Jaguar E-PACE (2026): Abschied von der kleinen Raubkatze

Wenn Sie in diesen Tagen einen Jaguar-Showroom betreten, herrscht dort eine seltsame Stimmung. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Jaguar bereitet sich auf den radikalsten Neustart der Firmengeschichte vor: Weg vom Premium-Massenmarkt, hin zum reinen elektrischen Ultra-Luxus ab 2026. Das erste Opfer dieser Strategie? Der kleine, charmante, aber übergewichtige Jaguar E-PACE. Es wird keinen Nachfolger geben. Die Bänder in Graz (bei Magna Steyr) stehen still oder laufen aus. Wir blicken also auf die allerletzten Neuwagen und jungen Gebrauchten dieses Modells. Ist das nun ein Grund zur Trauer oder zur Freude? Für Schnäppchenjäger ist es ein Fest. Denn ein Auto, das keine Zukunft hat, muss vom Hof. Ende 2025 bekommen Sie den E-PACE zu Konditionen, bei denen einem BMW X1-Verkäufer schwindelig wird. Aber lohnt sich der Kauf eines technologischen Auslaufmodells? Ich habe mir den P300e (Plug-in-Hybrid) noch einmal angesehen, um dem Baby-Jaguar die letzte Ehre zu erweisen.

Warum der E-PACE sterben musste

Der E-PACE basiert auf der PTA-Plattform (Premium Transverse Architecture), einer schweren Stahl-Konstruktion. Er passte nicht in die neue “Reimagine”-Strategie von Jaguar, die auf leichte Alu-Architekturen und Preise jenseits der 100.000 Euro setzt.

Lassen wir die Marketing-Sprechblasen beiseite. Der E-PACE war zu schwer und zu teuer in der Herstellung. Ein E-PACE wiegt leer fast 2,2 Tonnen (als Hybrid). Das ist absurd für ein 4,40-Meter-Auto. Aber genau dieses Gewicht gab ihm auch seinen Charakter. Er fährt sich nicht wie ein hochbeiniger Golf, sondern satt wie ein kleiner Panzer. Er liegt ruhig auf der Straße, filtert Stöße weg und fühlt sich massiv an. Dieses “Old-School”-Gefühl verschwindet heute zusehends. Wer noch ein Auto will, das sich nach schwerem Metall und nicht nach leichtem Plastik anfühlt, hat hier seine letzte Chance.

Der P300e: Der einzig wahre Antrieb

Der Plug-in-Hybrid P300e kombiniert einen 1.5-Liter-Dreizylinder (200 PS) vorne mit einem 109-PS-Elektromotor hinten. Systemleistung: 309 PS. Elektrische Reichweite (real): ca. 40-45 km.

Wenn Sie jetzt noch einen kaufen, nehmen Sie den Hybrid. Die reinen Benziner saufen Sie arm (wegen des Gewichts). Die Diesel sind okay, aber politisch gewagt. Der P300e ist der Sweetspot. Er kaschiert das Übergewicht mit elektrischem Drehmoment. An der Ampel sprintet er in 6,5 Sekunden auf 100 km/h – das macht Laune. Aber seien Sie gewarnt: Der Dreizylinder klingt unter Last knurrig. Es ist kein seidiger Jaguar-Sound. Und die elektrische Reichweite ist nach heutigen Maßstäben (wo ein neuer VW Tiguan 100 km schafft) veraltet. Er ist ein Auto für die Stadt und die Kurzstrecke. Auf der Autobahn, wenn der Akku leer ist, genehmigt er sich gerne 9 bis 10 Liter.

Design & Innenraum: Würdevolles Altern

Das Facelift von 2021 brachte das Pivi Pro Infotainment (11,4 Zoll) und hochwertigere Materialien. Das Design von Ian Callum wirkt auch Ende 2025 noch zeitlos und elegant.

Hier punktet der Jaguar immer noch. Stellen Sie einen E-PACE neben einen aktuellen BMW X1 oder Audi Q3. Der Deutsche wirkt technisch, kühl, kantig. Der Jaguar wirkt organisch, muskulös mit seinen breiten Hüften. Er hat Sex-Appeal. Innen ist das Pivi Pro System immer noch konkurrenzfähig. Es hat Apple CarPlay (Wireless), es reagiert schnell. Die Klimaregler sind echte Drehknöpfe mit integrierten Displays – ein wunderschönes Detail, das wir vermissen werden. Aber der Platz… oh je. Der Kofferraum ist durch den Hybrid-Akku zerklüftet, und hinten sitzen Erwachsene eher “kuschelig”. Es ist ein Lifestyle-Crossover für Paare, kein Familien-Transporter.

Marktlage 2026: Der “Abverkauf des Jahrhunderts”

Händler müssen die Bestände räumen, bevor die neue Marken-Identität von Jaguar ausgerollt wird. Rabatte von 25% bis 30% auf den Listenpreis bei Lagerwagen sind keine Seltenheit. Junge Gebrauchte (Leasingrückläufer) leiden unter hohem Wertverlust.

Das ist Ihre Stunde. Einen gut ausgestatteten E-PACE P300e R-Dynamic, der Liste mal 65.000 Euro gekostet hat, bekommen Sie als Jahreswagen Ende 2025 oft für unter 35.000 Euro. Das ist VW-Golf-Niveau. Für dieses Geld bekommen Sie Leder, Allrad, 300 PS und ein Image, das immer noch nach “Royal Family” aussieht (auch wenn es technisch eher “Tata Motors” ist). Das Risiko? Die Wartungskosten bei Jaguar sind hoch. Und wenn die Marke sich 2026 neu erfindet, wird Ihr E-PACE über Nacht zum “alten Eisen”. Aber zu einem sehr günstigen.

Der letzte Vergleich

Feature
Jaguar E-PACE P300e (Auslaufend)
BMW X1 xDrive30e
Volvo XC40 Recharge T5
Systemleistung
309 PS
326 PS
262 PS
Gewicht (EU)
ca. 2.173 kg
ca. 1.935 kg
ca. 1.800 kg
E-Reichweite (Real)
ca. 45 km
ca. 75 km
ca. 40 km
Infotainment
Pivi Pro (Gut)
OS 9 (Touch-lastig)
Google (Sehr gut)
Charakter
Stilvoll & Schwer
Technisch & Perfekt
Skandinavisch & Cool
Preis (Markt)
Schnäppchen (Abverkauf)
Stabil (Teuer)
Mittel

Fazit: Kaufen Sie ihn für die Frau (oder den Mann), nicht für den Rechner

Der Jaguar E-PACE ist im Jahr 2026 objektiv kein gutes Auto mehr. Er ist zu schwer, verbraucht zu viel und lädt zu langsam. Aber er ist ein Auto mit Herz. Er hat diesen britischen Charme, den man nicht in Excel-Tabellen messen kann. Wenn Sie ein Auto suchen, das sicher fährt, fantastisch aussieht und das Sie jetzt zum Preis eines Massenherstellers bekommen: Schlagen Sie zu. Pflegen Sie ihn. Er ist der letzte “kleine” Jaguar mit Verbrenner. In 20 Jahren, wenn alles autonom summt, wird man sich an seine schönen Kurven erinnern.

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Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.

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