Kia Stinger GT (2026): Der koreanische Panamera, den wir zu spät verstanden haben

Es ist still geworden in den Kia-Showrooms. Wo früher der breite, flache Stinger stand, parken heute EV6 und EV9. Technisch sind das brillante Autos. Aber emotional? Ende 2025 realisieren viele Autofans schmerzhaft, was sie verloren haben. Der Kia Stinger war ein Unfall der Geschichte – im positiven Sinne. Ein Auto, das von Albert Biermann (ehemals BMW M-Chef) abgestimmt wurde, um deutsche Premium-Limousinen zu ärgern. Jetzt, zwei Jahre nach Produktionsende, explodiert die Nachfrage auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Warum? Weil es keine Alternative gibt. Ein BMW 440i Gran Coupé ist teurer und steriler. Ein Audi S5 ist perfekt, aber langweilig. Der Stinger GT ist wild, unperfekt und charismatisch. Ich habe mir die Marktlage für 2026 angesehen: Ist der Kauf eines gebrauchten V6-Stingers ein Himmelfahrtskommando oder die cleverste Art, 366 PS zu fahren?

Der Motor: 3.3 V6 Biturbo – Ein Dinosaurier mit Durst

Das Herzstück ist der 3.3-Liter-V6-Biturbo (T-GDI). Er leistet 366 PS (mit OPF) und 510 Nm. 0-100 km/h in 4,9 Sekunden (Launch Control).

Lassen Sie uns ehrlich sein: Dieser Motor ist kein Sparwunder. Wer den Stinger GT artgerecht bewegt, sieht selten eine Zahl unter 12 Litern auf dem Bordcomputer. In der Stadt sind es 14. Aber wen interessiert das? Der Motor hat Charakter. Er schiebt von unten raus wie eine Lokomotive. Er klingt (dank Klappenauspuff im Facelift ab 2021/22) kernig, ohne asozial zu sein. Das Getriebe (8-Gang-Wandler) ist keine Doppelkupplung, aber es passt perfekt zum GT-Charakter (Gran Turismo). Es gleitet. Mein Rat: Vergessen Sie den 2.0-Liter-Vierzylinder und den Diesel. Der Stinger lebt vom V6. Alles andere ist nur die Hülle ohne den Inhalt.

Fahrverhalten: Biermanns Meisterstück

Der Stinger GT hat einen hecklastigen Allradantrieb. Im Sport+-Modus gehen bis zu 80% der Kraft nach hinten.

Das ist der Unterschied zu einem Audi S5. Der Audi zieht. Der Kia schiebt. Man kann mit diesem 1,9-Tonnen-Schiff driften. Er fühlt sich mechanisch an. Die Brembo-Bremsen beißen zu (auch wenn die Beläge bei harter Gangart schnell verschleißen – ein bekannter Schwachpunkt). Das Fahrwerk ist straff, aber nicht hart. Es ist diese “BMW-M-Abstimmung aus den 2000ern”, die wir heute bei BMW oft vermissen.

Innenraum & Schwachstellen: Nicht alles ist Gold

Das Facelift (ab Ende 2020) brachte den großen 10,25-Zoll-Screen und bessere Materialien.

Hier müssen Sie genau hinschauen. Kaufen Sie kein Vor-Facelift-Modell (2017-2020), wenn Sie Technik lieben. Der kleine Bildschirm wirkt heute antik. Das Facelift-Modell ist innen immer noch konkurrenzfähig. Nappaleder, Sitzlüftung, Harman-Kardon-Anlage – das war oft Serie. Aber es gibt Schwachstellen:

  1. Klappergeräusche: Das Panoramadach und die Heckklappe neigen zum Knarzen. Prüfen Sie das bei der Probefahrt auf Kopfsteinpflaster.
  2. Lack: Der Lack des Stinger ist berüchtigt dünn. Steinschläge an der Front sind normal, aber achten Sie auf Rostansätze an den Kanten (selten, aber möglich).
  3. Bremsscheiben: Viele Besitzer klagen über “Rubbeln” beim Bremsen. Oft sind es nicht verzogene Scheiben, sondern Pad-Ablagerungen. Ein Upgrade auf Zubehör-Beläge (z.B. EBC) hilft.

Der Joker: Die 7-Jahre-Garantie

Kia gewährt 7 Jahre Werksgarantie (bis 150.000 km).

Das ist Ihr Sicherheitsnetz im Jahr 2026. Wenn Sie einen Stinger aus dem Baujahr 2022 kaufen, haben Sie noch bis 2029 Werksgarantie! Kaufen Sie einen gebrauchten BMW 440i von 2022, haben Sie… nichts. Oder eine teure Gebrauchtwagenversicherung. Das macht den Stinger zum risikoärmsten Gebrauchtkauf in der 370-PS-Klasse. Achten Sie nur penibel darauf, dass das Scheckheft lückenlos bei Kia gepflegt wurde. Ein überzogener Ölwechsel, und die Garantie ist futsch.

Marktlage 2026: Was kostet der Spaß?

Gute Stinger GT (Facelift, ab 2021) mit unter 60.000 km kosten Ende 2025 zwischen 38.000 und 45.000 Euro. Die limitierte “Tribute Edition” (nur 1.000 Stück weltweit, mattgrauer Lack, Terracotta-Leder) wird schon jetzt mit Aufschlag gehandelt.

Ist das teuer? Ja. Vor zwei Jahren waren sie billiger. Aber der Markt hat erkannt, dass nichts mehr nachkommt. Für 40.000 Euro bekommen Sie Performance, Vollausstattung und Garantie. Ein vergleichbarer Audi S5 Sportback kostet 10.000 bis 15.000 Euro mehr und hat weniger Garantie.

Der letzte Vergleich

Feature
Kia Stinger 3.3 GT (Gebraucht)
BMW M440i xDrive (G26)
VW Arteon R Shooting Brake
Motor
3.3L V6 Biturbo (366 PS)
3.0L R6 Turbo (374 PS)
2.0L R4 Turbo (320 PS)
Zylinder
6 (V-Form)
6 (Reihe)
4
Antrieb
Hecklastig AWD
Hecklastig AWD
Frontlastig AWD
Garantie
Bis 7 Jahre (ab EZ)
3 Jahre (Kulanz)
2 Jahre
Emotion
“Bad Boy”
Perfektionist
Schneller Passat
Preis (2022er)
ca. 40.000 €
ca. 52.000 €
ca. 38.000 €

Fazit: Ein Future Classic für den Alltag

Der Kia Stinger GT ist ein Auto, das man besitzen muss, solange es noch geht. Er ist nicht perfekt. Er ist schwer, er säuft, und das Navi ist nicht Google-schnell. Aber er hat Seele. Wenn Sie einen gepflegten Facelift-GT in “High Chroma Red” oder “Ceramic Silver” finden: Schlagen Sie zu. Fahren Sie ihn, pflegen Sie ihn. Sie werden kaum Geld verlieren, aber jeden Tag Spaß haben. Und wenn Sie eine “Tribute Edition” finden: Stellen Sie sie weg. Das wird der erste Kia, der auf Auktionen Geld bringt.

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Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.