XPengs Update XOS 5.9.5 startet in Europa und lässt deutsche G9-Fahrer im Stich

XPengs Update XOS 5.9.5 startet in Europa und lässt deutsche G9-Fahrer im Stich
Foto: XPeng

XPeng verspricht mit dem Gratis-Update XOS 5.9.5 über 50 neue Funktionen. Doch deutsche Fahrer schauen bisher in die Röhre.

Während der Rollout seit Ende Juni 2026 in Märkten wie den Niederlanden läuft, fehlt jede offizielle Bestätigung für Deutschland. Das schafft erhebliche Unsicherheit. Features wie das Ein-Pedal-Fahren sind zwar angekündigt, ihre Verfügbarkeit hierzulande ist aber völlig unklar.

Betroffen sind primär die Modelle G6 und neuere P7, die auf mehr Komfort und eine höhere Fahreffizienz getrimmt werden. Doch die entscheidende Frage für deutsche Kunden bleibt unbeantwortet. Dieser Praxis-Check analysiert, welche Funktionen hardwareabhängig sind, warum G9-Fahrer im Ungewissen gelassen werden und was die Update-Politik für eine Kaufentscheidung bedeutet. Denn nicht jeder bekommt, was im Prospekt steht.

XOS 5.9.5: Ein Update mit geografischen Haken

XPeng hat Ende Juni 2026 mit der Verteilung des großen Software-Updates XOS 5.9.5 begonnen. Der Rollout startete am 26. Juni für eine erste Gruppe und wurde ab dem 29. Juni breiter über die Over-the-Air-Schnittstelle (OTA) verteilt. Offizielle Ankündigungen bestätigen die Verfügbarkeit für die Niederlande und Dänemark, aber auch für Belgien sowie das Vereinigte Königreich. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte, und für uns entscheidende: Für Deutschland fehlt jede offizielle Kommunikation, ebenso für Österreich und die Schweiz. Das bedeutet, dass der gesamte Funktionsumfang und der Zeitplan für den deutschen Markt unbestätigt sind. Ich rate daher dringend zur Vorsicht, die vollmundigen Feature-Listen aus anderen Ländern als gegeben anzusehen.

Ein weiteres, massives Fragezeichen schwebt über dem XPeng G9. Während das Update explizit für den neuen G6 und neuere Versionen des P7 (bezeichnet als P7+) dokumentiert ist, taucht der G9 in keiner der uns vorliegenden Release Notes auf. Das ist besonders irritierend, da der G9 auf den offiziellen Webseiten der Länder beworben wird, die das Update erhalten. Deutsche G9-Fahrer und -Interessenten tappen also im Dunkeln, ob und wann sie von den Verbesserungen profitieren.

Neue Sprachsteuerung und endlich Split-Screen

Wenn das Update denn kommt, bringt es einige spürbare Verbesserungen für den Alltag. XPeng hat hier klar auf die Kritik an der Bedienung reagiert. Die größte Erleichterung ist die neue, durchgehende Sprachbedienung. Nach dem einmaligen Weckruf „Hey XPeng“ kann man nun mehrere Befehle hintereinander geben, ohne ständig die Aktivierungsphrase wiederholen zu müssen. Ein klares „Tschüss“ oder eine 20-sekündige Sprechpause beenden den Dialog. Das klingt nach einer Kleinigkeit, macht die Interaktion im Fahrbetrieb aber eben deutlich flüssiger und weniger nervig.

Auch die Integration von Apple CarPlay und Android Auto wurde fundamental verbessert. Bisher war es ein Ärgernis, dass bei der Nutzung der Smartphone-Spiegelung wichtige Fahrzeugfunktionen hinter Menüs verschwanden. Mit XOS 5.9.5 bleibt die untere Bedienleiste, das sogenannte „XDOCK“, permanent sichtbar. Der schnelle Zugriff auf Klimatisierung und Lautstärke ist damit jederzeit gewährleistet, ebenso auf die Sitzheizung. Zudem ist nun eine Split-Screen-Ansicht möglich: Auf der einen Hälfte läuft die Navigation via CarPlay, auf der anderen eine native App von XPeng. Das ist schon praktisch und längst überfällig.

Für Technik-Fans interessant sind die neuen standortbasierten Auslöser für die „XCOMBO“-Automatisierungen. Man kann nun festlegen, dass das Fahrzeug bestimmte Aktionen ausführt, wenn man sich einem Ziel nähert oder einen gespeicherten Ort (z.B. das Zuhause) erreicht oder verlässt. Der minimale Radius für die Erkennung liegt bei 200 Metern. Denkbar sind Szenarien wie das automatische Öffnen des Garagentors bei Ankunft. Nützlich ist auch der neue „P-Comfort“-Modus, der den bisherigen XPARK-Modus ersetzt. Er hält Klimaanlage und Bildschirme für im Auto wartende Passagiere aktiv – und das ohne das bisherige Zeitlimit von 60 Minuten.

Das neue Ein-Pedal-Fahren

Eine der meistdiskutierten Neuerungen ist die Einführung des echten Ein-Pedal-Fahrens. Bisher rekuperierten die XPeng-Modelle zwar, krochen aber am Ende mit geringer Geschwindigkeit weiter. Mit XOS 5.9.5 können der G6 und der P7+ nun bis zum vollständigen Stillstand abbremsen, sobald der Fahrer den Fuß vom Fahrpedal nimmt. Das ist ein entscheidendes Komfort-Feature im Stadtverkehr, das viele Konkurrenten längst bieten.

Doch Vorsicht, hier lauert die erste große Einschränkung. Diese Funktion ist explizit auf neuere Modelle beschränkt. Besitzer eines älteren P7 gehen hierbei leer aus.

Auch bei den Assistenzsystemen gibt es sinnvolle Detailverbesserungen. So lässt sich die automatische Geschwindigkeitsreduzierung in Kurven, die bei aktivem Abstands- und Spurhaltetempomat (ACC/LCC) eingreift, nun per Schalter deaktivieren. Das ist eine gute Nachricht für Fahrer, die einen dynamischeren Fahrstil bevorzugen und sich von der teils übereifrigen Regelung bevormundet fühlten.

Der Parkassistent (APA) lernt ebenfalls dazu. Man kann nun manuell einen Parkplatz auf dem Bildschirm markieren, den das System ansteuern soll. Das ist hilfreich, wenn die automatische Erkennung mal wieder versagt. Beim Ausparken aus einer quer zur Fahrbahn liegenden Lücke lässt sich zudem die gewünschte Ausfahrrichtung vorgeben.

Genau hier zeigt sich aber die Tücke der Hardware-Abhängigkeit, die XPeng in den Hochglanz-Meldungen gerne verschweigt. Aus meiner Werkstatt-Perspektive ist das der entscheidende Punkt für Kaufinteressenten: Die Funktion des manuellen Parkplatz-Markierens („Custom APA Parking“) ist für den G6 in der Basisversion „Standard Range“ (in einigen Märkten auch „Air“ genannt) nicht verfügbar. Der Grund ist knallharte Sparpolitik. Diese Variante nutzt ein günstigeres Assistenzsystem von Bosch und verzichtet auf den leistungsfähigen NVIDIA-Orin-X- oder XPENG-Turing-Chip. Die Konsequenz für Käufer des G6-Einstiegsmodells: ein dauerhafter Verzicht auf bestimmte Software-Features.

Bugfixes nur auf Anfrage

Im Bereich der Elektromobilität sind die Verbesserungen auf dem Papier vielversprechend, in der Praxis aber schwer zu überprüfen. Laut XPeng wurde die Kompatibilität mit Tesla Superchargern (V3 und V4) verbessert und das thermische Management der Batterie bei niedrigen Temperaturen optimiert. Beides sind willkommene Anpassungen für den europäischen Winter. Allerdings bleibt der Hersteller eine genaue Erklärung schuldig, was die ebenfalls versprochene „Feinabstimmung der Berechnung von Batterieprozentsatz und Reichweite“ konkret bedeutet. Hier ist Skepsis angebracht. Oftmals handelt es sich dabei nur um eine Anpassung der Algorithmen, die eine höhere Restreichweite vorgaukelt, ohne die reale Effizienz zu steigern. Echte, unabhängige Tests stehen hier noch aus.

Wirklich handfest wird es bei den Fehlerbehebungen. Nach dem Haupt-Update hat XPeng mehrere kleinere Builds nachgeschoben, die gezielt Bugs ausmerzen. Das ist der Punkt, an dem Besitzer aktiv werden müssen. Diese Updates werden nämlich nicht breit an alle Fahrzeuge verteilt. Betroffene Besitzer müssen sich direkt an den XPeng-Service wenden, um das entsprechende Update anzufordern.

Hier ist meine exklusive Übersicht, basierend auf den uns vorliegenden Werkstatt-Informationen:

  • Build .8908: Behebt Probleme mit der Audioqualität bei Anrufen über Apple CarPlay und optimiert die Darstellung vorausfahrender Fahrzeuge auf dem Fahrerdisplay.
  • Build .8909: Verbessert die Stabilität des intelligenten Fernlichtassistenten (IHB), der bei manchen Fahrern unzuverlässig funktionierte.
  • Build .8910: Enthält drei wichtige Fixes: Es verbessert die Stabilität des eCall-Notrufsystems (relevant für Norwegen) und die Wiedergabe von FM-Radio. Zudem wird ein Problem mit abbrechenden Android Auto/CarPlay-Verbindungen bei Hotspot-Nutzung gelöst.

Unterm Strich ist XOS 5.9.5 ein substanzielles und gutes Update. Es adressiert viele Kritikpunkte an der Bedienung, liefert lang erwartete Fahrfunktionen wie das Ein-Pedal-Fahren und zeigt mit den gezielten Bugfixes, dass die Entwickler auf Kundenfeedback reagieren. Die Verbesserungen bei der CarPlay-Integration allein sind für viele Nutzer ein Grund zur Freude.

Das eigentliche Ärgernis ist aber die katastrophale Informationspolitik von XPeng für den deutschen Markt. Es ist für mich als Journalist und für Sie als Kunde inakzeptabel, dass Wochen nach dem Europa-Rollout keine einzige offizielle Information für den wichtigsten Automarkt des Kontinents vorliegt. Das sät natürlich Misstrauen und macht eine seriöse Kaufberatung fast unmöglich.

Meine klare Empfehlung: Aktuelle Besitzer eines G6 oder P7+ sollten die Liste der Bugfixes prüfen. Sind Sie von einem der Fehler betroffen, kontaktieren Sie proaktiv Ihren Servicepartner. Warten Sie nicht auf ein OTA-Wunder. Für Kaufinteressenten ist die Lage ernster. Verlassen Sie sich auf keinen Fall auf die Feature-Listen aus den Niederlanden oder Dänemark. Die hardwarebedingten Einschränkungen beim G6 Standard Range sind ein klares Warnsignal. Die totale Funkstille zum G9 ist ein noch größeres Alarmsignal. Wer heute einen XPeng kauft, sollte seine Entscheidung auf Basis des Ist-Zustands treffen. Verlassen Sie sich nicht auf Software-Versprechen, für die es bis heute keinen deutschen Zeitplan gibt.


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