Auf dem Pariser Automobilsalon am Messezentrum Porte de Versailles hat Chery mit dem Omoda 4 das europäische B-Segment ins Visier genommen. Der 4,42 Meter lange Crossover nutzt die konzerneigene T1X-Plattform und bricht mit den zurückhaltenden Leistungswerten dieser Fahrzeugklasse: Das Super Hybrid System der fünften Generation stellt eine Systemleistung von 165 kW (224 PS) sowie 295 Nm Drehmoment bereit. Während Konkurrenten wie der VW T-Roc vorwiegend auf 150 PS starke Mildhybride mit 48-Volt-Unterstützung vertrauen, platziert Chery einen Vollhybrid mit 1,83-kWh-Pufferakku und kräftiger E-Maschine. Fahrwerk und Regelsysteme wurden im europäischen F&E-Zentrum in Raunheim bei Frankfurt am Main erprobt, um hiesigen Fahrbahnprofilen gerecht zu werden. Ob dieser Leistungsansatz auch beim Realverbrauch überzeugt, bleibt vorerst offen, da offizielle WLTP-Verbrauchswerte und Verkaufspreise für Deutschland, Österreich und die Schweiz noch ausstehen.
Kompakte Proportionen und europäische Fahrwerksabstimmung aus Raunheim
Mit einer Karosserielänge von 4,42 Metern, einer Breite von 1,87 Metern und einer Höhe von 1,57 Metern sortiert sich der Omoda 4 im Kern des städtischen Crossover-Segments ein. Der Radstand beträgt 2,63 Meter, während das Gepäckraumvolumen mit rund 400 Litern auf Klassenniveau liegt.
Für die Fahreigenschaften auf mitteleuropäischen Straßen ist vor allem der Entwicklungsstandort entscheidend. Die Abstimmung von Dämpfern, Federn und Lenkung übernahm das europäische Forschungszentrum der Chery Group im hessischen Raunheim. Ziel der Ingenieure war es, die typischen Kritikpunkte importierter Crossover abzufangen: Schwammige Lenkpräzision und zu weiche Dämpferkennlinien sollen durch eine straffere, für deutsche Landstraßen und höhere Autobahngeschwindigkeiten ausgelegte Abstimmung ersetzt werden.
224 PS Systemleistung: Das Super Hybrid System gegen den 150-PS-Standard
Den Kern des Omoda 4 bildet das Super Hybrid System der 5. Generation. Der Antrieb kombiniert einen 1,5-Liter-TGDI-Vierzylinder-Turbobenziner mit 143 PS und einen Elektromotor mit 150 kW Leistung. Die Kraftverteilung steuert ein eingängiges Hybridgetriebe (Dedicated Hybrid Transmission, DHT). Im Systemverbund stehen 165 kW (224 PS) und ein kombiniertes Drehmoment von 295 Nm zur Verfügung. Als Energiespeicher fungiert eine Traktionsbatterie mit einem Energiegehalt von 1,83 kWh. Damit kann das Fahrzeug typische Innerortspassagen und Stop-and-Go-Phasen elektrisch überbrücken, ohne auf eine externe Ladesäule angewiesen zu sein.
Gegenüber dem etablierten VW T-Roc 1.5 eTSI, der als 110 kW (150 PS) starker Mildhybrid lediglich von einem Riemen-Startergenerator unterstützt wird, verschafft dieser Aufbau dem Omoda 4 auf dem Papier einen Nennleistungsvorteil von 74 PS. Diese Werte bedürfen jedoch einer nüchternen Einordnung: Zur Pariser Messepremiere nannte Chery weder offizielle WLTP-Verbrauchsdaten noch Messwerte für den Sprint von null auf 100 km/h oder die Höchstgeschwindigkeit. Wie harmonisch das eingängige DHT-Getriebe bei Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn agiert und welcher Realverbrauch bei kühlen Temperaturen übrig bleibt, müssen spätere unabhängige Prüfstandstests zeigen.
Gaming-Interieur und der gewachsene Omoda 5 im Schlepptau
Das Cockpit des Omoda 4 ist auf eine jüngere, digital affine Kundschaft ausgerichtet. Chery spricht von einem Gaming-inspirierten Ambiente, das von zwei getrennten Bildschirmen geprägt wird: Ein horizontales 8,9-Zoll-Display übernimmt die Instrumentenanzeige hinter dem Lenkrad, während Infotainment und Fahrzeugeinstellungen über einen freistehenden 13,2-Zoll-Touchscreen bedient werden.
Zeitgleich mit dem Omoda 4 debütierte in Paris das Facelift des größeren Omoda 5, der seit Ende 2022 global knapp 500.000 Einheiten in 60 Ländern verzeichnete. Das Modell wächst um zehn Zentimeter auf 4,54 Meter Gesamtlänge, während der Radstand um zwei Zentimeter auf 2,63 Meter zulegt. Das Ladevolumen liegt mit rund 400 Litern auf dem Niveau des Omoda 4, doch die Ausstattung rückt weiter nach oben: Ein zentraler Touchscreen mit 15,6 Zoll Bildschirmdiagonale, eine belüftete 50-Watt-Induktionsladeschale für Smartphones, klimatisierte Massagesitze für den Fahrer und sieben Airbags gehören zur Serienausstattung. Technisch nutzt die Modellpflege dieselbe Basis: Beide Crossover teilen sich das 224 PS starke Super Hybrid System samt 150-kW-E-Maschine und 1,83-kWh-Akku.
Alex Winds Fazit: Potenter Vollhybrid vor der deutschen Werkstattprüfung
Aus meiner Sicht wählt Chery mit dem Omoda 4 eine technisch clevere Angriffsfläche. Statt das europäische B-Segment über den kleinsten Dreizylinder-Basismotor anzugreifen, liefert der Hersteller mit 224 PS Vollhybrid-Leistung und 295 Nm Drehmoment einen Antrieb, der dem 150-PS-Mildhybrid eines VW T-Roc auf dem Datenblatt klar überlegen ist. Auch die Einbindung des Entwicklungszentrums in Raunheim ist der richtige Schritt: Wer im DACH-Raum punkten will, darf keine unausgegorenen Dämpfer oder rückmeldungsarme Lenkungen aus Übersee importieren.
Für mich steht nach der Analyse fest: Der Omoda 4 eignet sich hervorragend für urbane und suburbane Pendler, die einen durchzugsstarken Antrieb ohne Ladekabelzwang suchen und Wert auf moderne Cockpit-Oberflächen legen. Streng ungeeignet ist der Wagen derzeit jedoch für konservative Langstrecken-Vielfahrer. Solange verbindliche WLTP-Verbrauchsdaten und transparente Euro-Preise fehlen, lässt sich die Wirtschaftlichkeit gegenüber etablierten Hybriden nicht seriös kalkulieren. Vor allem muss die von Deutschland-Chef Eric Zheng angekündigte Ausrichtung auf breite Käuferschichten den Alltagstest bestehen: Im hart umkämpften deutschen Markt nützt die stärkste Systemleistung wenig, wenn Händlernetz, Ersatzteilverfügbarkeit und Restwertabsicherung nicht vom Marktstart an lückenlos greifen.
