RAM 1500 (2026) im Test: Der V8 ist tot – kann der „Hurricane“ den Schmerz lindern?

Es gibt Momente, in denen man sich wie ein Verräter fühlt. Ich stehe an einer Ampel in Düsseldorf, neben mir ein alter Dodge RAM der Vorgängergeneration. Der Fahrer lässt seinen 5.7 Liter HEMI-V8 kurz aufblubbern. Ein Sound wie ein Erdbeben. Ich sitze im brandneuen RAM 1500 (Modelljahr 2026). Ich trete aufs Gas. Es passiert viel, aber es klingt wie ein Staubsauger auf Steroiden. Der V8 ist Geschichte. Stellantis hat den legendären HEMI beerdigt und durch den neuen 3.0-Liter „Hurricane“ Reihensechszylinder-Biturbo ersetzt. Das ist vernünftig, das ist effizienter, das ist stärker. Aber ist es auch geil? Oder hat man dem amerikanischen Traum das Herz herausgerissen? Dieser Pickup ist in Deutschland ein politisches Statement, ein Steuer-Schlupfloch (LKW-Zulassung) und für viele der letzte Hauch von Freiheit. Ich habe den fast sechs Meter langen Koloss durch deutsche Fachwerkstädte und über die Autobahn manövriert, um zu sehen, ob der „Hurricane“ wirklich stürmt oder nur ein laues Lüftchen ist.

Texas trifft auf deutsche Normgarage

Wenn Sie glauben, ein Audi Q7 sei groß, dann haben Sie noch nie neben einem RAM 1500 gestanden. Das Facelift 2026 hat die Front noch wuchtiger gemacht. Der Grill neigt sich jetzt leicht nach vorne („Hero’s Chest“), die LED-Scheinwerfer sind schmaler und technischer. Er sieht aus wie eine rollende Festung. Das Problem ist nur: Deutschland ist nicht Texas. Mit 5,92 Metern Länge (Crew Cab mit Short Bed) ragt das Heck aus jeder deutschen Standard-Parklücke einen halben Meter heraus. Sie parken nicht, Sie legen an. Noch dramatischer ist die Breite. In der Baustelle auf der A3 bei Köln wird mir heiß und kalt. Laut Fahrzeugschein misst der RAM ohne Spiegel schon über zwei Meter. Mit den ausgeklappten „Trailer-Tow-Mirrors“ sind wir bei 2,47 Metern. Das bedeutet im Klartext: Die linke Spur ist absolutes Sperrgebiet. Selbst die mittlere Spur in Baustellen ist oft zu eng. Man ordnet sich rechts zwischen den 40-Tonnern ein, wo man auch hingehört. Der Vorteil dieser Masse zeigt sich auf der Landstraße: Ihnen wird Platz gemacht. Wenn dieser Kühlergrill im Rückspiegel auftaucht, fahren Kleinwagen fast freiwillig in den Graben. Es ist psychologische Kriegsführung auf Rädern.

First Class im Führerhaus – mit Plastik-Ausrutschern

Ich klettere (wörtlich, dank elektrisch ausfahrender Trittbretter) in die Kabine der Ausstattungslinie „Limited“. Was RAM hier abliefert, lässt manche deutsche Premium-Hersteller erröten. Das Leder ist dick, weich und riecht nach Sattelkammer. Die Sitze sind so breit wie Fernsehsessel, beheizt, belüftet und massierend. Die Ziernähte auf dem Armaturenbrett sind echt. Das Herzstück ist der neue 14,5-Zoll-Touchscreen im Hochformat. Das Uconnect 5 System ist rasendschnell, die Grafik brillant. Aber dann ist da der „Kulturschock“: Der Beifahrer-Bildschirm. Ein 10,25-Zoll-Display für den Copiloten, auf dem er HDMI-Quellen schauen kann. In einem Pickup! Es ist völliger Overkill, aber es zeigt, wo die Reise hingeht: Der RAM ist kein Arbeitsgerät mehr, er ist ein Luxus-Liner. Der „Knock-Test“ offenbart jedoch die US-Wurzeln. Während das Leder top ist, sind die Schalter für Fensterheber und Blinker aus jenem harten, glänzenden Plastik, das man auch in einem billigen Mietwagen findet. Die Drehregler der Gangwahl (ja, ein Drehrad!) wackeln leicht. Hier fehlt die letzte deutsche Präzision. Das Platzangebot in der „Crew Cab“ ist dafür absurd. Auf der Rückbank kann man die Beine übereinanderschlagen. Der Boden ist flach, die Sitzbank lässt sich hochklappen. Man könnte dort fast wohnen.

Sturmwarnung statt V8-Gewitter

Wir drücken den Startknopf. Der Hurricane High Output (SST) erwacht. Kein Grollen. Ein Surren. Aber wehe, man tritt das Pedal durch. Die nackten Zahlen sind brutal: 540 PS und 706 Nm Drehmoment. Das ist deutlich mehr als der alte HEMI (395 PS) hatte. Der Biturbo baut Ladedruck auf, und dann schiebt dieser 2,7-Tonnen-Brocken nach vorne, dass die Physik kurzzeitig Urlaub macht. 0 auf 100 km/h in ca. 4,8 Sekunden. Das ist Sportwagen-Niveau. Der Motor dreht seidig hoch, klingt unter Last kernig (eher wie ein BMW M3 als ein Truck), aber ihm fehlt das Drama. Es fehlt das unvernünftige Brabbeln im Leerlauf. Er ist ein Präzisionswerkzeug in einem Vorschlaghammer. Das Luftfahrwerk („Active-Level Four Corner Air Suspension“) ist Pflicht. Es bügelt deutsche Schlaglöcher weg, als wären sie nicht da. Auf der Autobahn senkt sich der Wagen ab, um Sprit zu sparen (haha). Bei Tempo 160 liegt der RAM erstaunlich ruhig. Aber der Luftwiderstand ist der einer Schrankwand. Der Verbrauch: Stellantis verspricht Effizienz. Die Realität sieht so aus:

  • Tempomat 100 km/h (Landstraße): 11,5 Liter.
  • Autobahn (130-150 km/h): 16,8 Liter.
  • Stadtverkehr: 18+ Liter. Ja, das ist weniger als beim HEMI (der gerne 20+ nahm), aber „sparsam“ ist ein Fremdwort. Da die meisten RAMs in Deutschland aber ohnehin sofort auf LPG (Autogas) umgerüstet werden, tut das an der Kasse nur halb so weh. Der Motor ist laut Importeuren gasfest, die Anlagen sind verfügbar.

Technische Daten & Realitäts-Check

Datenpunkt
RAM 1500 Limited „Hurricane“ H.O. (2026)
Alex Wind Kommentar
Motor
3.0L R6 Biturbo (Hurricane)
Stärker als der V8, aber emotionsloser.
Leistung
397 kW (540 PS) / 706 Nm
Brachiale Gewalt.
0-100 km/h
4,8 Sekunden
Porsche-Schreck an der Ampel.
Vmax
175 km/h (oft abgeregelt)
Reicht. Alles drüber ist Angstschweiß.
Getriebe
8-Gang-Automatik (ZF)
Schaltet perfekt weich.
Verbrauch (Test)
14,8 l/100km
Super Benzin. LPG-Umbau dringend empfohlen!
Anhängelast
3.500 kg (in DE)
Theoretisch mehr, in DE meist limitiert.
Breite (Spiegel)
2.474 mm
Baustellen-Verbot auf JEDER Spur (theoretisch).
Preis (Import)
ab ca. 95.000 €
Limited H.O. ist teuer geworden.

Konkurrenz-Check:

  • Ford F-150: Der Erzfeind. Gibt es offiziell über Ford-Händler. Hat oft noch den 5.0 V8 (Coyote) im Angebot! Wer V8 will, geht jetzt zu Ford. Das Interieur ist aber „rustikaler“ als im RAM.
  • Chevrolet Silverado: Der Exot. Wirkt innen altbacken, hat aber riesige V8-Motoren (6.2L). Fährt sich schwammiger als der luftgefederte RAM.
  • VW Amarok / Ford Ranger: Die „europäischen“ Pickups. Passen in Parklücken, verbrauchen die Hälfte (Diesel), bieten aber nur ein Viertel des Prestige und Luxus. Keine echte Konkurrenz für RAM-Käufer.

Pro & Contra

  • Komfort: Das Luftfahrwerk bietet S-Klasse-Feeling auf Leiterrahmen.
  • Leistung: Der Hurricane-Motor zieht wie ein Stier.
  • Platz: Die Kabine ist riesig, die Ausstattung luxuriös.
  • Sound: Der V8 fehlt emotional an allen Ecken und Enden.
  • Größe: In deutschen Städten ein absoluter Fremdkörper.
  • Preis: Import-Preise von fast 100.000 € sind heftig.

Fazit: Alex Wind meint…

Der RAM 1500 (2026) ist objektiv das bessere Auto als sein Vorgänger. Er ist schneller, luxuriöser, technischer und (etwas) sparsamer. Der Hurricane-Motor ist ein technisches Meisterwerk. Aber er hat seine Seele verloren. Der Hauptgrund, warum Deutsche diesen unvernünftigen Trumm gekauft haben, war der HEMI-V8. Das Blubbern, das Vibrieren. Jetzt ist er ein perfekter Luxus-Laster. Wem empfehle ich ihn: Unternehmern, die die LKW-Versteuerung nutzen wollen und ein Zugfahrzeug für schwere Lasten brauchen, dabei aber auf Luxus nicht verzichten wollen. Und LPG-Fahrern. Wem rate ich ab: Den Romantikern. Wenn Sie V8 wollen, kaufen Sie einen gebrauchten Gen 5 oder gehen Sie zu Ford. Der RAM ist jetzt „erwachsen“ geworden – und damit ein bisschen langweiliger.

FAQ

1. Kann ich den RAM 1500 als LKW versteuern? In der Regel ja. Da die Ladefläche im Verhältnis zur Kabine groß genug ist und das zulässige Gesamtgewicht über 2,8t (oft 3,5t) liegt, akzeptiert der Zoll meist die Gewichtsbesteuerung (ca. 190 €/Jahr). Aber Vorsicht: Das Finanzamt prüft oft einzelfallabhängig!

2. Ist der LPG-Umbau beim Hurricane-Motor möglich? Ja, spezialisierte Importeure (wie AEC oder AGT) bieten Prins-Gasanlagen für den Direkteinspritzer an. Da es ein Biturbo ist, ist die Anlage komplexer und teurer als beim alten Sauger-V8, aber sie funktioniert und halbiert die Spritkosten effektiv.

3. Passt der RAM in die Waschanlage? In die meisten modernen Portalanlagen: Ja (Breite beachten!). In Waschstraßen mit Förderband: Nein! Die Reifen sind oft zu breit (bis 305er oder 325er) und die Spur zu weit. Handwäsche oder LKW-Waschstraße ist angesagt.

Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.


    ⚠️ Fehler im Artikel entdeckt?


    Helfen Sie uns kurz mit einem anonymen Hinweis:

    Spam-Schutz: