Wissen Sie, was das Frustrierendste an meinem Job ist? Wenn Hersteller fantastische Autos bauen, sie aber in Europa einfach nicht verkaufen. Der Kia Seltos war so ein Fall. Jahrelang war er ein globaler Bestseller, in Deutschland kannte man ihn aber nur als teuren Grauimport für absolute Kenner. Doch im Dezember 2025 hat Kia ein Einsehen gehabt und die zweite Generation offiziell für den europäischen Markt im Jahr 2026 angekündigt. Vor mir steht nun also der neue Seltos, und er ist kein aufgebockter Kleinwagen mehr, sondern ein ausgewachsenes Kompakt-SUV, das intern wahrscheinlich gerade den Totengräber für den Kia XCeed spielt. Ich habe den brandneuen Seltos als Vollhybrid (HEV) über tausend Kilometer durch das deutsche Verkehrschaos gejagt, um herauszufinden: Ist dieser Koreaner wirklich die 38.000 Euro wert, die Kia zum Start schätzungsweise aufrufen wird?
Kanten-Kult und Baustellen-Geometrie
Ehrlich gesagt sah der alte Seltos immer ein bisschen brav aus. Die zweite Generation hingegen wirkt, als hätte man einen Kia Sportage zu heiß gewaschen. Das Design ist massiv kantiger geworden, die vertikalen Scheinwerfer mit der neuen „Star Map“-Lichtsignatur ziehen sich aggressiv in den Kühlergrill. Auf der linken Spur der A5 macht das ordentlich Eindruck. Ein nettes Gimmick sind die bündig in die Karosserie integrierten Türgriffe, die bei Annäherung mit dem digitalen Smartphone-Schlüssel ausfahren. Das sieht nach Premium aus, aber ich warte auf den ersten deutschen Eisregen – mal sehen, ob die Motoren dann noch gegen die Eisschicht ankommen.
Nachgemessen: Der neue Seltos steht auf der modernen K3-Plattform und ist ordentlich in die Länge geschossen. Mit 4,43 Metern ist er länger als der Platzhirsch VW T-Roc (4,37 Meter) und auch wuchtiger als der hauseigene XCeed. In der Breite misst die Karosserie ohne Spiegel 1,83 Meter. Als ich bei Kassel in eine Autobahnbaustelle fahre, wird das auf der linken 2,1-Meter-Spur zwar knapper als in einem Kleinwagen, lässt sich aber mit ruhiger Hand noch gut zirkeln. Wer die rustikal aussehende „X-Line“ mit geänderten Stoßfängern wählt, sollte bei den Begrenzungspfeilern allerdings noch genauer hinschauen.
Raumwunder mit hohlem Echo
Ich öffne die Fahrertür und mache den obligatorischen Klopftest am Armaturenbrett. Oben herum gibt sich der Seltos Mühe, weiche Kunststoffe schmeicheln den Fingern. Doch sobald meine Hand tiefer in Richtung Mittelkonsole oder Türfächer wandert, regiert hartes, kratzempfindliches Plastik. Das hallt unangenehm hohl. Für ein Auto, das die 35.000-Euro-Marke durchbricht, ist das grenzwertig. Dafür entschädigt die Technik: Ein echtes Head-up-Display projiziert Geschwindigkeit und Navi-Pfeile gestochen scharf direkt auf die Windschutzscheibe, anstatt auf eine billige Plastikscheibe.
Seine wahren Stärken spielt der Koreaner aus, wenn es um den Platz geht. Der Radstand ist auf üppige 2,69 Meter gewachsen. Ich habe mich hinter mich selbst gesetzt (Körpergröße 1,85 Meter) und konnte die Beine fast übereinanderschlagen. Das ist Klassenbestwert. Den absoluten K.o.-Schlag gegen die deutsche Konkurrenz liefert jedoch der Kofferraum. Gewaltige 536 Liter (VDA) schluckt das Ladeabteil im Normalzustand. Dank des doppelten Ladebodens und des neuen modularen „AddGear“-Verstausystems verschwinden hier problemlos eine riesige Hundebox und das Gepäck für den Familienurlaub. Hier degradiert der Seltos so manchen Kombi zum reinen Lifestyle-Laster.
Der Vollhybrid: Lautlos in der Stadt, durstig auf der A7
Unter der Haube meines Testwagens schlägt das neue Hybrid-Herz, das Kia nun endlich auch in diese Baureihe verpflanzt hat. Der Antrieb (HEV) kombiniert einen Verbrenner mit einem starken E-Motor, muss aber nicht an die Steckdose. Im Frankfurter Stadtverkehr ist dieses System ein Traum. Der Seltos rollt flüsterleise von der Ampel los, der Wechsel zwischen Elektro- und Benzinbetrieb passiert so ruckfrei, dass man nur am digitalen Drehzahlmesser erkennt, welcher Motor gerade arbeitet.
Doch wehe, es geht auf die freie Autobahn. Sobald ich das Pedal auf der A7 in Richtung Bodenblech drücke, heult der Vierzylinder unter der Last des CVT-ähnlichen Aufheulens auf. Bei 160 km/h ist von der elektrischen Souveränität nichts mehr übrig. Der Verbrenner muss die aerodynamische Schrankwand alleine durch den Wind schieben, und das treibt den Verbrauch gnadenlos in die Höhe. Während ich in der Stadt sensationelle 4,8 Liter auf dem Bordcomputer ablesen konnte, flossen bei zügiger Autobahnfahrt gut 8,5 Liter durch die Leitungen.
Was im Alltag zudem extrem nervt, ist der gesetzlich vorgeschriebene ISA-Tempowarner. Fährt man 51 km/h in der Stadt, quittiert das System dies mit einem penetranten, asiatisch-schrillen „Bing-Bing-Bing“. Es lässt sich zwar über eine Taste am Lenkrad deaktivieren, aber nach jedem Motorstart beginnt das Konzert von vorn.
Technische Daten & Realitäts-Check
Kategorie | Kia Seltos Hybrid (HEV) 2026 |
Motor & Antrieb | Benzin-Vollhybrid (HEV), Frontantrieb |
Länge / Breite / Höhe | 4.430 mm / 1.830 mm / 1.600 mm |
Radstand | 2.690 mm |
Kofferraumvolumen | 536 Liter (VDA) |
Plattform | Kia K3 (wie Niro/Kona) |
Testverbrauch (Stadt) | 4,8 l/100 km |
Testverbrauch (Autobahn) | 8,5 l/100 km |
Basispreis (Schätzung) | ab ca. 35.000 – 38.000 Euro |
Pro & Contra
- ✅ Pro: Gigantisches Platzangebot und 536 Liter Kofferraumvolumen in der Kompaktklasse.
- ✅ Pro: Sehr effizienter Vollhybrid-Antrieb im städtischen Stop-and-Go-Verkehr.
- ✅ Pro: Branchenführende 7-Jahres-Garantie, die den Wertverlust massiv bremst.
- ❌ Contra: Hartplastik in den unteren Türverkleidungen trübt den Qualitätseindruck.
- ❌ Contra: Hoher Autobahnverbrauch und aufdringliches Motorengeräusch bei hohen Geschwindigkeiten.
- ❌ Contra: Der ISA-Tempowarner ist extrem laut und muss vor jeder Fahrt manuell deaktiviert werden.
Konkurrenz-Check
- VW T-Roc: Der Wolfsburger Bestseller. Er fährt sich dynamischer und bietet auf der Autobahn das ruhigere Fahrwerk. Allerdings ist der T-Roc mit 4,37 Metern spürbar kleiner, bietet im Fond deutlich weniger Kniefreiheit und kann beim riesigen Kofferraum des Seltos nicht ansatzweise mithalten. Zudem fehlt VW in dieser Klasse ein effizienter Vollhybrid.
- Toyota C-HR: Der Hybrid-König aus Japan. Toyotas System ist auf der Landstraße noch eine Spur sparsamer und kultivierter. Wer jedoch Wert auf Nutzwert legt, scheitert am C-HR kläglich: Seine winzigen hinteren Fenster gleichen Schießscharten, und der Kofferraum ist für Familien ein schlechter Witz im Vergleich zum Kia.
Fazit: Alex Wind meint…
Klartext: Kia hat mit der Entscheidung, den neuen Seltos endlich nach Europa zu holen, alles richtig gemacht. Dieses Auto ist die rollende Vernunft, verpackt in einem herrlich kantigen „Mini-Sportage“-Design.
Wem empfehle ich ihn: Kleinfamilien und Pendlern, die ein maximal praktisches Auto mit riesigem Kofferraum für den Alltag suchen und zu 80 Prozent in der Stadt oder auf der Landstraße unterwegs sind. Der Hybridantrieb spart hier massiv Sprit. Wem rate ich ab: Außendienstlern und Autobahn-Vielfahrern. Wer täglich hunderte Kilometer mit 160 km/h abspult, wird vom lauten Aufheulen des Motors genervt sein und an der Tankstelle weinen. Für diese Zielgruppe bleibt der klassische Diesel im VW Tiguan die bessere Wahl.
FAQ
Wann kommt der neue Kia Seltos in Deutschland auf den Markt? Die Premiere der zweiten Generation fand im Dezember 2025 statt. Der offizielle Marktstart in Europa und Deutschland ist für das Jahr 2026 bestätigt, vermutlich in der zweiten Jahreshälfte.
Ersetzt der Seltos den Kia XCeed? Offiziell bestätigt ist das noch nicht. Aber mit seinen gewachsenen Maßen (4,43 Meter Länge) und der deutlich moderneren K3-Plattform wildert der Seltos genau im Revier des in die Jahre gekommenen XCeed. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Seltos diese Lücke im Europa-Portfolio langfristig schließt.
Gibt es für den Seltos Hybrid das E-Kennzeichen oder Steuervorteile (0,5%)? Nein. Der Seltos ist ein klassischer Vollhybrid (HEV), der nicht per Stecker aufgeladen wird. Er profitiert in Deutschland daher nicht von der 0,5-Prozent-Versteuerung für Dienstwagen und erhält auch kein E-Kennzeichen. Diese Privilegien sind Plug-in-Hybriden (PHEV) und reinen Elektroautos (BEV) vorbehalten.



























