GÖTEBORG – Polestar, die elektrische Performance-Marke im Geely-Konzern, bricht mit der Vergangenheit. Nach Jahren im Windschatten von Volvo ist die Zeit der Kompromisse vorbei. Mit dem neuen Designchef Philipp Römers, der von Audi kommt, leitet das Unternehmen eine tiefgreifende Neuausrichtung ein. Der Codename „Formula 2030“ steht für eine komplette Revision der technischen und markenstrategischen Identität, die mit dem Design beginnt.
Raus aus Volvos Schatten: Polestars neue Identität
Philipp Römers‘ Antritt als Designchef markiert mehr als einen Personalwechsel. Es ist das offizielle Ende der von Volvo-DNA geprägten Ära. Römers‘ Mission ist klar: Polestar muss eine eigenständige, technologisch führende Designsprache entwickeln, bei der Effizienz und sichtbare Technik im Vordergrund stehen.
Anstelle des skandinavischen Minimalismus, der Funktionen versteckt, wird die Technologie selbst zum prägenden Designelement. Aerodynamische Notwendigkeiten und die Struktur der neuen 800-Volt-Plattform werden selbstbewusst inszeniert statt kaschiert. Dieser Schritt ist die einzig logische Konsequenz, denn Polestar hat zu lange von der Volvo-Substanz gelebt, ohne eine wirklich eigene, technisch begründete Identität zu entwickeln.
Der aktuelle Polestar 2 des Modelljahres 2026, so gut er sich in den letzten Jahren auch verkauft hat, ist das beste Beispiel für die Notwendigkeit dieser Zäsur. Er ist ein starkes Auto, aber eben auch ein Kind der Kompromisse. Die Preise und Leistungsdaten zeigen ein Fahrzeug, das im Markt angekommen ist, dessen technisches Fundament aber bereits an seine Grenzen stößt.
| Modellvariante (MJ 2026) | Leistung | Batterie (Brutto) | Antrieb | Preis (UVP) |
|---|---|---|---|---|
| Standard Range Single Motor | 200 kW / 272 PS | 70 kWh | RWD | 48.990 € |
| Long Range Single Motor | 220 kW / 299 PS | 82 kWh | RWD | 52.690 € |
| Long Range Dual Motor | 310 kW / 421 PS | 82 kWh | AWD | 56.990 € |
| Long Range Dual Motor (Perf.-Paket) | 350 kW / 476 PS | 82 kWh | AWD | 63.490 € |
Die Zahlen sind solide, aber im Jahr 2026 nicht mehr führend. Der Aufpreis von 3.700 Euro für den Long Range Single Motor bringt 12 kWh mehr Batterie, was einem Preis von rund 308 Euro pro zusätzlicher Kilowattstunde entspricht. Diese Daten dokumentieren den Status quo, von dem aus Römers nun den Aufbruch gestaltet. Die 400-Volt-Architektur und eine Ladezeit von 28 Minuten von 10 auf 80 Prozent sind schlichtweg Durchschnitt. Der wahre Sprung, den die „Formula 2030“ verspricht, liegt in der Abkehr von genau dieser technischen Basis.
Der 800-Volt-Imperativ und das Ende der CMA-Plattform
Der breite Mitteltunnel im Innenraum des Polestar 2 ist das offensichtlichste Symptom seiner Herkunft. Wenn ich mich heute in das Modell setze, stört mich dieses Relikt jedes Mal: Die Compact Modular Architecture (CMA) wurde in einer Zeit entwickelt, als die Industrie noch Mischplattformen für Verbrenner konstruierte. In einem modernen Elektroauto ist dieser verlorene Raum im Fond schlicht nicht mehr zeitgemäß. Auch bei meinen Autobahnfahrten verbraucht der Polestar 2 spürbar mehr als ein von Grund auf rein elektrisch konzipiertes Tesla Model 3. Die CMA-Plattform ist der technologische Anker, der die Marke bisher zurückgehalten hat.
Der Abschied von dieser Architektur ist daher beschlossene Sache. Die nächste Generation des Polestar 2, erwartet ab 2027, wird auf einer reinen E-Plattform aus dem Geely-Konzern basieren. Ob es sich dabei um die skalierbare SEA-Architektur oder eine spezifische Weiterentwicklung für Polestar handelt, ist intern allerdings noch nicht final entschieden. Der entscheidende Punkt ist die Implementierung einer 800-Volt-Systemarchitektur. Dies ermöglicht deutlich schnellere Ladezeiten und den Einsatz effizienterer Komponenten sowie ein dünneres Kabel-Layout, was Gewicht spart. Es ist der Sprung aus der Kompromiss-Ecke in die technologische Offensive. Erst dieser Schritt erlaubt es Philipp Römers und seinem Team, ein Auto ohne die Fesseln der Vergangenheit zu gestalten: ein Auto mit flachem Boden und großzügigem Innenraum, dessen Karosserie ausschließlich den Gesetzen der Aerodynamik folgt.
Der Polestar 7: Angriff auf Zuffenhausen
Während die nächste Generation des Polestar 2 die Marke technologisch auf den neuesten Stand bringt, soll der Polestar 7 sie in eine neue Sphäre katapultieren. Dieses Fahrzeug wird die erste vollständige Verkörperung der „Formula 2030“ sein. Der Fokus verschiebt sich vom Tesla Model 3 hin zum Porsche Taycan und dem elektrischen Macan. Das bedeutet einen Vorstoß in eine Preis- und Performance-Klasse, in der Design und Markenimage ebenso viel zählen wie technische Daten.
Ich halte die Ankündigung eines Porsche-Jägers für extrem mutig, aber auch hochriskant. Aus meiner Sicht reicht ein elegantes Design in dieser Liga bei weitem nicht aus: Wer Käufer von einem Taycan oder elektrischen Macan abwerben will, muss bei Lade-Performance, Fahrwerksabstimmung und Software fehlerfrei abliefern. Der Polestar 7 muss ein technisches Statement werden, das die Versprechen der 800-Volt-Architektur in ein überlegenes Fahrerlebnis übersetzt. Gelingt dies nicht, bleibt der Polestar 7 nur ein schönes Schaustück ohne die nötige Substanz für den deutschen Premiummarkt.
Polestars Piëch-Moment? Ein Déjà-vu aus Ingolstadt
Für mich steht Polestar an einem entscheidenden Wendepunkt: Die „Formula 2030“ ist mehr als ein neues Designprogramm, sie ist eine Überlebensstrategie. In einem Markt, der von Tesla über den Preis und von den deutschen Herstellern über ihre Markenmacht verteidigt wird, ist diese spitze Positionierung überfällig. Ich schätze die Konsequenz in Philipp Römers‘ Ansatz – er beendet die jahrelange Phase des Zögerns. Doch die eigentliche Meisterprüfung liegt nicht auf dem Papier, sondern in der fehlerfreien Integration der neuen Geely-Technik.
Die Situation erinnert stark an Audi in den frühen 1980er-Jahren. Unter der Führung von Ferdinand Piëch wagte die Marke aus Ingolstadt den Ausbruch aus dem Schatten des Volkswagen-Konzerns. Mit radikaler Technologie – dem quattro-Allradantrieb – und einer neuen, auf Aerodynamik und Qualität fokussierten Designsprache griff man die etablierten Premium-Marken Mercedes-Benz und BMW direkt an. Audi definierte sich neu und schuf eine eigene Identität. So gelang der Aufstieg in die Premium-Liga. Polestar versucht im Jahr 2026 ja einen ganz ähnlichen Coup: mit der 800-Volt-Technik als Äquivalent zum quattro-Antrieb und Römers‘ Design als Fanal für den Aufbruch. Der Polestar 7 wird der erste Gradmesser für diesen Anspruch.
