eCall-Ausfall droht 16 Mio. Autos – 2G-Netz wird bis 2030 abgeschaltet

Notruf-Taste eCall SOS in der Dachkonsole und Diagnosegerät zur Prüfung der 2G-Netzanbindung
Foto: KI-generiert

Die Meldung über eine neue Mercedes-Funktion, die per eCall das Hochvolt-System abschaltet, klingt nach einem Sicherheits-Quantensprung. Doch unsere Recherchen zeigen: Für diese angebliche Innovation gibt es aktuell keine einzige belegbare Quelle von Mercedes-Benz. Die wahre, unbequeme Nachricht ist eine andere: Das etablierte eCall-System selbst wird durch die Abschaltung des 2G-Mobilfunknetzes in Millionen von Fahrzeugen, auch bei Mercedes, bald komplett ausfallen.

Laut ADAC sind rund 16 Millionen Autos in Deutschland betroffen, deren Notrufsysteme auf der veralteten 2G-Technik basieren und bis spätestens 2030 verstummen werden. Einige Hersteller haben diese Technik sogar noch bis 2026 verbaut. Dieser Praxis-Check klärt, warum die Gerüchte um die Mercedes-Funktion unbelegt bleiben, entlarvt die echte Sicherheitslücke der 2G-Abschaltung und zeigt, worauf Sie beim Autokauf jetzt zwingend achten müssen, damit Ihr automatischer Lebensretter nicht plötzlich stumm bleibt.

Mercedes‘ HV-Not-Aus: Bisher mehr Gerücht als belegte Funktion

Die ursprüngliche Anfrage an unsere Redaktion klang vielversprechend: Kombiniert Mercedes-Benz den automatischen Notruf eCall mit der digitalen Rettungskarte, um nach einem Unfall das Hochvolt-System eines Elektroautos oder Hybriden selbstständig abzuschalten? Das wäre ein enormer Fortschritt für die Sicherheit von Insassen und vor allem für Ersthelfer und Feuerwehren, die sich so nicht mehr der Gefahr eines Stromschlags aussetzen müssten.

Ich muss es aber in aller Deutlichkeit sagen: Nach intensiver Recherche in den offiziellen Kanälen von Mercedes-Benz, in technischen Datenbanken und im Austausch mit unseren Kontakten gibt es für die Existenz dieser spezifischen Funktion zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Bestätigung. Weder eine Pressemitteilung noch ein technisches Datenblatt beschreiben diesen Mechanismus. Es ist unklar, in welchen Modellen es angeblich verbaut sein soll, wie es technisch funktioniert oder ob es überhaupt über die Phase einer internen Studie hinausgekommen ist.

Das ist ein klassischer Fall, bei dem eine potenziell bahnbrechende Idee die Runde macht, ohne dass es dafür handfeste Belege gibt. Für Sie als Autofahrer und potenziellen Käufer bedeutet das: Betrachten Sie diese Information als das, was sie aktuell ist – ein unbestätigtes Gerücht. Eine Kaufentscheidung sollte niemals auf einer solchen vagen Grundlage getroffen werden. Die eigentliche, belegbare Gefahr für Ihre Sicherheit lauert an einer ganz anderen, viel fundamentaleren Stelle des Notrufsystems.

Das reale Sicherheitsrisiko: Warum 16 Millionen Notrufsysteme bald verstummen

Während wir einer Phantom-Funktion nachjagen, tickt unter dem Blech von Millionen deutscher Autos eine echte Sicherheitslücke. Der automatische Notruf eCall, seit 2018 für alle Neuwagen in der EU Pflicht, steht vor einem systemweiten Kollaps. Der Grund ist so banal wie folgenschwer: Die Mobilfunkanbieter schalten das alte 2G-Netz (auch als GSM bekannt) ab, über das ein Großteil der heute verbauten eCall-Module kommuniziert.

Bei einem schweren Unfall, wenn die Airbags auslösen, wählt das Auto automatisch die 112 und übermittelt lebenswichtige Daten wie den genauen Standort. Doch wenn das Netz weg ist, ruft das Auto ins Leere. Der Notruf bleibt aus. Laut einer umfassenden Recherche des ADAC sind in Deutschland rund 16 Millionen Fahrzeuge von diesem drohenden Ausfall betroffen. Die Abschalttermine sind bereits fix:

NetzbetreiberGeplante 2G-Abschaltung bis
TelekomEnde 2028
Telefónica (O2)Ende 2028
VodafoneEnde 2030

Das schockierende Detail, das viele nicht auf dem Schirm haben: Das betrifft nicht nur 15 Jahre alte Gebrauchtwagen. Einige Hersteller, darunter beispielsweise Hyundai, haben die veraltete 2G-Technik laut ADAC teils noch bis ins Jahr 2026 in Neuwagen verbaut. Sie kaufen also unter Umständen ein fast neues Auto, dessen wichtigstes passives Sicherheitssystem eine eingebaute Obsoleszenz hat und in wenigen Jahren nutzlos wird. Aus meiner Sicht als Ingenieur ist das ein handfester Skandal und eine grobe Täuschung des Kunden, der von einem modernen Auto auch eine zukunftssichere Notfalltechnik erwartet.

Die logische Frage, die mir in der Werkstatt und in Leserbriefen jetzt immer häufiger gestellt wird, lautet: „Kann ich mein Auto nicht einfach umrüsten lassen?“ Die Antwort ist in den allermeisten Fällen ein klares und ernüchterndes Nein. Wer glaubt, man könne einfach eine neue SIM-Karte einlegen oder ein kleines Modul tauschen, unterschätzt die Komplexität moderner Fahrzeugelektronik gewaltig.

Das eCall-Modul ist kein eigenständiger Kasten, den man wie ein altes Radio aus dem Schacht zieht. Es ist tief in die Bordelektronik, das CAN-Bus-System und die Software-Architektur des Fahrzeugs integriert. Eine Umrüstung von 2G auf den modernen 4G- oder 5G-Standard (genannt „NG eCall“ für Next Generation eCall) würde den Austausch des gesamten Kommunikationssteuergeräts, oft auch der Antennen und Teile des Kabelbaums erfordern. Anschließend müsste die neue Hardware mit einer komplett neuen Software-Version auf alle anderen Steuergeräte im Fahrzeug abgestimmt und validiert werden.

Die Kosten für einen solchen Eingriff wären immens und würden bei vielen Fahrzeugen den Restwert übersteigen. Die Hersteller haben schlicht kein wirtschaftliches Interesse daran, für Millionen von Altfahrzeugen solche aufwendigen und teuren Umrüstkits zu entwickeln und anzubieten. Die bittere Wahrheit ist: Die meisten dieser 16 Millionen Autos werden ihr eCall-System ersatzlos verlieren. Sie werden sicherheitstechnisch auf das Niveau von Fahrzeugen aus den 90er-Jahren zurückgestuft.

Sicherheit mit Ablaufdatum: Worauf Sie beim Autokauf jetzt achten müssen

Diese Entwicklung verändert die Spielregeln beim Autokauf fundamental. Ein bisher selbstverständliches Sicherheitsfeature wird plötzlich zu einem kritischen Prüfpunkt mit Verfallsdatum. Die gute Nachricht ist: Der Gesetzgeber hat reagiert, wenn auch spät. Für neu auf den Markt gebrachte Fahrzeugtypen ist der zukunftssichere NG eCall auf 4G/5G-Basis seit dem 1. Januar 2026 Pflicht. Ab Anfang 2027 muss dann jeder Neuwagen in der EU damit ausgestattet sein.

Für Sie als Käufer ergeben sich daraus klare Handlungsanweisungen. Beim Kauf eines Neuwagens sollten Sie sich vom Händler schriftlich bestätigen lassen, dass das Fahrzeug über ein 4G/5G-fähiges „NG eCall“-System verfügt. Verlassen Sie sich nicht auf mündliche Zusagen. Die kritischste Phase betrifft den Gebrauchtwagenmarkt, insbesondere Fahrzeuge der Baujahre 2020 bis 2026. Hier müssen Sie investigativ werden. Fragen Sie gezielt nach dem verbauten Mobilfunkstandard. Ein Verkäufer, der hier ausweicht oder keine Antwort geben kann, verkauft Ihnen möglicherweise ein Auto mit einem bald ablaufenden Sicherheitssystem.

Mein Urteil fällt daher unmissverständlich aus: Die Debatte um eine spekulative Mercedes-Funktion ist eine Nebelkerze, die von dem viel größeren, systemischen Versäumnis der gesamten Branche ablenkt. Jahrelang wurden Autos verkauft, deren digitale Lebensader absehbar gekappt werden würde. Für mich ist das unverantwortlich. Für Sie als Autofahrer bedeutet es, dass Sie Ihre Sicherheit wieder selbst in die Hand nehmen müssen. Machen Sie die Frage nach dem „NG eCall“ zu einem K.o.-Kriterium bei Ihrer nächsten Kaufentscheidung. Denn was nützt das sicherste Auto, wenn im entscheidenden Moment niemand Ihren stummen Hilferuf hört?


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