Alfa Romeo Junior im ersten Fahrbericht: Wie viel Balocco-Magie steckt im Stellantis-SUV?

Alfa Romeo Junior im ersten Fahrbericht: Wie viel Balocco-Magie steckt im Stellantis-SUV?
Foto: Alfa Romeo

Beginnen wir mit dem politischen Spektakel, das die Geburt dieses Fahrzeugs begleitete. Aus dem stolz präsentierten Namen „Milano“ wurde nach massivem Druck der italienischen Regierung über Nacht der Name „Junior“. Der Grund: Ein Auto, das im polnischen Tychy vom Band läuft, darf laut Gesetz keine italienischen Ortsnamen tragen.

Doch abseits des bürokratischen Geplänkels stellt sich für Enthusiasten eine viel wichtigere Frage: Kann ein kompaktes Crossover-SUV, das sich die e-CMP2-Konzernplattform mit Modellen wie dem Jeep Avenger oder dem Opel Mokka teilen muss, überhaupt die Seele eines echten Alfa Romeo besitzen?

Wir haben das elektrische Topmodell – den Alfa Romeo Junior Veloce mit 280 PS – auf die Rennstrecke und in den Alltag geschickt. Die Ingenieure auf dem legendären Testgelände in Balocco griffen tief in die fahrdynamische Trickkiste, um dieser braven Plattform ungeahnte Talente zu entlocken.

Technische Daten im Überblick

Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Kennzahlen des Alfa Romeo Junior im direkten Vergleich der beiden gegensätzlichen Antriebskonzepte:

ParameterAlfa Romeo Junior Ibrida (Mild-Hybrid)Alfa Romeo Junior Veloce (Elektro)
AntriebsartFrontantrieb, Dreizylinder-Benziner + E-MotorFrontantrieb, Permanentmagnet-Synchromotor
Hubraum / Systemleistung1.199 cm³ / 136 PS (100 kW)– / 280 PS (207 kW)
Max. Drehmoment230 Nm345 Nm
Getriebe6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (e-DCT)1-Gang-Reduktionsgetriebe + mechanisches Torsen-Differenzial
Länge / Breite / Höhe4.173 mm / 1.781 mm (ohne Spiegel) / 1.535 mm4.173 mm / 1.781 mm (ohne Spiegel) / 1.510 mm
Breite mit Außenspiegeln1.962 mm1.962 mm
Radstand2.562 mm2.562 mm
Leergewichtca. 1.305 kg1.590 kg
Kofferraumvolumen415 – 1.280 Liter400 – 1.265 Liter
Tankinhalt / Batteriekapazität44 Liter54 kWh brutto (50,8 kWh netto)
Verbrauch (WLTP)5,2 l/100 km16,7 – 17,5 kWh/100 km
Realer Testverbrauchca. 5,8 l/100 km18,5 – 21,0 kWh/100 km
Anschaffungspreis (UVP)ab 29.500 EURab 48.500 EUR
Geschätzte Leasingrateab ca. 219 EUR / Monatab ca. 449 EUR / Monat
Alfa Romeo Junior im ersten Fahrbericht - Bild 1
Foto: Alfa Romeo

Fahrdynamik: Die mechanische Torsen-Magie an der Vorderachse

Ein frontgetriebenes Elektro-SUV mit 280 PS und knapp 1,6 Tonnen Leergewicht klingt auf dem Papier zunächst nach erheblichem Untersteuern und hilflos scharrenden Vorderrädern. Doch Alfa Romeo verbaute im Veloce eine rein mechanische Torsen-Differenzialsperre (Typ D) an der Vorderachse.

Das Ergebnis auf trockenem und nassem Asphalt verblüfft. Wer den Junior Veloce hart in eine enge Kehre wirft und am Scheitelpunkt das Fahrpedal brutal durchdrückt, erntet kein stumpfes Schieben über die Vorderräder. Das Torsen-Differenzial beißt sich spürbar fest, leitet das Drehmoment an das kurvenäußere Rad mit dem besseren Grip und zieht das gesamte Fahrzeug vehement in den Radius hinein.

Die Ingenieure legten das Fahrwerk des Veloce zudem um 25 Millimeter tiefer, verbauten steifere Stabilisatoren und spendierten dem Modell eine extrem direkt übersetzte Lenkung (14,6:1). Das mechanische Feedback am Volant wirkt für ein modernes Elektroauto ungewöhnlich präzise.

An der Vorderachse verzögern riesige 380-Millimeter-Bremsscheiben mit Vierkolben-Festsätteln. Selbst nach mehreren scharfen Runden auf der Rennstrecke bleibt der Druckpunkt im Pedal konstant.

Autobahn-Komfort und Geräuschdämmung

Abseits kurviger Landstraßen fordert die sportliche Auslegung des Veloce jedoch Tribut. Bei Geschwindigkeiten jenseits der 130 km/h dringen Windgeräusche an den A-Säulen und den Außenspiegeln vernehmbar in den Innenraum. Auch das Abrollgeräusch der 20-Zoll-Bereifung auf rauem Autobahnasphalt ist präsent. Alfa Romeo verzichtete hier zugunsten des Gewichts auf zusätzliche Dämmmatten.

Der Innenraum: Rennsport-Flair trifft auf Rotstift

Im Cockpit des Junior treffen italienische Emotionen und nüchterne Konzern-Kalkulation aufeinander.

Der Blick fällt sofort auf das klassische „Cannocchiale“-Layout der Instrumententafel. Die tiefen Röhren beherbergen ein gestochen scharfes 10,25-Zoll-Display für die wichtigsten Fahrdaten. Das zentrale Infotainment-System neigt sich leicht dem Fahrer zu und nutzt eine TomTom-basierte Navigation.

Das absolute Highlight bilden die optionalen Sabelt-Sportsitze des Veloce-Modells. Die mit Alcantara bezogenen Schalen bieten einen exzellenten Seitenhalt im Hüft- und Schulterbereich, der dem sportlichen Anspruch der Lenkung vollauf gerecht wird.

Der haptische Dämpfer wartet unterhalb der Lüftungsdüsen. Die Verkleidungen der Mittelkonsole, das untere Armaturenbrett sowie die hinteren Türtafeln bestehen aus einfachem, kratzempfindlichem Hartplastik. Hier unterscheidet sich der Junior qualitativ kaum von seinen günstigeren Plattform-Brüdern aus dem Stellantis-Regal.

Alfa Romeo Junior im ersten Fahrbericht - Bild 2
Foto: Alfa Romeo

Unterhaltskosten, Steuern und Zuverlässigkeit im Alltag

In Deutschland punktet der elektrische Junior Veloce vor allem als Dienstwagen. Da sein Bruttolistenpreis auch mit einigen Extras deutlich unter der Grenze von 70.000 Euro bleibt, greift die günstige 0,25-Prozent-Versteuerung für reine Elektrofahrzeuge. Wer sich für den Mild-Hybrid (Ibrida) entscheidet, muss den Wagen hingegen mit vollen 1,0 Prozent versteuern, da dieser keinen Stecker besitzt.

Kfz-Steuer und Versicherungsklassen

  • Junior Veloce (EV): Bis zum 31.12.2030 komplett von der Kfz-Steuer befreit. Danach fallen moderate 45 Euro pro Jahr an.
  • Junior Ibrida (MHEV): Dank der Euro-6e-Einstufung und geringer CO2-Emissionen beträgt die jährliche Kfz-Steuer lediglich ca. 68 Euro.
  • Versicherungs-Typklassen (Prognose): Haftpflicht: 16 | Teilkasko: 20 | Vollkasko: 22. Der sportliche Veloce stuft sich versicherungstechnisch etwas höher ein als der zahme Hybrid.

Schwachstellen und technische Risiken

Bei der Anschaffung gilt es, antriebsspezifische Eigenheiten zu beachten:

  • Der 1.2 PureTech im Ibrida: Frühere Versionen dieses Dreizylinders litten unter sich auflösenden Zahnriemen im Ölbad. Alfa Romeo setzt im Junior bereits auf die überarbeitete Triebwerksgeneration mit einer robusten Steuerkette. Dennoch erfordert der Direkteinspritzer bei häufigem Kurzstreckenbetrieb Aufmerksamkeit, um einer Verkokung der Einlassventile vorzubeugen.
  • Das Batterie-Temperaturmanagement im Veloce: Die maximale DC-Ladeleistung liegt bei überschaubaren 100 kW. Ohne aktive Vorkonditionierung des 54-kWh-Akkus (netto ca. 50,8 kWh) bricht die Ladekurve bei winterlichen Temperaturen spürbar ein. Langstrecken erfordern daher Geduld am Schnelllader.

Sicherheitsausstattung im Euro-NCAP-Check

Der Junior bringt ab Werk die wichtigsten Assistenzsysteme mit, die für eine Fünf-Sterne-Sicherheitsbewertung im Euro-NCAP-Verfahren notwendig sind. Dazu gehören:

  • Ein autonomer Notbremsassistent (AEB) mit Fußgänger- und Radfahrererkennung.
  • Ein aktiver Spurhalteassistent (Lane Assist).
  • Eine Verkehrszeichenerkennung.

Gegen Aufpreis lässt sich das Fahrzeug mit einem teilautomatisierten System auf Level-2-Niveau ausrüsten. Im Vergleich zu den Oberklasse-Modellen wie der Alfa Romeo Giulia agieren die Spurführungs- und Abstandssysteme des Junior im dichten Verkehr jedoch mitunter etwas nervöser und korrigieren spürbarer im Lenkrad.

Alfa Romeo Junior im ersten Fahrbericht - Bild 3
Foto: Alfa Romeo

Direkter Vergleich mit der Konkurrenz

Im Segment der sportlich angehauchten Kompakt-SUV trifft der Alfa Romeo Junior auf namhafte Mitbewerber:

Der Smart #1 Brabus und der Volvo EX30 Twin Motor bieten für ähnliche Anschaffungspreise deutlich mehr schiere Leistung. Beide verfügen über Allradantrieb und leisten über 400 PS, womit sie den Alfa beim Standardsprint aus dem Stand deklassieren.

Doch auf einer kurvigen Landstraße wendet sich das Blatt. Wo der schwere Smart #1 spürbar in den Federn wankt und seine Traktionskontrolle die Leistung rigoros wegzegelt, glänzt der Junior Veloce mit mechanischem Grip und Transparenz im Grenzbereich. Der Volvo EX30 wiederum wirkt durch seine extrem sterile Lenkung synthetisch und schiebt in schnell gefahrenen Kehren frühzeitig über die Vorderräder.

Wer einen traditionellen Verbrenner sucht, greift eher zum VW T-Roc oder dem dynamisch abgestimmten Ford Puma ST, die sich jedoch im Alltag nicht mit der linearen Leistungsentfaltung des elektrischen Alfa-Antriebs messen können.

Stimmen aus der Praxis: Was sagen die Foren?

Die ersten Berichte in Foren wie Motor-Talk zeichnen ein klares Bild des neuen Kompaktmodells:

  • Lobende Aspekte: Vielfach hervorgehoben werden das gelungene Exterieur-Design und der herausragende Sitzkomfort der Sabelt-Schalen. Auch die direkte Auslegung des Fahrwerks erntet viel Zuspruch von Fahrern, die den Junior als echten Kurvenräuber im urbanen Raum schätzen.
  • Häufige Kritikpunkte: Fahrer monieren die mäßige Übersichtlichkeit nach hinten, bedingt durch die breiten C-Säulen. Zudem weisen einige Nutzer auf gelegentliche Software-Hänger im Infotainment-System hin. Auch die Ladegeschwindigkeit des Akkus bei winterlichen Bedingungen sorgt für Diskussionen.
Alfa Romeo Junior im ersten Fahrbericht - Bild 4
Foto: Alfa Romeo

Fazit: Welcher Junior ist der richtige?

Alfa Romeo ist mit dem Junior ein fahrdynamisches Kunststück gelungen. Das Fahrzeug beweist, dass eine einheitliche Konzernplattform durch gezielte Modifikationen einen eigenen Charakter erhalten kann.

Wer die 48.500 Euro für den Junior Veloce investiert, erhält ein fahraktives Kompakt-SUV mit erstaunlichen Talenten auf der Landstraße. Dank des Torsen-Differenzials und der direkten Lenkung macht dieser Wagen genau dort Spaß, wo andere Elektro-Crossover kapitulieren.

Die goldene Mitte des Portfolios stellt für Pragmatiker der günstige Ibrida dar – er ist alltagstauglich, sparsam und verzichtet auf die problematischen Zahnriemen der Vergangenheit. Meiden sollten sportlich orientierte Käufer hingegen die schwächere, reine Elektro-Basisvariante mit 156 PS. Ohne das Torsen-Differenzial und die sportliche Fahrwerksabstimmung des Veloce verliert der Junior seine technischen Alleinstellungsmerkmale und reiht sich im grauen Mittelfeld des Segments ein.

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