Kia Stonic (2026): Der geniale Bluff mit dem neuen Gesicht

Eigentlich war das Grab schon geschaufelt. Alle Experten – mich eingeschlossen – waren sicher: Sobald der elektrische Kia EV3 kommt, wird der kleine Verbrenner-Crossover Stonic beerdigt. Doch Kia hat uns alle überrascht. Statt einer Beerdigung gab es ein zweites, radikales Facelift. Der Kia Stonic (Modelljahr 2026) steht jetzt bei den Händlern, und er sieht aus wie ein EV3, der geschrumpft ist und Auspuffrohre versteckt. Er trägt die futuristische „Star Map“ Lichtsignatur, er hat das neue Kia-Logo, und innen leuchten Bildschirme, die man eher in der Oberklasse vermuten würde. Die Botschaft ist klar: „Du findest den EV3 cool, hast aber keine Wallbox oder keine 40.000 Euro? Dann nimm mich.“ Ich bin den „neuen alten“ Stonic als GT-line gefahren. Ist das die cleverste Rettung eines Verbrenners oder nur ein altes Auto in einem sehr teuren neuen Anzug?

Cockpit-Revolution: Curved Display im Kleinwagen?

Vergessen Sie alles, was Sie über den alten Stonic-Innenraum wussten. Das 2026er Modell wirft die analogen Zeiger raus und installiert ein gewölbtes Panorama-Display (zwei 12,3-Zoll-Screens unter einem Glas), das direkt aus dem Sportage zu stammen scheint.

Das ist für diese Fahrzeugklasse (B-SUV) eine Ansage. Wenn Sie einsteigen, wirkt das Auto 10.000 Euro teurer, als es ist. Die Grafiken des neuen „ccNC“-Betriebssystems sind gestochen scharf, die Reaktionszeiten blitzschnell. Aber Kia hat auch den Teufel eingeladen: Die Multimode-Touch-Leiste. Sie kennen sie vielleicht aus dem EV6. Eine schmale Leiste unter dem Bildschirm, die ihre Funktion wechselt. Mal steuert sie die Klimaanlage, mal das Navi. Ein kleiner Fingertipp schaltet um. Sieht das cool aus? Ja, extrem modern. Ist es praktisch? Nein, es ist furchtbar. Im stressigen Stadtverkehr will man die Musik leiser drehen und verstellt versehentlich die Temperatur, weil man vergessen hat, den Modus zu wechseln. Das ist „Form vor Funktion“. Aber es ist der Preis, den man für diesen futuristischen Look zahlen muss.

Der Motor: 1.0 T-GDI ist der Alleinherrscher

Die Auswahl ist simpel: Es gibt nur noch den 1.0 T-GDI Dreizylinder-Turbo mit 48-Volt-Mildhybrid. Wahlweise mit 100 oder 120 PS. Handschaltung ist selten geworden, das 7-Gang-DCT dominiert.

Ich bin die 120-PS-Version gefahren. Und ich muss sagen: Der Motor passt. Er knurrt fröhlich, hängt dank des kleinen E-Boosts gut am Gas und harmoniert ordentlich mit dem Doppelkupplungsgetriebe. Der entscheidende Vorteil gegenüber dem elektrischen Bruder EV3 ist die Freiheit. Der Stonic schafft mit einer Tankfüllung locker 700 Kilometer. Sie fahren nach Italien, tanken in 3 Minuten und fahren weiter. Keine Ladeplanung, keine Apps, kein Stress. Der Verbrauch pendelte sich im Test bei 6,0 Litern ein. Das ist fair. Er ist kein Sparwunder wie ein Toyota Yaris Cross (Hybrid), aber er fährt sich verbindlicher und „deutscher“.

Design: Ein Meisterwerk der Tarnung

Mit den neuen vertikalen LED-Scheinwerfern und dem geglätteten Grill sieht der Stonic dem EV3 zum Verwechseln ähnlich.

Das ist Psychologie. Sie fahren einen günstigen Verbrenner, aber die Nachbarn denken, Sie fahren das neueste Hightech-Elektroauto. Kia hat das Auto optisch um fünf Jahre verjüngt. Besonders in der neuen Farbe „Adventurous Green“ mit dem schwarzen Dach wirkt der Stonic bullig, breit und selbstbewusst. Er hat das „Graue-Maus-Image“ komplett abgelegt.

Preis & Konkurrenz: Teurer, aber immer noch ein Deal

Der Einstiegspreis ist gestiegen. Ein Stonic GT-line mit dem großen Cockpit kostet Liste schnell 30.000 Euro. Aber der Marktpreis (Hauspreis) liegt oft bei ca. 25.000 bis 27.000 Euro.

Vergleichen wir das: Ein Kia EV3 kostet real mindestens 38.000 Euro. Ein VW T-Cross ist mit vergleichbarer Ausstattung teurer und hat immer noch mehr Hartplastik-Charme. Der Stonic besetzt die Nische für Menschen, die Technik-Optik wollen, aber Verbrenner-Technik brauchen. Für 12.000 Euro weniger als beim EV3 nehmen viele Kunden die etwas engere Rückbank und den kleineren Kofferraum (352 Liter) gerne in Kauf.

Der ungleiche Bruderkampf

Feature
Kia Stonic GT-line (Facelift 2026)
Kia EV3 Earth Long Range
VW T-Cross R-Line (Facelift)
Antrieb
1.0 Turbo Benziner (120 PS)
Elektro (204 PS)
1.5 Turbo Benziner (150 PS)
Reichweite
ca. 750 km (Tank)
ca. 450 km (Real)
ca. 800 km (Tank)
Laden/Tanken
3 Min
30 Min
3 Min
Cockpit
Curved Display (Neu)
Curved Display
Digital Cockpit
Bedienung
Touch-Leiste (Nervig)
Touch-lastig
Slider & Touch
Garantie
7 Jahre
7 Jahre
2 Jahre
Preis (Real)
ca. 26.500 €
ca. 39.000 €
ca. 32.000 €

Fazit: Der perfekte Blender

Der Kia Stonic (2026) ist ehrlich gesagt ein alter Hut. Die Plattform stammt noch vom Rio. Aber Kia hat diesen Hut so gut aufgehübscht, dass er wie das neueste Fashion-Item wirkt. Das neue Cockpit ist beeindruckend (wenn man die Bedienung lernt), das Design ist scharf. Wer noch nicht bereit ist für die Elektromobilität, aber nicht in einem Auto sitzen will, das nach „gestern“ aussieht, findet hier die perfekte Lösung. Mein Tipp: Nehmen Sie das DCT-Getriebe. Die Handschaltung im Stonic hat eine elektronische Kupplung (iMT), die sich teigig anfühlt. Das Automatikgetriebe passt besser zum High-Tech-Anspruch des neuen Innenraums.

Galerie

Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.


    ⚠️ Fehler im Artikel entdeckt?


    Helfen Sie uns kurz mit einem anonymen Hinweis:

    Spam-Schutz: