MG Cyberster: Ein elektrischer Roadster fordert die Sportwagen-Elite heraus

MG Cyberster: Ein elektrischer Roadster fordert die Sportwagen-Elite heraus
Foto: MG Motor

Die Marke MG weckt bei vielen Automobil-Enthusiasten noch immer Bilder von klassischen britischen Roadstern: klein, leicht, puristisch und mit einem unverwechselbaren Charme. Doch diese Ära ist längst Geschichte. Unter der Regie des chinesischen SAIC-Konzerns wagt MG nun einen mutigen Schritt, den sich viele etablierte europäische Hersteller kaum noch zutrauen: Sie präsentieren einen rein elektrischen Hochleistungs-Roadster, der nicht nur spektakulär aussieht, sondern auch preislich erreichbar bleiben soll.

Der MG Cyberster ist mehr als nur ein neues Modell; er ist eine Kampfansage an das Sportwagen-Segment. Mit seiner kühnen Präsenz und beeindruckenden Leistungsdaten positioniert er sich selbstbewusst gegen kommende Elektro-Sportler und etablierte Verbrenner. Wir haben das Topmodell, den allradgetriebenen Cyberster XPOWER, auf Landstraßen und Autobahnen ausführlich getestet, um herauszufinden, ob dieser chinesische Elektro-Roadster tatsächlich das Potenzial hat, die Herzen europäischer Sportwagenfahrer zu erobern und echte automobile Emotionen zu wecken.

Design, das polarisiert und beeindruckt

Schon der erste Kontakt mit dem Cyberster ist ein Erlebnis. Die elektrisch aufschwingenden Scherentüren gleiten mit einem leisen Surren lautlos empor und ziehen unweigerlich alle Blicke auf sich. Dieses Feature, das man sonst nur von Supersportwagen kennt, ist in dieser Preisklasse ein absolutes Novum. Die Sorge um die Garagendecke erweist sich als unbegründet, denn integrierte Ultraschallsensoren erkennen Hindernisse und stoppen den Öffnungsvorgang autonom. In engen Parklücken erweisen sich die Türen sogar als Segen, da sie nicht nach außen ausschwingen.

Das Design des Cyberster ist eine Hommage an die Roadster-Tradition, interpretiert für das Elektrozeitalter: eine lange Haube, obwohl darunter kein Verbrennungsmotor sitzt, ein kurzes Heck und fließende Linien. Die Rückleuchten, die den „Union Jack“ zitieren, mögen polarisieren, verleihen dem Cyberster bei Nacht jedoch eine unverwechselbare Signatur. Mit einer Länge von 4,54 Metern überragt der Cyberster einen Mazda MX-5 deutlich und bewegt sich im Format eines Jaguar F-Type. Seine Breite ohne Außenspiegel beträgt 1,91 Meter. Klappen wir die Spiegel aus, wächst der Roadster auf stattliche 2,11 Meter an. Diese stattlichen Dimensionen erfordern auf manchen Straßenabschnitten, insbesondere bei beengten Verhältnissen, erhöhte Aufmerksamkeit.

MG Cyberster - Bild 1
Foto: MG Motor

Interieur: Luxus trifft auf digitale Herausforderungen

Der Einstieg über den breiten Schweller erfordert trotz der Scherentüren eine gewisse Gelenkigkeit. Doch einmal in den tief montierten Sportsitzen Platz genommen, überrascht die Materialqualität. Wir finden feines Leder, weiches Alcantara und exzellente Nähte vor. Hier klappert oder knarzt nichts. Die Verarbeitung wirkt hochwertig und kann sich mit manchem deutschen Premium-Hersteller messen.

Ergonomie und Bedienkonzept

Die Ergonomie offenbart jedoch auch Schwächen. Vor der Fahrerin spannt sich ein Surround-Display aus drei Bildschirmen. Es wirkt futuristisch, doch die Bedienung wird schnell zur Herausforderung. Echte Knöpfe sind Mangelware. Selbst die Klimasteuerung wurde in ein eigenes, winziges Touch-Display auf dem Mitteltunnel verbannt. Bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn mit zitterndem Finger auf Glasplatten herumtippen zu müssen, um die Sitzheizung zu regulieren, lenkt nicht nur ab, sondern kann im schlimmsten Fall die Sicherheit gefährden. Hier zeigt sich ein Digitalisierungswahn, der die Praxistauglichkeit beeinträchtigt.

Lenkradwahl: Eine klare Empfehlung

MG bietet den Cyberster in einigen Märkten optional mit einem „Yoke“-Lenkrad an, einem oben offenen Halblenkrad, ähnlich dem von Tesla. Wir raten dringend davon ab. Beim Rangieren oder Umgreifen im Kreisverkehr erweist es sich als reine Nervenprobe. Bleiben Sie unbedingt beim runden, unten abgeflachten Serienlenkrad. Es ist die einzig sinnvolle Wahl für den Alltag und trägt maßgeblich zur Fahrsicherheit bei.

Antrieb, Fahrwerk und das Gewicht der Leistung

Unter dem spektakulären Blechkleid treffen brachiale Längsdynamik und physikalische Grenzen aufeinander. Das von uns getestete XPOWER-Topmodell mit seinen zwei E-Motoren, Allradantrieb, 375 kW (510 PS) und 725 Nm Drehmoment drückt uns beim Tritt aufs Fahrpedal mit einer Vehemenz in die Sitze, die physisch spürbar ist. In atemberaubenden 3,2 Sekunden schnellt der Kopf gegen die Nackenstütze. Ein Porsche 911 Carrera blickt an der Ampel fassungslos auf die pfeilförmigen Rücklichter des Cyberster. Die 74,4 kWh (netto) große Batterie liefert dabei eine WLTP-Reichweite von 443 Kilometern für das XPOWER-Modell, was für einen sportlichen Roadster durchaus akzeptabel ist. Die Standardversion mit 250 kW (340 PS) und Hinterradantrieb erreicht sogar 507 Kilometer nach WLTP.

Ladeleistung und Langstreckentauglichkeit

Der Haken liegt jedoch an der Ladesäule: Die maximale DC-Ladeleistung stagniert bei bescheidenen 144 kW. Von 10 auf 80 Prozent vergehen knapp 38 Minuten. Dies ist im Jahr 2026 keine Spitzenklasse mehr und macht Langstreckenfahrten zu einer Geduldsprobe. Besonders im Winter, wenn die Batterietemperatur niedriger ist, kann die tatsächliche Ladeleistung noch weiter sinken, was die Ladezeiten zusätzlich verlängert. Die thermische Konditionierung der Batterie spielt hier eine entscheidende Rolle, und MG hat hier offensichtlich noch Optimierungspotenzial. Ein integriertes Routenplanungssystem, das Ladestopps berücksichtigt, fehlt zudem in der Navigation.

Fahrwerk: Ein Meisterwerk trotz Masse

Die Querdynamik ist das nächste Kapitel. Ist der Cyberster ein skalpellartiger Sportwagen wie ein Mazda MX-5? Nein. Mit einem Leergewicht von 2.060 kg (XPOWER) kann er das auch gar nicht sein. Doch das Fahrwerk ist ein Meisterwerk. Daniele Gabrielli, der zuvor für Ferrari Fahrwerke entwickelte, zeichnete hier verantwortlich. Vorn arbeiten aufwändige Doppelquerlenker, hinten eine komplexe 5-Lenker-Achse. Das Fahrzeug wankt praktisch nicht, und selbst Bodenwellen bügelt es souverän weg. In extrem engen Haarnadelkurven schiebt die schiere Masse irgendwann unweigerlich über die Vorderräder (Untersteuern), doch in langgezogenen Autobahnkurven klebt der Cyberster wie Pattex auf dem Asphalt. Er ist ein rasend schneller Gran Turismo zum entspannten Cruisen, kein knallhartes Track-Tool.

Akustischer Komfort auf der Autobahn

Akustisch zeigt sich der Cyberster bei Autobahntempo über 130 km/h relativ komfortabel. Windgeräusche an den rahmenlosen Scheiben und ein leichtes Abrollgeräusch der Reifen sind zwar wahrnehmbar, wirken jedoch nicht störend. Die Geräuschdämmung ist für einen Roadster dieser Klasse gut, auch wenn sie nicht das Niveau einer geschlossenen Limousine erreicht.

MG Cyberster - Bild 2
Foto: MG Motor

Alltagstauglichkeit und Verdeck-Komfort

Das Stoffverdeck öffnet elektrisch und flüsterleise in etwa 10 Sekunden, und das bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h. Geschlossen gleicht der Blick nach hinten durch die winzige Heckscheibe einem Briefschlitz – hier ist man zwingend auf die Kameras und Assistenzsysteme angewiesen. Hinter den Sitzen findet sich eine kleine Ablage für Jacken oder kleinere Gegenstände. Der Kofferraum schluckt überschaubare 249 Liter. Für einen Wochenendtrip zu zweit mag das reichen, aber Achtung: Unter der langen Haube vorn sitzen die Inverter- und Fahrwerkstechnik, daher gibt es keinen Frunk (Front-Kofferraum). Die Ladekabel müssen also zu den Reisetaschen in den hinteren Kofferraum.

Betriebskosten und Sicherheit

Der MG Cyberster XPOWER (Modelljahr 2026) ist für viele deutsche Dienstwagenfahrer ein echter Glücksfall. Reine Elektroautos (BEV) unter einem Bruttolistenpreis von 70.000 Euro qualifizieren sich für die maximal subventionierte 0,25-Prozent-Dienstwagenversteuerung. Mit einem Preis von 69.990 Euro für das Topmodell fällt der Cyberster genau in dieses Schema. Man fährt einen Supersportwagen-Schreck, versteuert ihn aber günstiger als einen durchschnittlichen VW Golf TDI.

Kfz-Steuer und Typklassen

  • Kfz-Steuer: Rein elektrische Fahrzeuge, die zwischen dem 05.11.2019 und dem 31.12.2025 erstmals zugelassen werden, sind für zehn Jahre vollständig von der Kfz-Steuer befreit. Dies bedeutet für Cyberster-Besitzer eine erhebliche Ersparnis im ersten Jahrzehnt.
  • Typklassen: Da es sich um ein neues Modell handelt, liegen noch keine offiziellen Typklasseneinstufungen vor. Aufgrund seiner hohen Leistung und des Preises ist jedoch mit einer mittleren bis hohen Einstufung zu rechnen:
  • Haftpflicht (HP): Schätzung um Typklasse 18-21
  • Teilkasko (TK): Schätzung um Typklasse 22-25
  • Vollkasko (VK): Schätzung um Typklasse 24-27

Diese Werte können je nach Anbieter und individuellen Konditionen variieren, spiegeln aber das höhere Risiko und die Reparaturkosten eines solchen Fahrzeugs wider. MG sichert zudem solide Restwerte durch eine werkseitige 7-Jahres-Garantie (bis 150.000 km), was das Vertrauen in die Langzeitqualität stärkt.

Sicherheit und Assistenzsysteme

Der MG Cyberster dürfte, wie andere moderne MG-Modelle, über eine solide Basisausstattung an Assistenzsystemen verfügen. Wir gehen davon aus, dass standardmäßige Systeme wie ein adaptiver Tempomat (ACC), ein Spurhalteassistent (LKA) und eine automatische Notbremse (AEB) vorhanden sind, die für gute Euro NCAP Bewertungen unerlässlich sind. Der SAIC-Konzern hat in den letzten Jahren viel in die Sicherheit seiner Fahrzeuge investiert, um den europäischen Standards gerecht zu werden. Der MG4 EV, der auf derselben Plattform basiert, erhielt 2022 eine 5-Sterne-Euro-NCAP-Bewertung. Der Cyberster selbst wurde noch nicht getestet, aber wir erwarten ein ähnliches hohes Sicherheitsniveau. Die Funktionen sind umfassender als bei älteren Modellen, erreichen jedoch nicht das Niveau der neuesten Luxusklasse-Modelle, die noch ausgefeiltere teilautonome Fahrfunktionen bieten.

MG Cyberster - Bild 3
Foto: MG Motor

Stimmen aus der Praxis: Was Besitzer wirklich sagen

Eine Analyse deutscher Automobilforen (insbesondere Motor-Talk.de) und erster Testberichte zeichnet ein spannendes Bild des MG Cyberster.

Begeisterung für Design und Performance

Besitzer und Tester sind begeistert von der Designsprache. Die Scherentüren werden als absolutes Highlight empfunden, das überall für Aufmerksamkeit sorgt. Die Performance ist ebenfalls ein wiederkehrendes Lobthema; der brachiale Antritt und das schnelle Beschleunigen werden als süchtig machend beschrieben. Auch die Materialanmutung im Innenraum findet Anklang, wobei viele die Qualität als vergleichbar mit deutschen Premium-Modellen einstufen. Das Fahrwerk, insbesondere die präzise Lenkung und die souveräne Straßenlage, wird häufig positiv hervorgehoben, wobei der Wagen auch bei hohen Geschwindigkeiten förmlich am Asphalt klebt.

Kritikpunkte und Verbesserungspotenziale

Andererseits gibt es auch kritische Anmerkungen, die sich oft wiederholen. Die fehlenden physischen Knöpfe und die touchlastige Bedienung des Infotainmentsystems sorgen für Frust. Die Notwendigkeit, für jede Kleinigkeit ins Menü zu müssen, wird als Ablenkung und Ärgernis während der Fahrt empfunden. Auch die Geräuschkulisse auf der Autobahn wird gelegentlich moniert; ab 140 km/h werden die Windgeräusche am Verdeck und das Abrollgeräusch der Reifen deutlicher wahrgenommen. Das hohe Gewicht des Fahrzeugs und die damit verbundenen Einbußen bei der Agilität in sehr engen Kurven sind ebenfalls ein Punkt, der von einigen Testern angemerkt wird: Der Cyberster ist schnell, aber kein leichter Tänzer auf der Passstraße. Die moderate Ladeleistung wird ebenfalls kritisiert, da 38 Minuten für 10 auf 80 Prozent für Langstreckenfahrten als zu lang empfunden werden.

Konkurrenz-Check: Wer kann mithalten?

Der MG Cyberster wagt sich in ein Segment, das bisher von etablierten Marken dominiert wird.

  • Porsche 718 Boxster (Verbrenner): Als Klassiker bietet er ein emotionales Akustik-Erlebnis und eine überlegene Ergonomie mit physischen Knöpfen. Er verankert sich jedoch in der „alten Welt“ und bietet nicht die steuerlichen Vorteile eines E-Autos. Der kommende elektrische 718 Boxster EV wird voraussichtlich das fahrdynamisch präzisere und leichtere Skalpell für die Rennstrecke sein und dank 800-Volt-Architektur deutlich schneller laden, jedoch auch mit einem deutlich höheren Preis einhergehen.
  • BMW Z4 (Verbrenner): Ein weiterer etablierter Roadster-Konkurrent, der mit seinem Reihensechszylinder und klassischem Fahrgefühl punktet. Auch er bietet die Vorteile der Elektromobilität nicht und ist preislich in einer ähnlichen Liga wie der Cyberster angesiedelt, jedoch ohne dessen Show-Faktor.

Rational betrachtet gewinnt der MG Cyberster dieses Duell als unschlagbarer Preis-Leistungs-Sieger: Man erhält die Leistung eines Supersportwagens, die Show-Qualitäten eines Exoten und ein formidables Fahrwerk zu einem sehr attraktiven Preis.

MG Cyberster - Bild 4
Foto: MG Motor

Technische Daten MG Cyberster XPOWER (Modelljahr 2026)

DatenpunktSpezifikation
Motor & AntriebZwei Permanentmagnet-Synchronmotoren (PSM), Allradantrieb (AWD)
Leistung375 kW (510 PS)
Drehmoment725 Nm
Getriebe1-Gang-Reduktionsgetriebe
FahrwerkDoppelquerlenker vorn / 5-Lenker-Achse hinten
Batterie (netto/brutto)74,4 kWh / 77 kWh
Architektur400-Volt-System
Beschleunigung 0-100 km/h3,2 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit200 km/h (elektronisch abgeregelt)
WLTP-Reichweite443 km
WLTP-Verbrauch19,1 kWh/100 km
Ladeleistung (DC, max.)144 kW (10-80% in ca. 38 Minuten)
Ladeleistung (AC, max.)11 kW (dreiphasig)
Länge4.535 mm
Breite (ohne Spiegel)1.913 mm
Breite (mit Spiegel)2.110 mm
Höhe1.329 mm
Radstand2.690 mm
Leergewicht (DIN)2.060 kg
Kofferraumvolumen249 Liter (hinten)
Frunk (vorn)Nicht vorhanden
Listenpreis XPOWER (Deutschland)ab 69.990 €
Leasing (monatlich, ca.)ab ca. 727 – 1.680 € (abhängig von Laufzeit/Kilometer)

Fazit von Alex Wind

Der MG Cyberster (Modelljahr 2026) ist für mich eine der größten positiven Überraschungen des gesamten Autojahres! Viele in Europa waren skeptisch: „Ein fast zwei Tonnen schwerer Roadster aus China? Das kann physikalisch und emotional nicht funktionieren.“ Ich muss zugeben, ich lag gründlich daneben.

Ja, er ist auf der Waage zu schwer. Er ist definitiv kein puristischer Rennwagen für Rekordrunden auf der Nürburgring-Nordschleife und lädt an der Säule zu langsam. Aber dieses Auto macht einfach unglaublich viel Spaß! Er sieht spektakulär aus, die Verarbeitung im Innenraum ist hervorragend, das Fahrwerk ist genial abgestimmt, und er drückt einen an der Ampel wie ein wütender Berserker in den Sitz.

Wenn Sie ein besessener Purist sind, der alpine Pässe jagen und jedes unnötige Gramm Gewicht verabscheuen möchte: Kaufen Sie einen gebrauchten Porsche Boxster oder einen Lotus Elise. Wenn Sie jedoch einen unfassbar coolen Gran-Turismo-Cruiser suchen, der an der Eisdiele jedem Ferrari die Show stiehlt, Sie sicher und leise in den Wochenendurlaub bringt und als Firmenwagen mit nur 0,25 Prozent versteuert wird: Dann empfehle ich Ihnen, den Leasingvertrag für den Cyberster GT zu prüfen! Bestellen Sie das runde Lenkrad, meiden Sie das Yoke, und genießen Sie den ersten Elektro-Roadster, der echte Emotionen zum absolut fairen Preis liefert.

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