Schwacher Luxus-EV-Markt zwingt VW zu 6-Milliarden-Abschreibung auf Porsche

Elektrischer Porsche Cayenne Prototyp auf dynamischer Gebirgsstraße im alpinen Sonnenuntergang
Foto: VW AG

Der Volkswagen-Konzern schreibt sechs Milliarden Euro auf seine Porsche-Beteiligung ab. Ein buchhalterischer Akt, der in Zuffenhausen wie ein Donnerschlag wirkt und ein klares Eingeständnis der Konzernspitze ist: Die erwartete Rendite und Profitabilität der Sportwagenschmiede müssen massiv nach unten korrigiert werden. Auslöser ist der global erkaltende Markt für Luxus-Elektrofahrzeuge in China und Europa, der die bisherigen Absatzprognosen drastisch dämpft.

Genau in diese Marktabkühlung hinein rollt jetzt der erste vollelektrische Porsche Cayenne Turbo Electric: Ein 2,6-Tonnen-Monument auf der 800-Volt-Premium-Platform-Electric (PPE) mit 113-kWh-Batterie (108 kWh netto), bis zu 1.156 PS Overboost (850 kW) und einem Einstiegspreis von 165.500 Euro. Trotz brachialer Fahrleistungen und einer DC-Ladeleistung von bis zu 400 kW (10 auf 80 Prozent in 16 Minuten) droht dem Vorzeige-Stromer ein beispielloser Wertverlust.

In dieser fundierten Marktanalyse seziere ich, warum das Hyper-SUV in Europa und Asien auf eine reale TCO-Kostenfalle zusteuert. Wenn selbst solvente Stammkunden vor dem drastischen Restwertverfall zurückschrecken, wird aus dem fahrdynamischen Meisterwerk ein ökonomisches Risikogeschäft – das die Zuffenhausener Modellpolitik für die kommenden Jahre prägen wird.

Technik-Triumph trifft auf Marktkorrektur

Die sechs Milliarden Euro aus Wolfsburg sind kein Kavaliersdelikt. Sie signalisieren, dass die fundamentalen Marktannahmen für das oberste Preissegment der Elektromobilität ins Wanken geraten sind. Die Strahlkraft des Porsche-Wappens allein immunisiert nicht mehr gegen die Gesetze des Marktes; die Wertberichtigung ist die logische Konsequenz aus dem Ende der Goldgräberstimmung im Luxus-EV-Segment.

Ich habe schon vor zwei Jahren gewarnt, dass die reine Fokussierung auf das 150.000-Euro-Plus-Segment nicht nachhaltig sein kann. Die damalige Euphorie hat solche Bedenken weggewischt. Jetzt ist die Realität da.

Nirgendwo wird diese Verschiebung deutlicher als in China, dem einstigen Wachstumsmotor für deutsche Premiumhersteller. Dort ist der Cayenne Electric nur einer von vielen; der Status als unangefochtener Anführer ist dahin. Lokale Wettbewerber wie Nio oder HiPhi greifen Porsche frontal an, bieten technologisch ebenbürtige Produkte und sind gleichzeitig preislich aggressiver.

Dazu kommt eine neue Welle von Premium-Anbietern wie Yangwang, eine Marke des Giganten BYD, die technologisch ebenfalls auf Augenhöhe agiert. Der entscheidende Vorteil dieser chinesischen Hersteller liegt aber in ihrer Software: Sie bieten eine tiefere Integration in die lokalen digitalen Ökosysteme von WeChat bis Alibaba. Ihr Design trifft zudem den Geschmack der dortigen Klientel oft präziser. Ein Porsche gilt dort eben nicht mehr per se als das Maß der Dinge.

In Europa und den USA sieht die Lage kaum besser aus. Der Wegfall staatlicher Förderungen hat die Kalkulation für viele potenzielle Käufer verändert. Hinzu kommen die stark gestiegenen Strompreise, die den Kostenvorteil beim „Tanken“ relativieren. Die anfängliche Euphorie der Early Adopter, die jeden Preis für die neueste Technologie zahlten, weicht einer nüchternen Kosten-Nutzen-Analyse der breiteren Käuferschicht. Der Besitz eines Luxus-EV muss sich auch ökonomisch rechtfertigen lassen – eine Disziplin, in der der neue Cayenne erhebliche Schwächen offenbart.

Auf dem Papier deklassiert der Cayenne Turbo Electric dabei alles, was sich ihm in den Weg stellt. Die Ingenieure in Weissach haben ein Hyper-SUV auf die Räder gestellt, dessen Datenblatt eine technische Kampfansage ist. Die 800-Volt-Architektur, bereits aus dem Taycan bekannt, wird hier auf die Spitze getrieben. Eine Spitzenladeleistung von 400 kW ermöglicht es, den netto 108 kWh großen Akku unter Idealbedingungen in nur 16 Minuten von 10 auf 80 Prozent zu füllen. Die Overboost-Funktion des Turbo-Modells entfesselt kurzzeitig 850 kW (1.156 PS) und 1.500 Nm Drehmoment. Das ergibt ein Leistungsgewicht von nur 2,25 kg pro PS. Diese Werte katapultieren das 2,6-Tonnen-Fahrzeug in 2,5 Sekunden auf 100 km/h, was dem Niveau eines Supersportwagens entspricht. Doch diese technische Dominanz trifft auf ökonomische Realitäten, die sie entwerten.

Modell Leistung (PS) Akku (brutto, kWh) Basispreis (€)
Porsche Cayenne Turbo Electric 1.156 (Overboost) 113,0 165.500
Lotus Eletre R 905 112,0 153.090
Lucid Gravity Grand Touring 828 118,0 ca. 105.000 (Prognose)
BMW iX M60 xDrive 619 108,8 143.100

Die Abrechnung auf der Autobahn

Die Botschaft des Marktes ist brutal. Ein sechsstelliger Preis garantiert keinen Werterhalt mehr, er wird zum Bumerang.

Das Luxus-EV-Segment, einst als Goldgrube gefeiert, zeigt tiefe Risse. Es ist ein Phänomen, das ich seit Monaten beobachte: Die Innovationszyklen der Hersteller sind schneller als die Wertstabilitätszyklen des Marktes. Jede neue Batteriegeneration oder jede Effizienzsteigerung macht das Vorgängermodell schlagartig alt. Für einen Porsche-Kunden ist das ein Kulturschock. Hier lohnt ein kurzer Blick zurück: Der Mythos Porsche gründet sich auf zwei Säulen: Rennsiege und der legendäre Werterhalt eines 911. Gut gepflegte Exemplare, selbst aus jüngeren Baureihen, gelten als sichere Wertanlage. Dieser Nimbus überträgt sich auf die gesamte Marke. Der Taycan hat dieses Versprechen als erstes Modell gebrochen; sein Wertverlust ist im Vergleich zu einem Panamera oder Cayenne mit Verbrennungsmotor dramatisch höher. Diese schmerzhafte Erfahrung prägt nun die Kaufentscheidung für den noch teureren Cayenne Electric.

Die WLTP-Reichweite von 617 Kilometern für den Cayenne Turbo Electric ist ein reiner Laborwert. Auf der deutschen Autobahn, dem natürlichen Habitat eines Porsche, findet die eigentliche Abrechnung statt. Bei einer konstanten Geschwindigkeit von 130 km/h dürfte der Verbrauch von den normierten 20,6 kWh/100 km deutlich ansteigen. Damit schmilzt die reale Reichweite erheblich zusammen. Insbesondere Fahrten auf der linken Spur mit hohem Tempo treiben den Verbrauch in Regionen, die häufige Ladestopps erzwingen. Die nächste HPC-Säule muss dann viel früher angesteuert werden, als es der WLTP-Wert suggeriert. An dieser Stelle muss eine Einschränkung gemacht werden: Offizielle, von Porsche zertifizierte Verbrauchsdaten für konstante Hochgeschwindigkeitsfahrten liegen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht vor. Meine Berechnungen basieren auf etablierten Erfahrungswerten für Elektrofahrzeuge dieser Gewichts- und Leistungsklasse. Ein Cayenne S mit V8-Motor schafft unter ähnlichen Bedingungen eine deutlich größere Distanz mit einer Tankfüllung, doch die Frequenz der erzwungenen Ladestopps konterkariert den Anspruch eines souveränen Reisefahrzeugs.

Dieser Realverbrauch stellt die Wirtschaftlichkeit in Frage, selbst im Vergleich zum durstigen Verbrenner-Bruder. Zwar sind die reinen Energiekosten pro Kilometer beim Stromer auf dem Papier niedriger als die Kraftstoffkosten für den V8. Doch diese reine Betriebskostenrechnung ist eine Milchmädchenrechnung. Sie ignoriert den mit Abstand größten Kostenblock: den Wertverlust, der beim Elektro-Cayenne alle potenziellen Einsparungen an der Ladesäule pulverisiert und ins Gegenteil verkehrt.

Die TCO-Falle: Wertverlust als größter Kostenblock

Die brutale finanzielle Realität des Cayenne Electric ist seine Abschreibung. Basierend auf den Erfahrungen mit dem Taycan und anderen Oberklasse-Stromern ist ein dramatischer Wertverlust in den ersten drei Jahren ein realistisches Szenario. Für einen Cayenne Turbo Electric mit einem Basispreis von 165.500 Euro, der mit wenigen Extras schnell die 180.000-Euro-Marke knackt, bedeutet das eine Wertminderung in einer Dimension, die für Porsche-Kunden bisher unbekannt war. Dieser massive Wertverlust ist der eigentliche Schockfaktor, den kein Hochglanzprospekt erwähnt.

Dieser Wertverlust ist aber nur der Anfang der TCO-Rechnung (Total Cost of Ownership). Hinzu kommen Versicherungseinstufungen, die für ein Fahrzeug mit über 1.100 PS entsprechend hoch ausfallen dürften. Auch der Verschleiß spielt eine Rolle. Speziell entwickelte Reifen für ein 2,6 Tonnen schweres E-SUV mit dieser Leistung kosten ein Vermögen und halten bei artgerechter Nutzung keine langen Distanzen. Selbst die Stromkosten sind bei realistischem Verbrauch an öffentlichen Schnellladesäulen erheblich. Für Flottenmanager ist das Fahrzeug schlicht irrelevant; seine TCO ist jenseits jeder vernünftigen Kalkulation.

Porsche verkauft ein technologisches Asset, das der Markt wie ein schnell alterndes Consumer-Elektronik-Produkt behandelt. Die grundlegende Abstimmung des serienmäßigen Luftfahrwerks ist Porsche-typisch straff, was auf schlechten Straßen zu Lasten des Komforts geht. Wer die volle Querdynamik erleben will, muss tief in die Optionsliste greifen. Für ein wirklich souveränes Fahrverhalten ist das sündhaft teure Aktivfahrwerk eigentlich Pflicht. Hinzu kommt die Hinterachslenkung, um die hohe Masse in Kurven zu kaschieren. Beide Optionen treiben den realen Kaufpreis weit über den Basispreis hinaus. Der potenzielle Wertverlust steigt damit in noch höhere Dimensionen. Die Dienstwagenbesteuerung spielt in dieser Preisklasse ohnehin keine Rolle mehr, da der Bruttolistenpreis weit jenseits der Grenzen für steuerliche Vergünstigungen liegt.

Alex Winds Urteil: Ein Meisterwerk für den falschen Markt

Als Enthusiast verneige ich mich vor der Ingenieurskunst aus Weissach. Der Cayenne Electric ist ein fahrdynamisches Meisterwerk, ein Statement, das die Grenzen des physikalisch Machbaren neu definiert. Die schiere Gewalt der Beschleunigung ist atemberaubend. Die Lenkpräzision kaschiert zusammen mit der Souveränität des Aktivfahrwerks die hohe Masse des Fahrzeugs. Das ist eben Porsche-DNA. Der Wirtschaftsredakteur in mir kommt jedoch zu einem anderen Schluss: Porsche hat ein Produkt für einen Markt geschaffen, der auf schnellen Technologiezyklen und hohem Wertverlust basiert. Damit bricht der Hersteller mit dem traditionellen Porsche-Versprechen der Wertstabilität.

Der solvente Privatkunde, der immer das neueste Modell besitzen muss, wird den Cayenne Electric wohl als faszinierendes, aber extrem teures Spielzeug betrachten. Die einzig sinnvolle Finanzierungsform dürfte ein Leasing mit garantierter Rücknahme sein, das das Restwertrisiko vollständig auf den Hersteller abwälzt. Am Ende profitiert vor allem die Entwicklungsabteilung in Weissach. Ihr technologisches Know-how, hart erkauft mit den Investitionen in dieses Spitzenmodell, wird in zukünftige, bodenständigere Modelle für Audi oder Volkswagen einfließen. Der Erstkäufer zahlt die Zeche für ein faszinierendes, aber ökonomisch gebrochenes Versprechen. Die Wertberichtigung des VW-Konzerns über sechs Milliarden Euro ist dafür der unmissverständliche Beleg.


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