An den deutschen Zapfsäulen droht ab dem 1. Januar 2027 ein historischer Preissprung: Mit dem Start des europäischen Emissionshandels für Verkehr und Gebäude (ETS-2) endet die Ära des staatlich gedeckelten nationalen CO2-Preises (bislang 55 € bis 65 € pro Tonne CO2). Künftig bestimmen freie Auktionen an der Energiebörse EEX in Leipzig den Preis für die Verschmutzungsrechte von Mineralölkonzernen.
Experten und Modellrechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) warnen bei Zertifikatspreisen von 150 € bis über 200 € pro Tonne vor drastischen Aufschlägen von 0,38 € bis 0,55 € pro Liter Benzin und Diesel. Bei aktuellen Kraftstoffpreisen von rund 1,76 € für Super E10 und 1,67 € für Diesel rückt die Marke von 2,50 € bis 3,00 € pro Liter in greifbare Nähe. Wir analysieren die Preisspirale, Entlastungsmodelle und Alternativen für Vielfahrer.
Von Berlin nach Leipzig: Der CO2-Preis wird zur Börsenware
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ETS-2 Preisszenario
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CO2-Zertifikatspreis
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CO2-Aufschlag Benzin
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CO2-Aufschlag Diesel
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Geschätzter Literpreis Zapfsäule
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Status quo (nEHS 2026)
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55 € pro Tonne
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ca. 0,16 € / Liter
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ca. 0,18 € / Liter
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1,76 € (E10) / 1,67 € (Diesel)
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Szenario Moderat (Soft-Cap)
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90 € pro Tonne
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ca. 0,26 € / Liter
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ca. 0,30 € / Liter
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1,89 € (E10) / 1,82 € (Diesel)
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Szenario IW Köln (Knappheit)
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150 € pro Tonne
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ca. 0,43 € / Liter
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ca. 0,50 € / Liter
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2,12 € (E10) / 2,08 € (Diesel)
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Extremszenario (Börsen-Panik)
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240 € pro Tonne
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ca. 0,69 € / Liter
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ca. 0,80 € / Liter
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2,65 € bis 3,00 € pro Liter
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Das Grundprinzip des ETS-2 ist, dass für CO2-Emissionen bezahlt werden muss. Die entscheidende Änderung liegt im Mechanismus: Statt eines staatlich festgelegten Preises pro Tonne CO2 werden die Verschmutzungsrechte, die Zertifikate, künftig an der Börse frei gehandelt. Die „Inverkehrbringer“ von Kraftstoffen, also die Mineralölkonzerne, müssen für jede Tonne CO2 ein Zertifikat ersteigern.
Die Gesamtmenge dieser Zertifikate wird von der EU künstlich verknappt, um die Klimaziele zu erreichen.
Ein sinkendes Angebot bei nur langsam fallender Nachfrage führt unweigerlich zu einem steigenden Preis. Bislang garantierte der nationale Brennstoffemissionshandel (BEHG) mit seinem politisch fixierten CO2-Preis eine gewisse Planbarkeit. Dieser deutsche Alleingang war als Brückenlösung konzipiert und wird 2027 durch den ungleich volatileren, gesamteuropäischen ETS-2 ersetzt. Die Preisbildung verlagert sich damit endgültig von Berlin an die Energiebörse EEX in Leipzig.
Die unkalkulierbare Komponente im Spritpreis
Der Preis an der Zapfsäule besteht aus dem reinen Produktpreis sowie der Energie- und Mehrwertsteuer. Bislang kam der CO2-Preis als kalkulierbare Schicht obendrauf. Ab 2027 wird diese Schicht zu einem variablen, an der Börse ermittelten Aufschlag. Jede geopolitische Krise und jede Spekulationswelle am Emissionsmarkt wirkt sich damit unmittelbar auf den Endpreis aus.
Das eigentliche Risiko ist die Höhe dieses neuen CO2-Aufschlags. Ein extrem hoher Zertifikatspreis könnte den Aufschlag allein in die Nähe von einem Euro pro Liter treiben. Kombiniert mit einem hohen Rohölpreis rückt die 3-Euro-Marke dann in den Bereich des Möglichen. Als Blaupause dient der bereits etablierte Emissionshandel für die Industrie (ETS-1), wo in der Vergangenheit bereits erhebliche Preisspitzen erreicht wurden. Ein extremer Preis wäre zwar nicht der Normalfall, dient aber als Indikator für die mögliche Volatilität, wenn externe Schocks auf einen künstlich verknappten Markt treffen.
Besonders kritisch ist die Lage für Dieselfahrer und die Logistikbranche. Ein Liter Diesel emittiert mehr CO2 als ein Liter Superbenzin, weshalb jeder Preisanstieg pro Tonne CO2 bei Diesel stärker durchschlägt. Für Speditionen und Handwerksbetriebe wird der ETS-2 zu einem massiven, kaum kalkulierbaren Kostenfaktor, den sie an die Endverbraucher weitergeben werden.
Das gebrochene Klimageld-Versprechen
Die Politik hat die soziale Sprengkraft dieser Entwicklung erkannt. Seit Jahren wird die Auszahlung eines „Klimageldes“ versprochen, um die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung pauschal an die Bürger zurückzugeben. Passiert ist bis heute nichts. Die technischen Hürden für einen direkten Auszahlungsmechanismus erwiesen sich als zu hoch – oder der politische Wille war eben doch zu gering. Für mich ist das ein klares Politikversagen. Man hat ein Instrument zur Verteuerung geschaffen, ohne das versprochene Korrektiv auch nur ansatzweise rechtzeitig umzusetzen. Die Belastung an der Zapfsäule ist ab 2027 hingegen garantiert.
Ganz schutzlos ist der Markt dem Preisanstieg aber nicht ausgeliefert. Die EU hat einen Stabilitätsmechanismus vorgesehen: Überschreitet der Zertifikatspreis eine definierte Schwelle, können zusätzliche Zertifikate aus einer Reserve den Preis dämpfen. Die Wirksamkeit dieser Notbremse ist jedoch fraglich. Die genauen Bedingungen für ihre Auslösung sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht final kommuniziert, was die Unsicherheit erhöht. Viele Energieexperten gehen davon aus, dass der Mechanismus den Anstieg allenfalls verlangsamen, ihn aber wohl kaum stoppen kann.
Haushaltsbelastung und Pendler-TCO: Hunderte Euro Mehrkosten ohne Klimageld
Für Millionen deutscher Pendler und Familien im ländlichen Raum bedeutet der ETS-2-Mechanismus eine empfindliche Reallohnkürzung: Ein durchschnittlicher Berufspendler mit einer jährlichen Fahrleistung von 20.000 Kilometern in einem sparsamen Diesel-Kombi (Durchschnittsverbrauch 5,8 l/100 km) tankt pro Jahr rund 1.160 Liter Kraftstoff. Steigt der Zertifikatspreis auf 150 € pro Tonne, summiert sich der reine CO2-Aufschlag auf über 580 € Mehrkosten pro Jahr – bei einem Extremszenario von 240 € pro Tonne klettern die jährlichen Zusatzkosten auf über 928 €.
Erschwerend kommt hinzu, dass der bundesweite Auszahlungsmechanismus für das versprochene „Klimageld“ zur Rückverteilung der Einnahmen im Bundesfinanzministerium weiterhin blockiert ist. Autofahrer finanzieren somit das europäische CO2-Handelssystem, ohne dass die Erlöse spürbar auf den Konten der Bürger ankommen. Gleichzeitig verschiebt der ETS-2 die Wirtschaftlichkeit dramatisch zugunsten der Elektromobilität: Selbst bei einem öffentlichen Ladestrompreis von 0,49 € pro kWh an AC-Ladesäulen liegen die Energiekosten eines modernen Elektroautos (Verbrauch ca. 16,5 kWh/100 km) bei lediglich 8,09 € auf 100 km – während ein Benzin-SUV bei einem Spritpreis von 2,65 € pro Liter und 7,5 l/100 km fast 20 € pro 100 Kilometer verschlingt.
Marktstabilitätsreserve und Preiskorridor: Warum die Notbremse der EU versagen könnte
Um exzessive Preisausschläge abzufedern, sieht die europäische Richtlinie einen sogenannten Soft-Price-Cap von rechnerisch 45 € (inflationsbereinigt ca. 85 € bis 95 € pro Tonne) vor. Übersteigt der Durchschnittspreis an der Börse über zwei aufeinanderfolgende Monate diesen Schwellenwert, sollen zusätzlich 20 Millionen Zertifikate aus der Marktstabilitätsreserve (MSR) in den Markt gepumpt werden, um das Angebot künstlich auszuweiten.
Energieökonomen halten dieses Dämpfungsinstrument jedoch für zahnlos: Da der Verkehrssektor in Deutschland und der EU seine CO2-Emissionen seit 1990 kaum gesenkt hat und rund 1 Milliarde Tonnen CO2 jährlich emittiert, verpufft ein Sonderkontingent von 20 Millionen Zertifikaten innerhalb weniger Wochen. Haben Spekulanten und Hedgefonds erst einmal die Knappheit von Emissionsrechten gewittert, kann die Dynamik an der Energiebörse den Preis ungebremst in Richtung 200 € bis 250 € pro Tonne katapultieren.
Verschärft wird die Situation durch den Gebäudebereich, der denselben Zertifikate-Topf anzapft: Da Millionen Haushalte in Deutschland weiterhin mit fossilem Erdgas und Heizöl heizen, konkurrieren Autofahrer direkt mit Mietern und Hauseigentümern um die knappen CO2-Rechte. Für eine gewöhnliche Ölheizung mit 2.500 Litern Jahresverbrauch bedeutet ein Zertifikatspreis von 150 € pro Tonne eine zusätzliche Heizkosten-Belastung von rund 1.185 € pro Jahr – was den politischen Druck auf eine nachträgliche Aussetzung des ETS-2 massiv erhöhen wird.
Fazit von Alex Wind: Der ETS-2 als sozialer Spaltpilz für die Mobilität
Alex Wind zieht Bilanz: Mit der Einführung des ETS-2 ab 2027 delegiert die Politik die Kontrolle über die Mobilitätskosten der Bürger an einen unberechenbaren Börsenhandelsplatz in Leipzig. Die Idee, über marktbasierte Knappheitspreise den Umstieg auf Elektroautos zu erzwingen, ist ökonomisch nachvollziehbar – industriepolitisch und sozial aber hochriskant.
Wer heute auf dem Land auf einen Verbrenner angewiesen ist, weil Ladeinfrastruktur oder Eigenkapital für ein 40.000 € teures Elektroauto fehlen, wird durch Spritpreise von bis zu 3,00 € pro Liter finanziell an die Wand gedrückt. Ohne ein sofort greifendes, unbürokratisches Klimageld und bezahlbare elektrische Einstiegsfahrzeuge unter 25.000 € droht der ETS-2 nicht die Verkehrswende zu beschleunigen, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz für den Klimaschutz dauerhaft zu zerstören.
