Wir müssen kurz über den Elefanten im Raum sprechen. Oder besser gesagt: über die italienische Regierung. Dass dieses Auto eigentlich „Milano“ heißen sollte und kurz nach der Premiere in „Junior“ umbenannt wurde, weil es in Polen gebaut wird, ist die wohl lustigste Posse der Automobilgeschichte. Aber Ende 2025 interessiert der Name niemanden mehr. Was zählt, ist eine andere Frage: Kann ein Auto, das sich die Plattform mit dem braven Jeep Avenger und dem knuffigen Fiat 600 teilt, ein echter Alfa Romeo sein? Ich bin den Alfa Romeo Junior in der „Veloce“-Version gefahren – dem elektrischen Topmodell mit 280 PS. Und ich sage Ihnen: Die Ingenieure in Balocco müssen Zauberer sein. Denn was sie aus dieser profanen Großserien-Technik herausgeholt haben, grenzt an Voodoo.
Veloce: Warum ein Differenzial alles verändert
Der Alfa Romeo Junior Veloce leistet 207 kW (280 PS) und verfügt über ein mechanisches Torsen-Sperrdifferenzial an der Vorderachse (Typ D). Das Fahrwerk wurde um 25 mm tiefergelegt, die Lenkung hat eine direktere Übersetzung (14,6:1), und 20-Zoll-Felgen sind serienmäßig.
Lassen Sie uns technisch werden, denn hier liegt das Geheimnis. Ein Elektro-SUV mit Frontantrieb und 280 PS? Das klingt nach einem Rezept für Untersteuern und qualmende Reifen. Aber Alfa hat ein mechanisches Torsen-Differenzial verbaut. In einem Elektro-Kleinwagen! Das ist, als würde man einem Esel Rennschuhe anziehen. Das Ergebnis ist verblüffend. Wenn Sie den Junior Veloce in eine Kurve werfen und voll aufs Gas gehen, zieht er sich in die Kurve hinein, statt nach außen zu schieben. Das Lenkgefühl ist für ein Stellantis-Produkt unverschämt gut. Es ist schwer, mechanisch und direkt. Vergessen Sie den Smart #1 Brabus, der nur geradeaus schnell ist. Der Junior Veloce ist auf der Landstraße eine echte Waffe. Er ist hart, er ist laut (dank künstlichem Sound, den man zum Glück abschalten kann), und er macht süchtig. Das ist kein Fiat im Alfa-Kleid. Das ist ein Alfa, der zufällig Fiat-Teile nutzt.
Hybrid oder Elektro: Die Zwei-Klassen-Gesellschaft
Neben dem starken Elektro-Veloce (und der Basis mit 156 PS) gibt es den „Ibrida“: einen 1,2-Liter-Mild-Hybrid mit 136 PS, variabler Turbolader-Geometrie (VGT) und Steuerkette statt Zahnriemen.
Hier wird es kompliziert. Der Veloce ist das Herzensauto. Aber der Hybrid ist das Auto, das Sie wahrscheinlich kaufen werden. Der 136-PS-Hybrid ist ein solider Antrieb. Er segelt viel elektrisch, verbraucht wenig (ca. 5,5 Liter) und kostet rund 18.000 Euro weniger als der Veloce. Aber – und das ist ein großes Aber – er fährt sich wie ein Jeep oder Fiat. Ihm fehlt das Torsen-Differenzial, ihm fehlt die bissige Lenkung, ihm fehlt das Drama. Der Hybrid ist ein wunderschöner Kleinwagen für die Stadt. Der Veloce ist ein Sportwagen. Wenn Sie den „echten“ Alfa-Spirit suchen, müssen Sie elektrisch fahren. Das ist die Ironie des Jahres 2025.
Innenraum: „Cannocchiale“ trifft auf Hartplastik
Das Cockpit zitiert mit dem „Cannocchiale“ (Teleskop-Design der Instrumente) die Historie der Giulia GT. Die Sitze stammen von Sabelt (optional im Veloce), die Infotainment-Screens messen 10,25 Zoll.
Alfa Romeo hat sich Mühe gegeben. Das Lenkrad liegt perfekt in der Hand, die Sabelt-Sportsitze sind Schraubstöcke mit Alcantara-Bezug, die Sie auch bei 1G Querbeschleunigung festhalten. Aber schauen Sie nicht zu genau hin. Sobald der Blick unterhalb der Klimaanlage wandert, finden Sie das gleiche harte, kratzempfindliche Plastik wie im Opel Mokka. Die Türverkleidungen hinten? Hartplastik. Die Mittelkonsole? Wackelt leicht. Man bezahlt hier für das Design und die Fahrdynamik, nicht für Audi-Verarbeitungsqualität. Aber immerhin: Die Software (basierend auf TomTom) läuft stabil und hat ein hübsches Alfa-Skin bekommen.
Warum Sie bei der Konfiguration Fehler machen werden
Der Preisunterschied zwischen dem Basis-Elektro (156 PS) und dem Veloce (280 PS) beträgt rund 8.000 Euro. Viele denken: „Die Basis reicht mir.“
Das ist der klassische Fehler. Der Basis-Junior Elettrica (156 PS) fährt sich nett, aber austauschbar. Er ist ein Fiat 600e mit bösem Blick. Er wird einen massiven Wertverlust erleiden, weil er nichts Besonderes kann. Der Veloce hingegen hat ein Alleinstellungsmerkmal: Das Fahrwerk und das Differenzial. In fünf Jahren wird niemand den Basis-Junior suchen. Aber Enthusiasten werden nach dem Veloce suchen, weil er einer der letzten „Hot Hatches“ (auch wenn er ein SUV ist) mit echtem mechanischem Grip ist. Wenn Elektro, dann Veloce. Wenn Vernunft, dann Hybrid. Aber bitte nicht das Elektro-Basismodell. Das ist weder Fisch noch Fleisch.
Unerwarteter Anwendungsfall: Der Trackday-Zwerg
Ich habe den Junior Veloce auf einer kleinen Rennstrecke getestet. Normalerweise sterben E-SUVs dort nach zwei Runden: Bremsen überhitzen, Reifen schmieren, Akku drosselt. Der Junior? Die Bremsen (380 mm Scheiben vorne!) beißen auch in Runde 5 noch gnadenlos zu. Das Torsen-Diff zieht dich aus der Haarnadelkurve, dass es eine Freude ist. Natürlich ist er kein GT3 RS. Aber Sie können mit diesem Auto morgens zur Arbeit pendeln und am Wochenende auf der Nordschleife manchen Verbrenner ärgern. Das hätte ich einem B-SUV auf e-CMP-Plattform niemals zugetraut.
Vergleich: Wo steht der Italiener?
Feature | Alfa Romeo Junior Veloce | Smart #1 Brabus | Volvo EX30 Twin Motor |
Leistung | 207 kW (280 PS) | 315 kW (428 PS) | 315 kW (428 PS) |
Antrieb | FWD + Torsen-Diff | AWD | AWD |
Fahrspaß (Kurve) | Sehr hoch (Agil) | Mittel (Synthetisch) | Mittel (Steril) |
0-100 km/h | 5,9 s | 3,9 s | 3,6 s |
Reichweite (Real) | ca. 330 km | ca. 350 km | ca. 360 km |
Preis | ca. 48.500 € | ca. 49.000 € | ca. 48.000 € |
Fazit: Das Herz schlägt wieder (elektrisch)
Ist der Alfa Romeo Junior ein „echter“ Alfa? Wenn Sie den Hybrid kaufen: Nein. Dann ist er ein sehr hübscher Fiat. Aber wenn Sie den Veloce kaufen: Ja, verdammt. Er hat diese gewisse Unvernunft, diesen Fokus auf Fahrdynamik, der die Marke ausmacht. Er ist langsamer auf 100 als ein Volvo EX30, aber er macht zehnmal mehr Spaß, weil er kommuniziert. Alfa Romeo hat bewiesen, dass man auch im Zeitalter der Gleichteile-Plattformen Autos mit Seele bauen kann. Man muss nur die Buchhalter knebeln und die Ingenieure machen lassen. Der Junior Veloce ist der Beweis.













































