Erinnern Sie sich an den Aufschrei? “Ein Auto ohne Heckscheibe! Wie soll das gehen?” Ein Jahr ist vergangen, seit der Polestar 4 auf unseren Straßen landete. Die ersten Schockwellen haben sich gelegt. Jetzt, im Modelljahr 2026, müssen wir nüchtern bilanzieren. Während der große Bruder Polestar 3 technisch massiv aufgerüstet wurde (800 Volt!), bleibt der Polestar 4 technisch weitgehend unverändert. Er ist der “Design-King” der Marke. Flach, breit, radikal. Aber ist er auch ein gutes Auto? Oder ist er nur ein rollendes Smartphone für Architekten, die Form über Funktion stellen? Ich bin den Long Range Single Motor gefahren – und habe gelernt, dem digitalen Spiegel zu vertrauen (meistens).
Das Heckscheiben-Experiment: Fluch oder Segen?
Der Polestar 4 hat kein Glas im Heck. Stattdessen liefert eine Dachkamera ein Bild auf den digitalen Innenspiegel. Der Vorteil: Die Dachlinie kann weiter nach hinten gezogen werden, was den Fond extrem geräumig macht.
Nach zwei Wochen Alltag sage ich: Es funktioniert. Besser als gedacht. Das Bild ist gestochen scharf, der Winkel weiter als bei jedem Spiegel. Im Regen? Die Kamera sitzt geschützt, das Bild bleibt klar. Nachts? Das System hellt das Bild auf, man sieht mehr als mit bloßem Auge. ABER: Es fehlt die Tiefe. Ihr Auge muss jedes Mal neu fokussieren – von der Straße (weit weg) auf den Bildschirm (nah). Für Gleitsichtbrillen-Träger ist das anstrengend. Und der soziale Aspekt? Sie können dem Drängler hinter Ihnen nicht mehr böse in die Augen schauen. Und Sie können nicht sehen, ob die Kinder auf der Rückbank schlafen, ohne einen separaten “Konversationsspiegel” zu nutzen. Es ist ein Kompromiss. Sie gewinnen Kopffreiheit (die hinten wirklich S-Klasse-Niveau hat!), aber Sie verlieren die analoge Verbindung zur Welt hinter Ihnen.
Single Motor vs. Dual Motor: Weniger ist mehr
Der Single Motor (Heckantrieb) leistet 200 kW (272 PS). Der Dual Motor protzt mit 400 kW (544 PS). Beide nutzen den 100-kWh-Akku (94 kWh netto).
Hier ist mein Rat: Sparen Sie sich den Dual Motor. Ja, 544 PS sind witzig. Für genau drei Ampelstarts. Danach merken Sie, dass das Fahrwerk des Dual Motor oft zu straff und nervös wirkt. Der Single Motor ist das harmonischere Auto. Er ist leichter auf der Vorderachse, lenkt williger ein und fühlt sich agiler an. 272 PS reichen völlig, um souverän zu überholen. Und der Verbrauch? Ich kam im Test auf fantastische 17,5 kWh/100 km. Damit sind reale 500 Kilometer drin. Der Dual Motor säuft deutlich mehr. Der Polestar 4 ist als Hecktriebler ein eleganter Gran Turismo. Als Dual Motor ist er ein übermotorisiertes Projektil, das seine Kraft nicht immer sinnvoll nutzt.
Die 400-Volt-Frage: Veraltet im Jahr 2026?
Anders als der Polestar 3 (jetzt 800V) bleibt der Polestar 4 auf der SEA-Plattform mit 400 Volt. Ladeleistung: max. 200 kW.
Ist das ein Dealbreaker? Nein. Aber es ist ärgerlich. Wenn Sie neben einem Hyundai Ioniq 6 stehen, der in 18 Minuten lädt, fühlen Sie sich im Polestar (ca. 30 Minuten für 10-80%) wie zweite Klasse. Aber: Die Ladekurve ist stabil. Sie sehen die 200 kW auch wirklich. Für den Preis (Start ca. 60.000 Euro) ist das okay. Aber es zeigt, dass der Polestar 4 technisch eher ein “Super-Zeekr” (Geely-Verwandtschaft) ist als ein echter Volvo-Bruder.
Innenraum: Google und Gold
Das Cockpit ist minimalistisch, aber nicht karg. Das Querformat-Display (15,4 Zoll) läuft mit Android Automotive.
Die Software ist brillant. Google Maps, Spotify, Assistant – alles nativ, alles schnell. Die Materialwahl (recycelte Kunststoffe, “Tailored Knit”-Stoffe) ist mutig und fühlt sich hochwertig an. Es riecht nicht nach “Neu-Auto”, sondern nach “Neu-Turnschuh”. Ein Highlight ist die Ambiente-Beleuchtung (“Solar System”), die Planeten-Farben im Innenraum verteilt. Spielerei? Ja. Cool? Definitiv.
Preis & Konkurrenz: Der Design-Aufschlag
Ein Polestar 4 Single Motor startet bei ca. 58.000 Euro. Mit Ausstattung landen Sie bei 65.000 Euro.
Vergleich: Ein Tesla Model Y “Juniper” ist billiger und praktischer (Kofferraum!). Ein BMW i4 ist enger, fährt aber sportlicher. Der Polestar 4 ist für Individualisten. Er ist das Auto für Menschen, die ein Tesla Model Y fahren würden, wenn es nicht so furchtbar aussehen würde. Er ist teurer, ja. Aber er bietet Exklusivität und eine Verarbeitung, von der Tesla-Fahrer nur träumen können.
Die Design-Ikonen
Feature | Polestar 4 Single Motor (2026) | Porsche Macan 4 Electric | Hyundai Ioniq 6 (Facelift) |
Antrieb | Heck (272 PS) | Allrad (408 PS) | Heck (229 PS) |
Akku | 100 kWh (Brutto) | 100 kWh | 84 kWh |
System | 400 Volt | 800 Volt | 800 Volt |
Laden | 200 kW | 270 kW | 240 kW |
Besonderheit | Keine Heckscheibe | Sportlichkeit | Aerodynamik |
Preis (Start) | ca. 58.000 € | ca. 84.000 € | ca. 48.000 € |
Fazit: Mut wird belohnt (meistens)
Der Polestar 4 (2026) ist kein Auto für jeden. Wer oft Anhänger rückwärts rangiert oder klaustrophobisch ist, wird die fehlende Heckscheibe hassen. Wer aber Design liebt und bereit ist, sich auf neue Technik einzulassen, bekommt hier das derzeit spannendste Elektroauto der Oberklasse. Nehmen Sie den Single Motor in “Storm” (Grau) oder “Gold”. Genießen Sie die Ruhe im Fond und das Gefühl, in einem Raumschiff zu sitzen. Der digitale Rückspiegel ist Gewöhnungssache – das Design ist Liebe auf den ersten Blick.











