Polestar 3 (2026): Die Notbremse wurde zur Raketenzündung

Es passiert selten, dass ein Autohersteller zugibt: „Wir waren nicht gut genug.“ Normalerweise warten sie vier Jahre bis zum Facelift. Nicht so Polestar. Der Polestar 3 startete holprig. Software-Verzögerungen, „nur“ 400-Volt-Technik, während Porsche und Hyundai mit 800 Volt luden. Der Markt strafte das ab. Doch Ende 2025 zündet die schwedisch-chinesische Marke den Nachbrenner. Das Modelljahr 2026 ist da – und es ist kein Facelift, es ist eine Herztransplantation. Plötzlich steht da ein Auto mit 800-Volt-Architektur, bis zu 350 kW Ladeleistung und einer Leistungsexplosion auf 671 PS (im Performance Pack). Ich bin den „neuen“ Polestar 3 gefahren. Ist er jetzt das Auto, das er von Anfang an hätte sein sollen? Und was bedeutet das für die armen Seelen, die das 2025er Modell gekauft haben?

800 Volt: Der Angriff auf Porsche

Das wichtigste Update: Der Wechsel von 400V auf 800V. Damit lädt der Polestar 3 nun mit bis zu 350 kW (vorher 250 kW). Die Zeit für 10-80% schrumpft auf rekordverdächtige 22 Minuten. Der neue 106-kWh-Akku (netto) liefert im „Long Range Dual Motor“ bis zu 635 km Reichweite (WLTP).

Das ist der Gamechanger. Vorher war der Polestar 3 ein schönes Auto, das an der Ladesäule von jedem Hyundai Ioniq 5 überholt wurde. Das tat weh, bei einem Preis von über 90.000 Euro. Jetzt? Jetzt lädt er auf Augenhöhe mit dem Porsche Macan Electric. Ich habe es getestet: Anstecken, zur Toilette gehen, Espresso trinken – fertig. Die Ladekurve ist aggressiv. Das macht den Polestar 3 endlich zum vollwertigen Langstrecken-GT. Die Reichweite ist real (auch dank neuer Motoren-Effizienz) bei soliden 450-500 km auf der Autobahn angekommen. Das Angstschweiß-Thema ist vom Tisch.

Performance Pack: 671 PS und das „Heck-Gefühl“

Die Leistung des Topmodells steigt von 517 PS auf wahnwitzige 493 kW (671 PS). Der Sprint auf 100 km/h gelingt in 3,8 Sekunden. Noch wichtiger: Der Heckmotor ist jetzt dominant, der Frontmotor koppelt sich beim Segeln ab.

Polestar will „der elektrische Porsche“ sein. Mit dem 2026er Update kommen sie diesem Anspruch gefährlich nahe. Die 671 PS sind brutal. Aber Leistung können heute alle. Was beeindruckt, ist die Abstimmung. Das Auto fühlt sich hecklastig an. Wenn Sie aus der Kurve beschleunigen, drückt das Heck, statt dass die Front scharrt. Dank der Torque-Vectoring-Doppelkupplung an der Hinterachse (die er schon vorher hatte, die jetzt aber besser genutzt wird) lenkt er gierig ein. Das Fahrwerk ist immer noch straff – vielleicht zu straff für manche –, aber die neuen Dämpferkennlinien haben ihm etwas von seiner Härte genommen. Er ist jetzt verbindlich, nicht mehr bockig.

Das NVIDIA-Wunder: Kostenloses Upgrade für Alte?

Der neue Polestar 3 (2026) läuft auf dem NVIDIA DRIVE Orin Kern, der 8x mehr Rechenleistung hat als der Vorgänger. Gerüchte und erste Händler-Infos besagen, dass Besitzer des 2025er Modells ein kostenloses Hardware-Upgrade erhalten sollen.

Das ist die Nachricht des Jahres – wenn sie flächendeckend umgesetzt wird. Ein Hardware-Retrofit? Kostenlos? Das gab es in der Autoindustrie fast noch nie. Es zeigt, wie ernst es Polestar meint. Sie wissen, dass sie die „Early Adopter“ nicht vergraulen dürfen. Das neue System im 2026er Modell ist rasend schnell. Die Karten bauen sich sofort auf, die Assistenzsysteme sehen weiter und reagieren sanfter. Das „Pilot Pack“ mit LiDAR (optional) profitiert massiv von der neuen Rechenpower. Das Auto fühlt sich endlich so schlau an, wie es aussieht.

Single Motor: Die Vernunftwahl?

Neu positioniert ist der „Long Range Single Motor“ mit Heckantrieb, 92-kWh-Akku und 329 PS (vorher 299 PS).

Vergessen Sie die 671 PS. Das hier ist das Auto für den Alltag. Der Single Motor ist leichter, agiler (weniger Gewicht auf der Vorderachse) und kommt real fast genauso weit wie der große Dual Motor, weil er effizienter ist. Mit dem 800-Volt-System ist er der perfekte Firmenwagen. Er kostet unter 80.000 Euro, sieht genauso aus wie das Topmodell und fährt sich entspannt. Wer keine Ampelrennen gewinnen muss, wird hier glücklich.

Innenraum: Skandinavien vs. Stuttgart

Der Innenraum bleibt minimalistisch, mit neuen Materialien („Bio-attributed WeaveTech“) und dem 14,5-Zoll-Hochkant-Screen.

Hier scheiden sich die Geister. Ein Porsche Macan hat Knöpfe. Ein Audi Q6 hat Screens bis zum Beifahrer. Der Polestar ist… leer. Es ist wunderschön, ja. Wie ein Apple Store. Aber während der Fahrt die Spiegel einzustellen, erfordert immer noch einen Blick auf den Touchscreen. Das nervt auch 2026 noch. Dafür sind die Sitze (besonders die Woll-Option) immer noch die besten der Branche. Man sitzt im Auto, tief und sportlich, nicht auf dem Auto wie in einem SUV.

Der neue Maßstab 2026

Feature
Polestar 3 Performance (MJ 2026)
Porsche Macan Turbo Electric
Audi SQ6 e-tron
System
800 Volt (Neu)
800 Volt
800 Volt
Laden (Max)
350 kW
270 kW
270 kW
Leistung
671 PS
639 PS
517 PS
0-100 km/h
3,8 s
3,3 s
4,3 s
Reichweite
ca. 590 km
ca. 590 km
ca. 600 km
Preis (Basis)
ca. 92.000 €
ca. 114.000 €
ca. 93.000 €

Fazit: Das Comeback-Kind

Der Polestar 3 (2026) ist das, was der Wagen zum Start hätte sein müssen. Mit der 800-Volt-Technik eliminiert er seinen größten Kritikpunkt. Mit der Power-Spritze auf 671 PS zeigt er den Deutschen die Zähne. Ist er besser als ein Macan? Fahrdynamisch: Fast. Der Porsche ist noch einen Tick präziser. Aber preislich und optisch? Der Polestar ist exklusiver, schöner und (ausstattungsbereinigt) günstiger. Wenn Sie Design lieben, aber bisher wegen der Ladegeschwindigkeit gezögert haben: Ihre Ausrede ist weg. Kaufen Sie ihn.

Galerie

Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.


    ⚠️ Fehler im Artikel entdeckt?


    Helfen Sie uns kurz mit einem anonymen Hinweis:

    Spam-Schutz: