Es gibt Momente im Leben eines Autofans, die schmerzen. Der Moment, als Bentley verkündete: „Der W12 ist tot.“ Das Herz der Marke, dieses 6.0-Liter-Monster, das lief wie ein Uhrwerk aus Seide und Dynamit, wurde 2024 beerdigt. Wir schreiben das Jahr 2026. Ich sitze im Nachfolger. Er heißt immer noch Bentley Continental GT Speed. Aber unter der Haube arbeitet jetzt „nur“ noch ein V8. Um den Schmerz zu lindern, hat Bentley ihm einen Elektromotor zur Seite gestellt. Das Ergebnis? 782 PS. Das sind fast 130 PS mehr als der alte W12 hatte. Es ist der stärkste Serien-Bentley aller Zeiten. Aber ist er auch der beste? Oder ist dieser 2,5 Tonnen schwere Plug-in-Hybrid nur ein Kompromiss für die CO2-Bilanz, der seine Seele an die Steckdose verkauft hat? Ich habe den britischen Lord auf eine Grand Tour entführt.
Das Design: Einäugig, aber nicht blind
Wenn Sie den neuen „Conti“ sehen, fällt eines sofort auf: Die vier Augen sind weg. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten trägt der Continental GT Einzel-Scheinwerfer mit einem horizontalen „Lidstrich“ (Tagfahrlicht). Das ist ein Zitat an die Coachbuild-Modelle (Bacalar/Batur) und polarisiert. Mir gefällt es. Er wirkt böser, fokussierter, weniger „pausbackig“ als der Vorgänger. Die Karosserie ist immer noch ein Kunstwerk aus „Superformed Aluminium“. Keine Fugen, nur fließende Linien. Die hinteren Kotflügel sind so muskulös, dass man darauf ein Picknick abhalten könnte. Aber im deutschen Alltag wird diese Schönheit zum Problem. Der Baustellen-Realitäts-Check: Der Wagen ist breit. Sehr breit. Mit ausgeklappten Spiegeln kratzen wir an der 2,20-Meter-Marke. Auf der A8 Richtung Salzburg in der Baustelle bedeutet das: Rechte Spur. Wer sich mit diesem 250.000-Euro-Lackjuwel auf die linke Spur traut (oft 2,1m Limit), spielt russisches Roulette mit der Leitplanke. Und Parkhäuser? Vergessen Sie enge Spindeln. Die Felgen (22 Zoll Standard) stehen so weit raus, dass jeder Bordstein zum Feind wird. Der Wendekreis ist dank Allradlenkung okay, aber die physische Masse lässt sich nicht wegdiskutieren.
Innenraum: Das drehende Toblerone und die haptische Ekstase
Ich öffne die massive Tür. Sie ist schwer wie ein Tresor. Innen empfängt mich eine Welt, die nichts, aber auch gar nichts mit „Plastik-Sparen“ zu tun hat. Leder? Von Kühen, die vermutlich auf einer Alm mit klassischer Musik massiert wurden. Metall? Echt. Kalt. Geriffelt („Diamond Knurling“). Wenn ich den Drehregler für die Lüftung anfasse, spüre ich den Widerstand, das Gewicht. Das ist Luxus. Das ist Bentley. Und dann das Party-Trick-Feature: Das Rotating Display. Zündung aus: Ich sehe nur edles Holzfurnier. Startknopf drücken: Das Holz rotiert, und ein 12,3-Zoll-Touchscreen erscheint. Taste drücken: Es rotiert erneut und zeigt drei analoge Uhren (Kompass, Temperatur, Chronometer). Im Jahr 2026, wo Mercedes und Audi alles mit Bildschirmen zupflastern, ist diese Option (die ein Vermögen kostet) ein Statement für analoge Werte. Das Platzangebot? Vorne sitzen Sie wie ein König. Die Sitze massieren nicht nur, sie analysieren Ihre Körperhaltung („Postural Adjust“) und passen sich millimetergenau an. Hinten? Nun ja. Es ist ein 2+2 Sitzer. Erwachsene können dort sitzen, wenn sie den Fahrer sehr gut kennen und die Fahrt kurz ist. Der Kofferraum ist durch die Hybrid-Batterie etwas geschrumpft, reicht aber für zwei große Golfbags oder das Wochenend-Gepäck.
Der Antrieb: W12 war gestern, Warp-Antrieb ist heute
Wir drücken den Startknopf. Stille. Der Wagen startet im „EV-Mode“. Wir rollen lautlos aus der Stadt. Bis zu 81 Kilometer rein elektrisch sind möglich (25,9 kWh Batterie). Das ist skurril. Ein Bentley, der summt. Aber es ist entspannend. Dann: Ortsausgang. Modus auf „Dynamic“ (bei Bentley heißt das „Sport“, aber der „Bentley“-Modus ist der beste Kompromiss). Pedal to the metal. Der 4.0 V8 Biturbo erwacht mit einem tiefen Grollen, der E-Motor (190 PS) schiebt sofort an, noch bevor die Turbos Luft geholt haben. Systemleistung: 782 PS und 1.000 Nm Drehmoment. Was dann passiert, ist beängstigend. Die 2,5 Tonnen werden nicht beschleunigt, sie werden telekopiert. 0 auf 100 km/h: 3,2 Sekunden. Der Schub ist endlos. Es gibt keine Zugkraftunterbrechung, nur Druck. Der V8 klingt dabei rotzig, böse, fast wie ein amerikanisches Muscle Car im Smoking. Vermisse ich den W12? Ehrlich gesagt: Ja, den Seidenlauf. Der V8 vibriert mehr, er lebt mehr. Aber objektiv ist dieser Hybrid-Antrieb dem alten W12 in jeder dynamischen Hinsicht überlegen. Das „Torque Fill“ des E-Motors eliminiert jedes Turboloch.
Das Fahrwerk ist Zauberei. Bentley nutzt neue Zweiventil-Dämpfer und eine aktive 48-Volt-Wankstabilisierung. Der Wagen liegt flach in der Kurve, filtert aber gleichzeitig jeden Kanaldeckel heraus. Man spürt das Gewicht beim Anbremsen, aber in der Kurve tanzt der Elefant.
Verbrauch & Realität: Das grüne Gewissen des Lords
Kann man einen 782-PS-Bentley sparsam fahren? Ja. Wenn man lädt. Auf den ersten 100 km (mit voller Batterie) stand eine 3,5 vor dem Komma (Liter Benzin) + 22 kWh Strom. Aber was passiert auf der Langstrecke, wenn der Akku leer ist? Dann muss der V8 die 2,5 Tonnen alleine schleppen und nebenbei noch rekuperieren. Verbrauch „Batterie leer“: 11,8 Liter Super Plus (bei entspannten 140 km/h). Verbrauch „Spaß“: 18 Liter +. Das ist für die Leistung immer noch effizienter als der alte W12, der selten unter 15 Litern zu bewegen war. Aber: Sie müssen tanken und laden, wenn Sie die volle Performance wollen.
Technische Daten & Realitäts-Check
Datenpunkt | Bentley Continental GT Speed (2026) | Alex Wind Kommentar |
Antrieb | 4.0 V8 PHEV (Ultra Performance Hybrid) | Stärker als der W12. |
Leistung | 575 kW (782 PS) / 1.000 Nm | Genug, um die Erdrotation zu beeinflussen. |
0-100 km/h | 3,2 Sekunden | Supersportwagen-Niveau. |
Vmax | 335 km/h | Unterwasser-Tunnel-Modus. |
E-Reichweite | ca. 81 km (WLTP) | Realistisch 60 km. Reicht für die City. |
Gewicht | ca. 2.495 kg | Er ist schwer geworden. Sehr schwer. |
Ladeleistung | 11 kW (AC) | DC-Schnellladen fehlt leider oft. |
Preis (Basis) | ca. 265.000 € | Mit Optionen sind 300k schnell geknackt. |
Preis (Testwagen) | 312.400 € | Naim-Audio, Rotating Display, Mulliner-Lack. |
Pro & Contra
- ✅ Qualität: Die Verarbeitung ist das Beste, was man für Geld kaufen kann.
- ✅ Power: Der Hybrid-Punch ist süchtig machend.
- ✅ Rotating Display: Das coolste Gimmick der Autoindustrie.
- ✅ Fahrwerk: Spreizung zwischen Sänfte und Sportwagen ist perfekt.
- ❌ Gewicht: 2,5 Tonnen merkt man beim Bremsen und Reifenverschleiß.
- ❌ Breite: Alltagshindernis Nr. 1.
- ❌ Laden: Nur 11 kW AC laden dauert ewig. Wo ist der DC-Lader?
- ❌ Emotion: Der W12 war einzigartiger. V8 gibt es auch im Porsche Panamera.
Konkurrenz-Check
- Aston Martin DB12: „Nur“ V8 (ohne Hybrid zum Start), klassischer, schöner, aber technologisch (Infotainment) trotz Mercedes-Update nicht ganz auf Bentley-Niveau. Und enger.
- Ferrari Roma / 12Cilindri: Viel sportlicher, nervöser, härter. Wer reisen will, nimmt Bentley. Wer rasen will, nimmt Ferrari.
- Rolls-Royce Spectre: Rein elektrisch. Noch leiser, noch teurer, aber bei 170 km/h ist die Reichweite ein Witz. Der Bentley fährt 335 km/h.
Fazit: Alex Wind meint…
Der Bentley Continental GT Speed (2026) ist ein technologisches Meisterwerk. Er hat den Tod des W12 nicht nur überlebt, er ist daraus stärker hervorgegangen. Der Hybrid-Antrieb macht ihn im Alltag besser (lautlos in der Stadt, brutaler auf der Landstraße). Er ist der ultimative „Grand Tourer“. Sie können morgens in München losfahren, lautlos aus der Garage rollen, auf der Autobahn Ferraris jagen und abends entspannt in Monaco vor dem Casino vorfahren. Aber für die Romantiker ist ein Stück Magie verloren gegangen. Der V8 ist ein Raubein, kein Aristokrat wie der W12. Wem empfehle ich ihn: Erfolgreichen Unternehmern, die ein Auto für alles suchen (außer IKEA). Wem rate ich ab: W12-Sammlern. Behaltet eure alten GTs. Sie werden im Wert steigen.
FAQ
1. Ist der Continental GT jetzt ein reines Elektroauto? Nein! Er ist ein Plug-in-Hybrid (PHEV). Er hat einen Benzintank und eine Batterie. Er fährt immer noch primär mit Benzin, kann aber kurze Strecken elektrisch.
2. Vermisst man den W12 wirklich? Objektiv: Nein. Der neue Antrieb ist schneller und spontaner. Subjektiv: Ja. Das turbinenartige Heulen des 12-Zylinders war einmalig. Der V8 wummert halt wie ein V8.
3. Wie lange dauert das Laden? Da er (in der Regel) nur einen 11 kW On-Board-Lader hat, dauert eine volle Ladung an der Wallbox ca. 2,5 bis 3 Stunden. Mal eben beim Einkaufen vollladen (Schnellladen) ist nicht drin. Das ist schade.

















