Ich stehe am Rastplatz Spessart an der A3, blicke auf die Ladesäule und meine rechte Hand greift ins Leere. Sie sucht den vertrauten iDrive-Controller auf der Mittelkonsole. Aber da ist nichts. Nur eine glatte, minimalistische Stoffoberfläche. Dieser Phantomschmerz fasst mein Gefühl zum brandneuen BMW iX3 der Generation NA5 wohl am besten zusammen.
BMW feiert dieses Auto als den Beginn der „Neuen Klasse“. Ich sehe darin das vielleicht größte kalkulierte Risiko der bayrischen Firmengeschichte. Nach 50 Jahren „Freude am Fahren“ soll uns München jetzt die „Freude am Touchen“ vermitteln. Das SUV basiert auf einer von Grund auf neu konstruierten 800-Volt-Plattform, lädt den Akku schneller, als ich meinen Espresso trinken kann, und projiziert die Instrumente in Kinoqualität über die gesamte Breite der Windschutzscheibe.
Die entscheidende Frage ist, ob dieses Hightech-Fahrzeug im Kern noch ein echter BMW ist oder nur ein besserer Tesla mit perfekten Spaltmaßen. Wir haben den iX3 als seriennahen Prototyp in der potenten xDrive50-Version zwei Wochen lang im Alltag hart rangenommen – von der gnadenlosen Verfolgungsjagd auf der linken Spur bis zum zentimetergenauen Parkchaos in der Münchner Innenstadt.
Technische Daten & Spezifikationen
Kategorie | BMW iX3 xDrive50 „Neue Klasse“ (2026) |
Motor & Antrieb | Dual-Motor (eDrive 6. Gen), variabler Allradantrieb |
Leistung / Drehmoment | 503 PS (370 kW) / ca. 700 Nm |
Batteriearchitektur | 800-Volt-System |
Ladeleistung (DC) | max. 275 kW (10-80% in grandiosen 13 Min.) |
Reichweite (WLTP / Real) | 580 km / ca. 420 – 450 km (Alltag) |
0-100 km/h / Vmax | 4,1 s / 210 km/h |
Anhängelast (gebremst) | 2.000 kg |
Fahrzeugbreite (mit Spiegeln) | 2.170 mm (Achtung Baustelle!) |
Basispreis (Schätzung DE) | ab ca. 68.500 € (Testwagen: 89.200 €) |
Unterhalt und Versicherung: Was kostet der iX3 2026 im DACH-Raum?
Wer fast 90.000 Euro für ein elektrisches Mittelklasse-SUV investiert, muss die Folgekosten genau im Blick haben. Als reines BEV profitiert der iX3 in Deutschland weiterhin von der vollständigen Befreiung von der Kfz-Steuer. Bei der Versicherung ist allerdings Vorsicht geboten: Die kostspieligen Sensoren und die neue „Phytonic Kidney“-Frontmaske treiben die Vollkaskoprämien für dieses 500-PS-Geschoss spürbar in die Höhe.
Sein stärkstes finanzielles Argument spielt der iX3 jedoch für Flottenmanager und Dienstwagenberechtigte aus. Da der Bruttolistenpreis selbst mit großzügiger Ausstattung unter der wichtigen 100.000-Euro-Marke bleibt, qualifiziert sich das SUV uneingeschränkt für die 0,25-%-Dienstwagenversteuerung. Das spart jeden Monat Hunderte Euro netto im Vergleich zu einem ähnlichen Verbrenner. Mein dringender Rat zum Erwerb: Kaufen Sie dieses Auto als Privatperson nicht bar. Es handelt sich um die allererste Generation der „Neuen Klasse“. Die Gefahr ist groß, dass Software und Batteriezellen in vier Jahren technologisch überholt sind. Leasen Sie den iX3. So verbleibt das erhebliche Restwertrisiko bei der BMW Bank.
Design, Abmessungen & Alltagstauglichkeit
Wenn man vor dem neuen iX3 steht, muss man alles vergessen, was man über BMW-Design zu wissen glaubte. Die klassische Niere ist verschwunden. An ihrer Stelle sitzt ein digitaler Bildschirm, die „Phytonic Kidney“, der Begrüßungsszenarien und Lichtmuster abspielt. Markante Sicken im Blech? Fehlanzeige. Chrom? Vollständig verbannt.
Das Auto wirkt wie aus einem einzigen, massiven Block Aluminium gefräst. BMW nennt diese Designsprache „monolithisch“. Bei grauem deutschem Nieselwetter sieht das extrem clean und fast schon wie ein Requisit aus einem Science-Fiction-Film aus. Dieses reduzierte Design hat aber seine Tücken. Es gibt keine Türgriffe. Man drückt auf kleine Sensoren an der B-Säule, woraufhin die Türen elektrisch aufspringen. Ein netter Show-Effekt für die Nachbarn, der bei hartem Eisregen im Februar aber schnell zum Ärgernis werden könnte.
Das Baustellen-Desaster: Optisch wirkt der iX3 eher kompakt, doch der Eindruck täuscht gewaltig. Durch die weit ausgestellten Radhäuser ist er massiv in die Breite gegangen. Das Maßband bestätigt es: Mit ausgeklappten Kameraspiegeln misst der Wagen 2,17 Meter. Das Urteil auf der A7 bei Kassel fällt damit gnadenlos aus. Die linke Spur in der Baustelle, oft auf 2,10 Meter limitiert, ist für den iX3 gesetzlich tabu. Man muss sich brav rechts zwischen die 40-Tonner einreihen, während ein 20 Jahre alter Golf links vorbeizieht.
Innenraum: Haptik-Check und Infotainment-Performance
Der Innenraum sorgt für den eigentlichen Kulturschock. Das Armaturenbrett ist praktisch leer. Kein Tacho hinter dem Lenkrad, keine klassischen Instrumente, keine Mittelkonsole mit Knöpfen. Stattdessen dominiert „Panoramic Vision“. Alle fahrrelevanten Informationen wie Tempo, Navi-Pfeile und Assistenzsysteme werden auf einen extrem breiten, schwarzen Balken am unteren Rand der Windschutzscheibe projiziert. Anfangs wollte ich es nicht mögen, doch nach 500 Kilometern muss ich zugeben: Die Lösung ist schlichtweg genial. Die Informationen liegen exakt im natürlichen Blickfeld. Man muss die Augen nie wieder von der Straße nehmen. Es ist das beste Head-up-Display der Welt, weil es die gesamte Scheibe nutzt.
Darauf folgt jedoch der haptische Frust. Ich mache den bewährten Klopftest an der Türverkleidung. Es klingt dumpf. BMW setzt hier massiv auf recycelte Materialien, die sich anfühlen wie der Stoff eines hochwertigen Turnschuhs. Das mag das Öko-Gewissen beruhigen, aber wer in der 90.000-Euro-Klasse feines Merino-Leder und offenporiges Holz erwartet, wird hier enttäuscht.
Der eigentliche Fauxpas ist aber die Bedienung. Der iDrive-Controller wurde ersatzlos gestrichen. Um die Sitzheizung einzustellen oder den Fahrmodus zu wechseln, muss man nun auf dem zentralen Touchscreen tippen oder mit dem Auto sprechen („Hey BMW“). Bei Tempo 160 auf einer welligen Autobahn ist dieses Herumtippen ein echtes Sicherheitsrisiko. Der Wegfall des Dreh-Drück-Stellers ist ein ergonomischer Kardinalfehler, der Vielfahrer schmerzhaft treffen wird.
Antrieb und Fahrdynamik: 800-Volt-Technik im Realitätscheck
Wir fahren den iX3 xDrive50 mit Dual-Motor-Allrad und über 500 PS. Ein Tritt auf das Bremspedal, das System meldet „Ready“.
- Fahrdynamik: Auffahrt A9, Vollstrom. Der Kopf schnellt in die Kopfstütze. Die Beschleunigung in 4,1 Sekunden auf 100 km/h ist absurd, fast schon unangenehm linear. Erst bei 210 km/h greift die Elektronik ein – das peinliche 180er-Limit früherer Elektro-BMWs ist zum Glück Geschichte. Das Fahrwerk ist straff, aber dank adaptiver Dämpfer nicht hölzern. Es schluckt Querfugen auf der Autobahn deutlich souveräner als ein Tesla Model Y, bleibt in Kurven aber verbindlicher und sportlicher als ein Mercedes EQC.
- NVH & Assistenz: Was auf der Langstrecke am meisten beeindruckt, ist die Stille. Dank Akustikverglasung hört man bei 160 km/h nur ein leises Säuseln. In der Stadt ist das „One-Pedal-Driving“ perfekt kalibriert; die mechanische Bremse wird praktisch überflüssig. Ein Ärgernis ist der EU-vorgeschriebene ISA-Tempowarner (Intelligent Speed Assist), der bei 51 km/h sofort laut bimmelt. Zum Glück hat BMW eine „Set“-Taste am Lenkrad verbaut: Ein langer Druck darauf schaltet das Gebimmel ab – leider muss man das nach jedem Neustart wiederholen.
- Die Lade-Revolution: Bei konstant 150 km/h klettert der Verbrauch auf 24 kWh/100km. Das ist aber fast egal. Wir rollen mit 8 % Restakku an einen Ionity-Schnelllader. Hier zeigt die 800-Volt-Architektur ihre vernichtende Überlegenheit. Die Ladeleistung schießt sofort auf 275 kW. Ich stoppe die Zeit: Von 10 % auf 80 % vergehen exakt 13 Minuten. Das definiert die Elektromobilität auf der Langstrecke völlig neu. Man steckt an, geht kurz auf die Toilette, holt einen Kaffee, und das Auto wartet schon. Die gefürchtete „Ladepause“ existiert damit faktisch nicht mehr.
Platzangebot für Familien und Freizeit
Trotz der sportlichen Silhouette ist die Raumausnutzung der neuen Plattform ein Segen für Familien. Da es keinen mechanischen Kardantunnel und keinen wuchtigen Mitteltunnel für den Auspuff mehr gibt, ist der Boden in der zweiten Reihe komplett flach.
Ich stelle den Fahrersitz auf meine Körpergröße von 1,85 Metern ein und setze mich direkt dahinter. Vor meinen Knien habe ich immer noch fast 15 Zentimeter Luft. Selbst drei Erwachsene finden im Fond auf mittleren Strecken bequem Platz. Die Isofix-Bügel für Kindersitze liegen offen und sind extrem gut zugänglich – junge Eltern werden BMW für diese Erleichterung bei der täglichen Fummelei mit dem Reboarder danken. Der Kofferraum ist tief und breit, nur die abfallende Heckscheibe schränkt den Transport sperriger Gegenstände wie einer Waschmaschine ein.
Anhängelast, Assistenzsysteme und Wintertauglichkeit im Alltag
Wer den iX3 als Zugfahrzeug für den Sommerurlaub einplant, kann aufatmen. Die neue Plattform erlaubt eine Anhängelast von satten 2.000 Kilogramm (gebremst). Das reicht locker, um ein schweres Motorboot an den Gardasee oder einen vollwertigen Doppelachs-Wohnwagen souverän über die Alpen zu ziehen.
Im Winter stellt das serienmäßige Wärmepumpensystem sicher, dass die Reichweite bei Minusgraden nicht dramatisch einbricht. Der hecklastig ausgelegte Allradantrieb (xDrive) krallt sich blitzschnell in den Schnee und das Auto bleibt jederzeit hervorragend kontrollierbar.
Das Level-3-Versprechen: Die Hardware für teilautonomes Fahren, der „Personal Pilot“, ist an Bord. In unserem Test auf der A9 funktionierte das Fahren ohne Hände am Lenkrad bis 130 km/h bei strahlendem Sonnenschein sehr zuverlässig. Sobald es jedoch zu regnen begann oder die Gischt zunahm, forderte das System sofort dazu auf, die Hände wieder ans Steuer zu nehmen. Es ist ein exzellenter Assistent für den Stau, aber eben noch kein echter Chauffeur.
Konkurrenz-Check
Die elektrischen Mittelklasse-SUVs sind 2026 das am härtesten umkämpfte Segment auf dem Markt.
Feature | BMW iX3 xDrive50 | Tesla Model Y „Juniper“ | Audi Q6 e-tron quattro |
Architektur | 800 Volt | 400 Volt | 800 Volt |
Ladezeit 10-80% | ca. 13 Min. (275 kW) | ca. 25 Min. (250 kW) | ca. 21 Min. (270 kW) |
Bedienung | Touch / Voice | Nur Touchscreen | Tasten & Touch |
Fahrwerk | Adaptiv (Komfortabel/Straff) | Sehr straff / polterig | Extrem komfortabel |
Preis (Schätzung) | ca. 68.500 € | ca. 45.000 € | ca. 74.000 € |
Analyse: Das überarbeitete Tesla Model Y bleibt der unangefochtene Preis-Leistungs-Sieger. Es kostet fast 30.000 Euro weniger und bietet sogar mehr Kofferraum, fährt sich jedoch spürbar unkomfortabler und lädt an der Säule deutlich langsamer. Wer spitz rechnen muss, greift zwingend zum Tesla. Der Audi Q6 e-tron ist der konservative, ruhige Konkurrent im Premium-Segment. Sein Innenraum bietet noch echte, taktile Tasten und wirkt wesentlich wohnlicher und vertrauter. Wer den radikalen ergonomischen Bruch der „Neuen Klasse“ bei BMW scheut, findet bei Audi aktuell seine automobile Heimat.
Pro & Contra
- ✅ Pro: 800-Volt-Ladeperformance (13 Minuten auf 80 %) macht Langstreckenangst obsolet.
- ✅ Pro: „Panoramic Vision“ ist das mit Abstand beste und intuitivste Anzeigekonzept auf dem Markt.
- ✅ Pro: Brachiale Fahrleistungen (503 PS), gepaart mit einem exzellent abgestimmten adaptiven Fahrwerk.
- ✅ Pro: Üppiges Platzangebot im Fond dank komplett flachem Fahrzeugboden ohne Mitteltunnel.
- ❌ Contra: Der Wegfall des iDrive-Controllers ist ein gravierender ergonomischer Rückschritt und ein Sicherheitsrisiko.
- ❌ Contra: Mit 2,17 Metern Breite inklusive Spiegeln wird jede Autobahnbaustelle zur Geduldsprobe.
- ❌ Contra: Die Materialien im Innenraum (Recycling-Stoff) werden dem hohen Preisschild haptisch nicht gerecht.
- ❌ Contra: Die Türöffner per Sensor an der B-Säule sind im Winter bei Eisregen potenziell fehleranfällig.
Alex Wind meint:
Der BMW iX3 der „Neuen Klasse“ ist technologisch ein Ausnahmefahrzeug. Die konsequente 800-Volt-Technik und das faszinierende Panoramic Vision Display setzen eiskalte neue Standards in diesem Segment. Daran wird sich selbst Primus Tesla künftig die Zähne ausbeißen. Das Auto fährt fantastisch, lädt in Rekordzeit und bietet Familien mehr als genug Platz.
Emotional lässt mich der iX3 jedoch etwas ratlos zurück. In dem fast schon verzweifelten Versuch, maximal modern und clean zu wirken, hat München ein gutes Stück seiner bayrischen Seele geopfert. Der Innenraum wirkt durch das viele Plastik und die Recycling-Stoffe steril, die reine Touch-Bedienung lenkt massiv vom Fahren ab. Es ist das technisch perfekte Auto für die Generation iPhone. Echte BMW-Traditionalisten, die perfekte Ergonomie schätzen, werden dem iDrive-Controller aber bittere Tränen nachweinen.
Meine Empfehlung geht klar an Dienstwagen-Fahrer (Stichwort 0,25-%-Regel), Technik-Enthusiasten und Außendienstler, für die 13 Minuten Ladezeit am Supercharger wichtiger sind als klassischer Ledergeruch. Weniger geeignet ist er für Menschen, die Funktionen im Auto blind und fehlerfrei bedienen möchten. Wer echte Knöpfe will, muss im Jahr 2026 paradoxerweise zu Audi greifen. Eine verkehrte Welt.


































