Während wir in Deutschland noch über das Wetter meckern, ließen sich europäische Autojournalisten Ende März im frühlingshaften Rom von Stellantis und ihrem chinesischen Partner Leapmotor einen neuen Heilsbringer präsentieren: Den Leapmotor B10 Hybrid EV. Ein 4,53 Meter langes Kompakt-SUV, das in genau jenes Wespennest sticht, in dem sich VW Tiguan, Skoda Karoq und Dacia Bigster um die Familienkäufer streiten. Doch wer die Pressemitteilung genau liest, stellt fest: Das hier ist kein gewöhnlicher Hybrid. Die Chinesen bringen eine Technologie nach Europa zurück, die wir eigentlich schon beerdigt hatten – und perfektionieren sie. Der B10 ist ein sogenannter EREV (Extended Range Electric Vehicle). Ein Elektroauto, das sein eigenes kleines Benzin-Kraftwerk im Kofferraum spazieren fährt. Ich habe die Daten aus Rom seziert und erkläre Ihnen, warum dieses Konzept für 80 Prozent der Käufer genial ist – und wo die gnadenlose deutsche Autobahn dem System das Genick brechen könnte.
Die Technik: Warum ein Getriebe völlig überflüssig ist
Vergessen Sie alles, was Sie über Plug-in-Hybride (PHEV) von VW, Mercedes oder BMW wissen. Bei klassischen Hybriden werkeln Benzin- und Elektromotor gemeinsam an einem Getriebe. Das ist komplex, schwer und sorgt oft für Ruckeln, wenn die Systeme umschalten.
Leapmotor macht es beim B10 Hybrid EV radikal anders (und viel cleverer): Der 1,5-Liter-Benzinmotor unter der Haube hat absolut keine mechanische Verbindung zu den Rädern. Null. Er dient ausschließlich als stromerzeugender Generator. Das bedeutet: Sie fahren dieses Auto immer und in jeder Sekunde wie ein reines Elektroauto. Die Beschleunigung ist nahtlos, es gibt keine Schaltpausen. Die Energie kommt aus einer 18,8 kWh großen Batterie, die laut Leapmotor für rund 86 Kilometer rein elektrische Reichweite sorgt. Das reicht für 90 Prozent aller Pendler völlig aus.
Doch was passiert, wenn Sie am Wochenende an den Gardasee wollen? Dann schaltet sich der 1,5-Liter-Benziner ein, verbrennt den Kraftstoff aus dem 50-Liter-Tank und produziert Strom, der direkt in den Elektromotor oder die Batterie fließt. Die Gesamtreichweite klettert so auf völlig entspannte 900 Kilometer. Keine Ladeangst, keine App-Suche im strömenden Regen. Tankrüssel rein, in zwei Minuten voll, weiterfahren.
Die Autobahn-Falle: Das Problem mit dem 50-kW-Generator
Für den römischen Stadtverkehr und die kurvigen Landstraßen am Braccianosee ist dieses System ein Traum. Aber ich bin Alex Wind, und ich schaue auf den Einsatz auf der deutschen A9. Und hier finde ich in den Daten ein massives Nadelöhr.
Leapmotor gibt an, dass der verbaute Generator (also der Benzinmotor) eine Leistung von 50 kW (ca. 68 PS) hat. Spielen wir das Szenario durch: Sie fahren sonntagsabends von München nach Berlin. Ihre 18,8-kWh-Batterie ist nach 80 Kilometern leer. Sie wollen aber weiterhin Tempomat 140 km/h fahren. Bei diesem Tempo (und dem Luftwiderstand eines SUVs) zieht der Elektromotor dauerhaft deutlich mehr als 50 kW. Der kleine Generator im Bug wird also auf maximalen Drehzahlen brüllen, um Strom zu liefern, wird aber den Verbrauch des E-Motors nicht decken können. Das Resultat: Die Leistung des Fahrzeugs wird bei leerer Batterie auf der Autobahn irgendwann drastisch gedrosselt. Leapmotor gibt für das größere Schwestermodell C10 bei entladener Batterie ehrliche 6,4 Liter Verbrauch an. Ein VW Tiguan Diesel lacht darüber, aber für einen Benziner-Klotz ist das okay. Man muss nur wissen: Der B10 Hybrid EV ist ein grandioser Cruiser, aber kein Vollgas-Kombi für den Außendienst.
Snapdragon 8155: Der digitale Schlag ins Gesicht für Europa
Während das Antriebskonzept auf der Autobahn Schwächen zeigen könnte, teilt Leapmotor im Innenraum gnadenlos aus. Die Chinesen bauen hier Technik ein, bei der europäische Controller weinen würden. Das Herzstück ist ein gewaltiges 14,6-Zoll-Display mit 2.5K-Auflösung. Befeuert wird das System vom Qualcomm-Snapdragon-8155-Chip. Das bedeutet: Wischgesten und Menüs reagieren so flüssig wie auf einem brandneuen iPad. Keine Ruckler, keine Gedenksekunden. Dazu liefert Leapmotor „Over-the-Air“-Updates und integriert kabelloses Apple CarPlay und Android Auto. Und der Komfort? Beheizbare und belüftete Sitze (aus Eco-Kunstleder) in einem Fahrzeug dieser Preisklasse sind eine Ansage, die VW und Skoda beim Konfigurieren ihrer ellenlangen Aufpreislisten Kopfschmerzen bereiten wird.
Technische Daten & Fakten (Stand: Europa-Premiere März 2026)
Kategorie | Leapmotor B10 Hybrid EV (EREV) |
Fahrzeugklasse | C-SUV (Länge: 4.530 mm / Breite: 1.885 mm) |
Antriebskonzept | Range Extender (EREV) – Antrieb rein elektrisch |
Verbrennungsmotor | 1.5L Benziner (fungiert nur als 50-kW-Generator) |
Akkukapazität | 18,8 kWh |
Elektrische Reichweite | Bis zu 86 km (WLTP) |
Gesamtreichweite (Akku + 50L Tank) | Bis zu 900 km |
Verbrauch bei leerem Akku | ca. 6,4 l/100 km (Referenzwert Modell C10) |
Infotainment | 14,6 Zoll 2.5K Display, Snapdragon 8155, LEAP OS 4.0 |
Marktstart Deutschland | Bestellbar ab Q2 2026 |
Fazit: Alex Wind meint…
Klartext: Leapmotor und Stellantis bringen mit dem B10 Hybrid EV genau das Auto, auf das viele verunsicherte Käufer gewartet haben. Er bietet das seidenweiche, geräuschlose Fahrerlebnis eines reinen Elektroautos für das tägliche Pendeln, killt aber gleichzeitig die „Reichweitenangst“ vor der Urlaubsfahrt durch seinen Benzintank.
Wird er den klassischen Plug-in-Hybrid töten? Wenn der Preis stimmt: Ja. Das EREV-Konzept ohne fehleranfälliges Schaltgetriebe ist im Alltag schlichtweg harmonischer. Aber bevor Sie jetzt blind bestellen, warten Sie unseren ersten echten Test auf deutschem Boden ab. Wir müssen herausfinden, wie laut der kleine 50-kW-Generator jault, wenn wir das SUV mit leerem Akku die Kasseler Berge hinaufprügeln. Wenn Leapmotor die Geräuschdämmung hier im Griff hat, steht uns im 2. Quartal 2026 ein echtes Erdbeben im C-SUV-Segment bevor.




























