Wenn deutsche Manager bisher einen elektrischen Dienstwagen bestellten, landeten sie fast automatisch beim Mercedes EQE oder dem BMW i5. Doch im Frühjahr 2026 weht ein eiskalter Wind aus Göteborg – beziehungsweise aus Cixi, China. Volvo schickt den neuen ES90 (die elektrische Wiedergeburt des S90) ins Rennen. Eine knapp fünf Meter lange, flache Limousine, die im Gegensatz zu den deutschen „Aero-Seifenblasen“ noch aussieht wie ein echtes, seriöses Auto. Ich habe bewusst auf das 500-PS-Topmodell verzichtet und mir stattdessen das Vernunftauto für die Langstrecke geholt: Den ES90 „Single Motor“ mit Heckantrieb, rund 300 PS und der gigantischen 111-kWh-Batterie aus dem EX90. Ich wollte wissen: Reicht der Basis-Antrieb für die deutsche Autobahn? Spürt man, dass dieser „Schwede“ komplett bei Geely in China vom Band läuft? Und treibt mich das knopf-lose Cockpit endgültig in den Wahnsinn?
Schwedischer Zen-Garten und das Ende der Knöpfe
Ich nähere mich dem ES90 mit dem Smartphone in der Tasche, die bündigen Türgriffe fahren surrend aus. Optisch ist das Auto ein Meisterwerk. Klare Linien, die berühmten „Thors Hammer“-Scheinwerfer und der (leider unvermeidliche) Lidar-Knubbel auf dem Dach.
Im Innenraum herrscht skandinavischer Minimalismus in seiner radikalsten Form. Vergessen Sie feines Nappaleder. Volvo nutzt im ES90 fast ausschließlich recycelte Materialien, „Nordico“ (ein biobasiertes Material aus PET-Flaschen und Kork) und auf Wunsch edle Wollmischungen. Das sieht fantastisch aus und riecht gut, aber es zwingt zur Umgewöhnung. Die absolute Katastrophe für Traditionalisten (wie mich) offenbart sich jedoch bei der Bedienung. Es gibt keine Tasten mehr. Keine. Wollen Sie die Außenspiegel einstellen? Sie müssen in ein Untermenü auf dem riesigen vertikalen Touchscreen wischen und dann die Tasten am Lenkrad nutzen (wie bei Tesla). Wollen Sie das Lenkrad verstellen? Gleiches Spiel. Das ist im Stand „clean“ und „modern“, lenkt während der Fahrt aber massiv ab. Gerettet wird das System nur durch das native Google Automotive OS. Die Sprachsteuerung über den Google Assistant funktioniert so fehlerfrei, dass man die Touch-Menüs nach einer Weile schlichtweg ignoriert und einfach mit dem Auto spricht.
300 PS, Heckantrieb und die Autobahn-Therapie
Drücken wir das Fahrpedal (einen Startknopf gibt es natürlich auch nicht mehr) durch. Der Single Motor an der Hinterachse leistet rund 300 PS. Das klingt nach viel, aber der ES90 schleppt die massive 111-kWh-Batterie mit sich herum und wiegt leer knapp 2,6 Tonnen.
Der Antritt ist elektro-typisch souverän, aber nicht brutal. In gut sechs Sekunden schiebt sich der Koloss auf Landstraßentempo. Auf der Autobahn gleitet der ES90 mit einer majestätischen Ruhe dahin, die in dieser Klasse ihresgleichen sucht. Das Akustikglas und die hervorragende Dämmung sperren die Welt draußen aus. Doch dann kommt das Schild: „Freie Fahrt“. Ich trete das Pedal auf der linken Spur der A9 voll durch. Der ES90 zieht stoisch hoch – und rennt bei exakt 180 km/h in eine elektronische Betonwand. Volvo hat die freiwillige Selbstbeschränkung eisern beibehalten. Während ein BMW i5 eDrive40 noch bis 193 km/h weiterzieht und ein Verbrenner-Passat am Horizont verschwindet, müssen Sie im Volvo die Segel streichen. Für entspannte Gleiter ist das irrelevant, für den aggressiven deutschen Außendienstler ist es oft ein Dealbreaker.
Der gigantische Vorteil dieser Abstimmung: Die Reichweite. Bei 130 km/h Richtgeschwindigkeit saugt der ES90 dank seiner exzellenten Aerodynamik nur knapp 19 kWh aus dem riesigen Akku. Das bedeutet: Sie fahren echte 550 Kilometer am Stück über die Autobahn, bevor Sie an die Säule müssen. Wer Landstraße fährt, knackt im Sommer locker die 650-Kilometer-Marke. An der Schnellladesäule drückt der Schwede (dank 400-Volt-System) in der Spitze respektable 250 kW in die Zellen. Ein Ladehub von 10 auf 80 Prozent dauert knapp unter 30 Minuten.
Technische Daten & Realitäts-Check
Kategorie | Volvo ES90 Single Motor Extended Range (2026) |
Motor & Antrieb | 1 E-Motor hinten (RWD) |
Leistung / Drehmoment | ca. 205 kW (279 PS) / 490 Nm |
0-100 km/h / Vmax | ca. 6,2 s / 180 km/h (abgeregelt) |
Akkukapazität (brutto) | 111 kWh |
Ladeleistung (DC) | max. 250 kW |
Testverbrauch (130 km/h) | 18,8 kWh/100 km |
Reale Autobahn-Reichweite | ca. 550 km |
Preis Testwagen (Schätzung) | ab ca. 72.000 Euro |
Konkurrenz-Check
- Mercedes-Benz EQE 350+: Der direkte schwäbische Konkurrent. Der EQE fährt sich durch die optionale Hinterachslenkung handlicher und bietet im Innenraum mit dem Hyperscreen ein opulenteres (aber auch überladeneres) Erlebnis. Aber: Die „Aero-Design“-Form des Benz kostet massiv Kopffreiheit im Fond, und der Kofferraum ist eine enge Höhle. Der Volvo sieht seriöser aus und bietet deutlich mehr Platz für die Passagiere hinten.
- VW ID.7 Pro S: Der Geheimtipp aus Wolfsburg. Der ID.7 mit der großen 86-kWh-Batterie ist aerodynamisch ebenfalls brillant und deutlich günstiger als der Volvo. Er lädt schneller und bietet mit seiner großen Heckklappe (Fließheck) den praktischeren Kofferraum. Allerdings fehlt dem VW das skandinavische Premium-Flair und das glasklare Google-Betriebssystem des ES90.
Pro & Contra
- ✅ Pro: Überragende echte Autobahn-Reichweite (550 km+) dank 111-kWh-Akku.
- ✅ Pro: Sensationeller Fahrkomfort und flüsterleiser Innenraum.
- ✅ Pro: Google Automotive ist das beste, weil unkomplizierteste Sprachsteuerungs-System am Markt.
- ❌ Contra: Kompletter Verzicht auf physische Tasten lenkt bei einfachen Aufgaben (Spiegel einstellen) ab.
- ❌ Contra: Rigorose Abregelung bei 180 km/h stört auf freien deutschen Autobahnen.
- ❌ Contra: Das extrem hohe Leergewicht (ca. 2,6 Tonnen) macht sportliches Fahren auf der Landstraße unmöglich.
Fazit: Alex Wind meint…
Klartext: Der Volvo ES90 Single Motor ist ein fantastisches Auto für Menschen, die das Fahren eigentlich als Stress empfinden. Er ist eine rollende Zen-Höhle. Sie spüren in keinem Moment, dass dieses Auto in China gebaut wird – die Verarbeitungsqualität ist auf absolutem Top-Niveau.
Wem empfehle ich ihn: Gelassenen Vielfahrern, Design-Liebhabern und Technologie-Fans, die ihr Leben ohnehin schon dem Google-Ökosystem anvertraut haben. Wer täglich hunderte Kilometer abspult und dabei entspannt Musik hören will, wird die riesige Batterie und die tollen Sitze lieben. Wem rate ich ab: Autobahn-Kämpfern und Haptik-Fetischisten. Wenn Sie nachts um zwei Uhr die linke Spur der A9 dominieren wollen, sind Sie mit den limitierten 180 km/h ein Opfer für jeden Mittelklasse-Diesel. Und wer seine Lenkradheizung per echtem Knopfdruck einschalten will, wird den Touch-Zwang der Schweden abgrundtief hassen.
FAQ
Ist der Volvo ES90 eigentlich ein chinesisches Auto? Technisch und wirtschaftlich gesehen: Ja. Volvo gehört zum chinesischen Geely-Konzern. Der ES90 basiert auf einer gemeinsamen Plattform (SPA2) und wird im chinesischen Werk in Cixi produziert. Das Design, die Abstimmung, die Sicherheitsphilosophie und das Marken-Erbe werden jedoch weiterhin im schwedischen Göteborg gesteuert. Qualitativ gibt es an der Fertigung in China absolut nichts auszusetzen.
Warum regelt Volvo alle Autos bei 180 km/h ab? Volvo hat sich zum Ziel gesetzt, dass in einem neuen Volvo niemand mehr bei einem Unfall getötet oder schwer verletzt werden soll („Vision Zero“). Um dieses Ziel zu unterstreichen und ein Zeichen für die Verkehrssicherheit zu setzen, hat der Konzern beschlossen, die Höchstgeschwindigkeit weltweit und bei allen Modellen (selbst bei Fahrzeugen mit über 500 PS) auf 180 km/h zu limitieren.
Gibt es den ES90 auch als Kombi (V90-Nachfolger)? Ja! Auf Basis der Limousine (ES90) ist bereits ein elektrischer Kombi in der Entwicklung, der voraussichtlich den Namen Volvo EV90 tragen wird. Er soll den legendären Ruf der großen schwedischen Lade-Meister in das Elektro-Zeitalter überführen. Die Vorstellung wird für 2027 erwartet.
























































