frage auf, ob die Marke ihre pragmatischen und preisbewussten Wurzeln verlassen hat. Nach 850 Kilometern im Testbetrieb steht unser Urteil fest.
Technische Daten & Spezifikationen
| Kategorie | Dacia Bigster Hybrid 155 „Journey“ (2026) |
| Motor & Antrieb | 1.8L 4-Zylinder Benziner + E-Motor (Vollhybrid), Frontantrieb |
| Systemleistung | 155 PS (114 kW) |
| Getriebe | Multi-Mode-Automatik (ohne Kupplung) |
| 0-100 km/h / Vmax | 9,7 s / 170 km/h (abgeregelt) |
| Testverbrauch (Mix) | 5,6 l/100 km (Normalbenzin) |
| Kfz-Steuer (Deutschland) | ca. 90 € – 110 € / Jahr |
| Fahrzeuglänge / -breite | 4.570 mm / 1.810 mm (ohne Spiegel) |
| Kofferraumvolumen | 667 Liter bis über 1.600 Liter |
| Basispreis (Schätzung DE) | ab ca. 25.000 € (Testwagen: ca. 30.000 €) |
Unterhalt, Preis und das 30.000-Euro-Paradoxon
30.000 Euro für einen Dacia. Das klingt erstmal nach einer Ansage. Man muss diesen Preis aber fair einordnen. Dafür gibt es kein nacktes Basismodell mit Stahlfelgen. Man bekommt ein voll ausgestattetes SUV in der „Journey“-Linie, inklusive Vollhybrid, elektrischer Heckklappe, Panoramadach und aktueller Assistenzsysteme.
Ein vergleichbar ausgestatteter VW Tiguan oder Skoda Karoq mit ähnlichem Antrieb und Platzangebot knackt spielend die 40.000- bis 45.000-Euro-Marke. Der Bigster bleibt also ein echtes Angebot, auch wenn sich das allgemeine Preisgefüge im Automarkt nach oben bewegt hat. Für absolute Sparfüchse und Langstreckenfahrer gibt es eine noch interessantere Option: der Bigster ECO-G 140. Sein neu entwickelter 1,2-Liter-Dreizylinder läuft bivalent mit Benzin und Autogas (LPG). Zwei große Tanks ermöglichen eine theoretische Reichweite von 1.450 Kilometern bei sehr niedrigen Kraftstoffkosten.
Design, Abmessungen und das Platzwunder
Neben dem Bigster wirkt ein VW Tiguan fast schon bieder. Mit 4,57 Metern ist der Bigster ganze 23 Zentimeter länger als sein kleiner Bruder, der Duster. Sein kantiges Design, die Y-förmigen LED-Leuchten und der massive Unterfahrschutz verleihen ihm eine beeindruckende Präsenz auf der Straße. Ein besonders cleveres Detail: Die wuchtigen Radläufe bestehen aus „Starkle“, einem unlackierten, recycelten Kunststoff. Kratzer vom Einkaufswagen auf dem Parkplatz verlieren damit ihren Schrecken.
Der eigentliche Luxus des Bigster ist sein Raumangebot. Dacia verzichtet bewusst auf eine dritte Sitzreihe, um dem Jogger nicht ins Gehege zu kommen. Dieser Verzicht maximiert den Platz für die Passagiere. Selbst Mitfahrer mit zwei Metern Körpergröße finden im Fond eine entspannte Sitzposition mit üppiger Beinfreiheit.
Hinter der optional elektrischen Heckklappe wartet ein riesiger Kofferraum mit 667 Litern Volumen. Legt man die 40:20:40 geteilte Rückbank über die „Easy Fold“-Hebel um, entsteht eine Ladefläche, die auch vor Möbeltransporten nicht kapituliert. Für Camper hat Dacia das bekannte „Sleep Pack“ im Angebot: eine passgenaue Box für den Kofferraum, die sich mit wenigen Handgriffen in ein 1,90 Meter langes Doppelbett verwandeln lässt.
Innenraum: Zweizonen-Klima und die Rettung der Tasten
Für 30.000 Euro erwarten Kunden zu Recht mehr als eine reine Hartplastiklandschaft. Dacia findet hier einen intelligenten Kompromiss. Das Armaturenbrett besteht zwar aus robustem, hartem Kunststoff – aufgeschäumte Materialien fehlen. Dafür werten großflächige Stoffeinlagen das Ambiente spürbar auf und sorgen für eine wohnliche Atmosphäre.
Ein Novum für die Marke: Der Bigster ist der erste Dacia, den es mit einer Zweizonen-Klimaautomatik gibt. Erfreulicherweise wird sie über klassische, physische Tasten und Drehregler gesteuert – ein Segen für die Ergonomie. Der serienmäßige 10,1-Zoll-Touchscreen reagiert schnell und integriert Apple CarPlay kabellos. Als besonders praxistauglich erweist sich das „YouClip“-System mit seinen standardisierten Halterungen für Zubehör wie Lampen oder Tablet-Halter. Die serienmäßige Akustikverglasung der Frontscheibe reduziert zudem die Fahrgeräusche bei höheren Geschwindigkeiten.
Antrieb und Fahrdynamik: Sanft in der Stadt, laut auf der Bahn
Im Bug unseres Testwagens steckt der neu entwickelte Hybrid 155. Er löst den schwächeren 140-PS-Hybridantrieb aus dem Jogger ab. Das System besteht aus einem 1,8-Liter-Vierzylinder-Saugbenziner mit 107 PS, einem 50 PS starken E-Motor und einem kupplungslosen Multi-Mode-Getriebe.
Im Stadtverkehr spielt dieser Antrieb seine Stärken aus. Laut Dacia legt der Bigster hier bis zu 80 Prozent der Strecken rein elektrisch zurück. Das Zusammenspiel mit dem Verbrenner funktioniert dank des größeren Hubraums deutlich harmonischer und ruhiger als bei früheren Hybrid-Versionen. Das Auto gleitet sanft und leise durch den Verkehr.
Auf der Autobahn zeigt sich ein anderes Bild. Fordert man die volle Systemleistung von 155 PS für ein Überholmanöver an, wird es akustisch präsent. Das Getriebe zwingt den Benziner in hohe Drehzahlbereiche, was zu einem angestrengten Dröhnen führt. Das Leergewicht von knapp 1,5 Tonnen macht sich bemerkbar; die gefühlte Leistung liegt bei hohem Tempo eher im Bereich von 130 PS. Bei 170 km/h greift ohnehin der elektronische Begrenzer. Ab 130 km/h machen sich trotz Akustikglas deutliche Windgeräusche an den A-Säulen bemerkbar.
Die Belohnung für die akustischen Kompromisse auf der Autobahn folgt an der Tankstelle. Im Testmix aus Landstraße und zügigen Autobahnetappen lag unser Verbrauch bei nur 5,6 Litern Super. Ein exzellenter Wert für ein SUV dieser Größe ohne Plug-in-Technik. Ein wichtiger Hinweis für Geländegänger: Der Hybrid wird ausschließlich mit Frontantrieb angeboten. Wer einen echten Allradantrieb benötigt, muss zum TCe 130 mit Schaltgetriebe greifen.
Konkurrenz-Check
- MG HS (PHEV / Benziner): Der stärkste Konkurrent kommt aus China. Für ähnliches Geld gibt es hier teils schon Plug-in-Hybrid-Technik und eine haptisch hochwertigere Innenausstattung. Die Kehrseite: Bei leerem Akku ist der Benziner auf der Autobahn durstiger, und das Infotainmentsystem ist bekannt für seine Trägheit. Der Dacia ist hier das konsequentere und effizientere Gesamtpaket.
- Skoda Karoq / VW Tiguan: Die etablierte Konkurrenz aus dem VW-Konzern. Sie bietet eine bessere Geräuschdämmung, höherwertige Kunststoffe und aufwendigere Fahrwerke. Dieser Komfortgewinn hat seinen Preis: Ausstattungsbereinigt liegt der Aufpreis bei 10.000 bis 15.000 Euro. Eine Summe, die für preisbewusste Käufer den Unterschied macht.
Pro & Contra
- ✅ Pro: Enormes und flexibles Platzangebot für Insassen und Gepäck (667 L).
- ✅ Pro: Effizienter Vollhybrid (Testverbrauch 5,6 l/100 km) mit sehr sanftem Ansprechverhalten in der Stadt.
- ✅ Pro: Hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis, auch als voll ausgestattetes Topmodell.
- ✅ Pro: Vorbildliche Bedienung der Zweizonen-Klimaautomatik über physische Tasten.
- ❌ Contra: Angestrengtes und lautes Motorgeräusch bei starker Last auf der Autobahn.
- ❌ Contra: Hybridantrieb ist nicht mit der optionalen 4×4-Version kombinierbar.
- ❌ Contra: Zunehmende Windgeräusche an der Karosserie ab ca. 130 km/h.
Alex Wind meint:
Reden wir Klartext. Der Preis von 30.000 Euro für einen Dacia mag zunächst irritieren, doch der Gedanke ist falsch. Man kauft hier kein Verzichts-Mobil. Man bekommt ein voll-wertiges C-Segment-SUV mit markantem Design, effizientem Vollhybrid, Automatik und einem riesigen Platzangebot. Die etablierte Konkurrenz verlangt für ein vergleichbares Paket mindestens 15.000 Euro mehr. Der Bigster ist die ideale Wahl für Familien und Pendler mit viel Stadt- und Landstraßenanteil, die ihr Geld lieber für anderes ausgeben als für weich unterschäumte Kunststoffe. Einzig Vielfahrer, die permanent auf der linken Spur unterwegs sind, werden sich an der Geräuschkulisse des Antriebs stören. Für den Großteil der Autofahrer ist dieser Dacia aber schlicht der König der Vernunft im Jahr 2026.



















































































