Der chinesische Staatskonzern FAW bringt mit dem Hongqi E-HS7 ein wuchtiges Elektro-SUV nach Europa, das deutsche Premiumfahrer mit 619 PS und Luxusausstattung locken will, aber im Sicherheitsbereich überrascht: Beim Euro-NCAP-Crashtest rutschte der Fahrerdummy unter dem Beckengurt durch. Für hiesige Interessenten bedeutet das Debüt ein spannendes Preisversprechen ab 59.995 Euro, gepaart mit sicherheitstechnischen Fragezeichen vor dem Marktstart.
Unter der 4,93 Meter langen Karosserie arbeiten ein 111-kWh-Akkupaket und eine 800-Volt-Architektur, deren Ladeleistung die norwegische NAF im Praxistest mit gemessenen 201 kW statt der versprochenen 250 kW ermittelte. Hedin Automotive in Schwetzingen übernimmt den exklusiven Deutschland-Vertrieb für das zweimotorige Allrad-SUV. Wer den Umstieg plant, muss die realen Ladezeiten, das Submarining-Risiko und die Anhängelast von 1.500 Kilogramm genau abwägen.
Pariser Autosalon 2024: Hongqis Großangriff auf die europäische Luxusklasse
Die traditionsreiche chinesische Marke Hongqi – übersetzt „Rote Fahne“ und seit 1958 Hoflieferant der chinesischen Staatsführung – nutzte den Pariser Autosalon für eine unmissverständliche Machtdemonstration. Nachdem das monumentale Oberklasse-SUV E-HS9 bereits in Skandinavien erste Marktanteile eroberte, markiert die Premiere des E-HS7 zusammen mit der Limousine EH7 den Einstieg in das europäische Premium-Segment. Auf dem Messegelände in Paris öffnete der Hersteller FAW am 14. Oktober 2024 offiziell die Vorbestellungen für europäische Kunden.
Mit einer Gesamtlänge von 4.925 Millimetern, einer Karosseriebreite von 1.950 Millimetern und einer Höhe von 1.680 Millimetern positioniert sich das SUV direkt gegen etablierte Konkurrenten wie den Audi Q6 e-tron und das Mercedes-Benz EQE SUV. Der Radstand von glatt 3.000 Millimetern schafft dabei die konstruktive Basis für großzügige Platzverhältnisse im Fahrgastraum. Hongqi will mit dem E-HS7 beweisen, dass die Marke neben klassischem Prunk auch aerodynamische Effizienz und moderne Antriebskomponenten für europäische Autobahnen beherrscht.
Antrieb und Fahrleistungen: Bis zu 619 PS und Sportwagenbeschleunigung
Unter der Haube setzt Hongqi auf moderne Antriebstechnik mit hoher Leistungsdichte. Die verbauten Elektromotoren erreichen Rotordrehzahlen von bis zu 22.500 Umdrehungen pro Minute. Diese Auslegung ermöglicht kompakte Abmessungen der E-Maschinen und erlaubt eine abgeregelte Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h, was für Elektro-SUVs dieser Gewichtsklasse im deutschen Verkehrsalltag ein relevanter Faktor ist.
Hongqi staffelt das Portfolio in zwei primäre Antriebskonfigurationen:
- Long Range (Heckantrieb): Angetrieben von einem permanenterregten Synchronmotor an der Hinterachse mit 253 kW (344 PS). Diese Variante dient als Reichweitenmodell der Baureihe.
- Pro / Exclusive (Allradantrieb): Der Heckmotor mit 253 kW wird um eine separate Front-E-Maschine mit 202 kW (275 PS) ergänzt. Daraus resultiert eine Systemleistung von 455 kW (619 PS).
In der zweimotorigen 455-kW-Ausführung beschleunigt das allradgetriebene SUV nach Werksangabe in 3,9 Sekunden von null auf 100 km/h. Erste Testberichte wie jener von Goodwood zeigen jedoch eine fahrphysikalische Besonderheit: Bei abruptem Beschleunigen aus dem Stand muss die Traktionsregelung spürbar arbeiten, da die abrupte Kraftentfaltung zu deutlicher Unruhe in der Lenkung führen kann.
800-Volt-Batterietechnik: Werksversprechen gegen reale Ladekurven
Die Basis für die Schnellladefähigkeit des Hongqi E-HS7 bildet ein 800-Volt-Bordnetz. Als Energiespeicher dient ein Lithium-Ionen-Akkupaket mit einer Kapazität von 111 Kilowattstunden (kWh), flankiert von einer kleineren 85-kWh-Option (rund 475 km Reichweite). Für die heckgetriebene Long-Range-Version mit 111-kWh-Akku stellt der Hersteller eine WLTP-Reichweite von bis zu 600 Kilometern in Aussicht. Die allradgetriebene Topversion mit 619 PS ist im standardisierten WLTP-Zyklus mit 540 Kilometern Reichweite gelistet.
Für die 111-kWh-Batterie verspricht Hongqi eine maximale DC-Ladeleistung von bis zu 250 kW. Ein Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent State of Charge (SoC) soll unter Idealbedingungen in exakt 20 Minuten abgeschlossen sein – ein Laborversprechen, das unabhängige Messungen bereits auf die Probe gestellt haben.
Unabhängige Ladeanalyse: Werksangabe versus NAF-Messung
Im standardisierten Sommer-Vergleichstest des norwegischen Automobilclubs NAF musste der Hongqi EHS7 Exclusive 4WD mit 111-kWh-Batterie an einer High-Power-Ladesäule antreten. Die norwegischen Prüfer protokollierten eine Spitzenladeleistung von 201 kW. Dies entspricht einer Abweichung von 19,6 Prozent unter der Werksangabe von 250 kW. Für das Ladefenster von 10 auf 80 Prozent benötigte das Fahrzeug exakt 24 Minuten und 2 Sekunden.
| Messgröße / Parameter | Herstellerangabe (Hongqi EHS7) | NAF-Messung (Sommertest) | Abweichung / Einordnung |
|---|---|---|---|
| Maximale DC-Ladeleistung | 250 kW | 201 kW | -19,6 % gegenüber Werksangabe |
| Ladedauer (10–80 % SoC) | 20 Minuten | 24 Minuten 02 Sekunden | +4 Minuten realer Zeitaufwand |
| Batteriekapazität | 111 kWh | 111 kWh | Großes Speichervolumen für die Langstrecke |
| Reichweite (AWD, WLTP) | 540 km | 540 km (WLTP-Werksangabe) | Offizielle Normreichweite laut NAF-Testdatenblatt |
Eine Ladezeit von rund 24 Minuten für das Nachladen von über 77 kWh Energie ist im Alltag ein praxistauglicher Wert. Dennoch zeigt die Messung, dass der EHS7 seine Spitzenleistung von 201 kW nicht so lange halten kann, wie es die Werksangabe von 20 Minuten suggeriert.
Plattform, Abmessungen und Luxus-Interieur: Platzangebot und Cockpit-Check
Konstruktiv basiert der E-HS7 auf der TianGong-Elektroplattform des FAW-Konzerns, die in früheren technischen Dokumenten auch unter dem Entwicklungskürzel FME geführt wurde. Das Fahrwerk nutzt eine Doppelquerlenker-Vorderachse und eine Fünflenker-Hinterachse in Kombination mit elektronisch geregelten IDCS-Dämpfern (Intelligent Damping Control System). Eine mitlenkende Hinterachse soll den Wendekreis in urbanen Parkhäusern verkleinern und bei Autobahntempo für Richtungsstabilität sorgen.
Unsere Standbegutachtung und Sitzprobe in Paris bestätigt den hohen Komfortanspruch: Die handgenähten Nappa-Ledersitze bieten eine weiche, langstreckentaugliche Polsterung. Im Fond macht sich der Radstand von 3.000 Millimetern bezahlt: Passagiere genießen hier großzügige Beinfreiheit. Das rund zwei Quadratmeter große Panorama-Glasdach flutet den Innenraum mit Tageslicht. Der Verzicht auf klassische Schalter zugunsten von Touch-Bedienfeldern verlangt während der Fahrt Eingewöhnung.
Bordelektronik und Software: 63-Zoll-HUD und Herausforderungen bei der Europa-Konnektivität
Die digitale Anzeigeebene besteht aus einem schmalen 6-Zoll-Fahrerdisplay hinter dem Lenkrad und einem 15,5-Zoll-Zentralbildschirm. Die Rechenleistung für das Infotainmentsystem liefert ein Qualcomm Snapdragon 8155-Chipsatz, der Eingaben flüssig verarbeitet. Bei der Lokalisierung für den europäischen Markt besteht vor dem Serienanlauf jedoch noch spürbarer Entwicklungsbedarf.
Auf dem Datenblatt beeindruckt das Augmented-Reality-Head-up-Display mit einer Projektionsfläche von rechnerisch 63 Zoll Diagonale. In frühen Erprobungs- und Testexemplaren außerhalb Chinas funktionierte das System jedoch nur eingeschränkt: Da die europäischen eSIM-Dienste und das Online-Kartenmaterial im Betriebssystem noch nicht final integriert waren, beschränkte sich die Projektion vorerst auf Fahrtempo und Restreichweite. Für den regulären Betrieb in Deutschland muss der Importeur sicherstellen, dass Ladeplanung, Vorkonditionierung und Over-the-Air-Updates vollständig synchronisiert sind.
Sicherheitsbilanz im Euro-NCAP: Hoher Insassenschutz mit Submarining-Auffälligkeit
Bei der passiven Sicherheit liefert der Hongqi EHS7 im genormten Sicherheitstest von Euro NCAP 2025 solide Basiswerte: Das Modell mit 111-kWh-Batterie erreichte 93 Prozent beim Schutz erwachsener Insassen und erzielte volle Punktzahl beim Seitenaufprall gegen eine bewegliche Barriere.
Allerdings deckte das Prüfprotokoll beim Frontalaufprall auf eine starre Barriere über die volle Fahrzeugbreite (Full Width Rigid Barrier) einen sicherheitsrelevanten Mangel auf. In der Auswertung nach dem Crash stellten die Ingenieure fest, dass das Becken des Fahrerdummys unter dem Beckengurt hindurchgerutscht war. Dieses als „Submarining“ bekannte Phänomen führt dazu, dass die Rückhaltekräfte nicht über die stabilen Beckenknochen, sondern über die weichen Bauchorgane und die Lendenwirbelsäule abgeleitet werden. Euro NCAP stufte den Schutz der Beckenregion des Fahrers daraufhin auf die schlechteste Bewertungsstufe „poor“ herab. Hier muss FAW bei der Gurtstraffung und Sitzrampengeometrie vor der breiten Markteinführung nachbessern.
Alltagstauglichkeit und Zugbetrieb: Kofferraumvolumen, Nutzlast und Anhängelast
Für den Einsatz als Familien- oder Zugfahrzeug setzen die Homologationsdaten klare praktische Grenzen:
- Kofferraumvolumen: Das Heckabteil fasst 456 Liter. Angesichts von knapp fünf Metern Außenlänge ist das Ladevolumen moderat bemessen, bedingt durch das geschwungene Heckdesign. Dafür bietet der E-HS7 unter der Fronthaube einen 62 Liter großen Frunk, der Schmutz- und Ladekabel aufnimmt.
- Zuladung: Die maximale Nutzlast beträgt 460 Kilogramm. Bei voller Besetzung mit fünf Erwachsenen bleibt wenig Spielraum für schweres Reisegepäck.
- Anhängelast: Hongqi genehmigt für den EHS7 Exclusive 4WD eine gebremste Anhängelast von 1.500 Kilogramm. Das genügt für Fahrradträger oder kleinere Transportanhänger, schließt jedoch schwere Doppelachs-Wohnwagen oder Bootstrailer aus.
- Bereifung: Serienmäßig kommen bei den höherwertigen Versionen 21-Zoll-Räder mit Mischbereifung zum Einsatz (255/45 R21 vorn und 275/40 R21 hinten), was beim saisonalen Winterreifenwechsel Mehrkosten verursacht.
Marktstart, ADAC-Katalogpreise und deutsches Händlernetz über Hedin
Den Import und die bundesweite Vertriebsbetreuung steuert die Hedin Automotive eMobility mit Sitz in Schwetzingen. Die schwedische Handelsgruppe fungiert in Deutschland als exklusiver Vertriebs- und Servicepartner für Hongqi und baut derzeit die regionale Werkstatt- und Händlerabdeckung auf.
Im offiziellen Datenbestand des ADAC wird der Hongqi EHS7 Long Range mit 253 kW und großer Batterie mit einem Grundpreis von 59.995 Euro für den deutschen Markt gelistet. Der ADAC weist für den heckgetriebenen Stromer einen kombinierten Normverbrauch von 18,5 kWh pro 100 Kilometer und einen Bauzeitraum von August 2025 bis Februar 2026 aus. Mit einem Einstieg von unter 60.000 Euro setzt Hongqi deutsche Mitbewerber preislich unter Druck, da vergleichbar ausgestattete Modelle aus Stuttgart oder Ingolstadt deutlich teurer sind. Offizielle Listenpreise für die 619 PS starke Allradversion und die Anpassungen infolge möglicher EU-Zölle auf chinesische Elektroimporte stehen noch aus.
Fazit und redaktionelles Urteil von Alex Wind
Der Hongqi E-HS7 hinterlässt bei meiner Standbegutachtung in Paris einen technisch ambitionierten Eindruck: 800-Volt-Architektur, 619 PS Spitzenleistung und ein gewaltiger 111-kWh-Akku zu einem ADAC-Einstiegspreis von 59.995 Euro für das Long-Range-Modell sind im Luxus-SUV-Segment eine harte Kampfansage an Audi, BMW und Mercedes. Die Verarbeitungsqualität der Sitze mit Nappa-Leder und das üppige Raumangebot im Fond überzeugen auf Anhieb.
Als Tester mahne ich Kaufinteressenten dennoch zur Nüchternheit: Die unabhängigen Messungen des NAF zeigen, dass die Ladeleistung mit realen 201 kW spürbar hinter dem Werbeversprechen von 250 kW zurückbleibt. Schwerwiegender ist der Euro-NCAP-Crashtest, bei dem das Submarining des Fahrersitzes zu einer Abwertung der Beckensicherheit auf mangelhaft führte. Auch die Anhängelast von 1.500 Kilogramm und das mäßige Kofferraumvolumen von 456 Litern schränken den Nutzwert für Vielfahrer ein.
Mein Rat für deutsche Autofahrer: Wer maximale Lade- und Fahrleistung fürs Geld sucht, sollte den E-HS7 im Auge behalten, aber vor einer Kaufentscheidung abwarten, ob Hedin Automotive und FAW bis zu den regulären Kundenauslieferungen im Spätsommer 2025 die Sitzkonturen nachbessern und das Infotainmentsystem für den deutschen Markt vollumfänglich lokalisieren.
