BMW 2er Gran Coupé (2026) im Test: Der teuerste Mini aller Zeiten oder echter BMW?

Es ist eine Glaubensfrage, die Familien spaltet: Darf ein BMW den Antrieb vorne haben? Während die Puristen beim 2er Coupé (G42) noch feiern, weil es Hinterradantrieb hat, steht hier der neue BMW 2er Gran Coupé (F74). Er basiert technisch auf dem 1er und dem Mini Countryman. Er zieht vorne. Er hat keinen Reihensechszylinder (außer man kauft den M235 xDrive, und selbst der ist ein Vierzylinder). BMW nennt ihn „extrovertiert“. Ich nenne ihn den Versuch, jungen Leasing-Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen, die sich keinen 3er mehr leisten können. Aber ist das „Gran Coupé“ im Modelljahr 2026 nur ein Marketing-Gag für eine Limousine mit wenig Kopffreiheit, oder steckt doch genug „Freude am Fahren“ drin, um das Logo auf der Haube zu rechtfertigen? Ich habe den Volumen-Seller, den BMW 220 Gran Coupé, durch den Münchner Berufsverkehr und über die A9 gejagt.

Design: Der „Baby-8er“ mit Haltungsschaden

Wenn man die Augen zusammenkneift, sieht er aus wie ein geschrumpfter 8er. Das Heck ist hoch, die Lichter sind schmal, die Silhouette versucht krampfhaft, dynamisch zu wirken. Aber wenn man die Augen wieder öffnet, sieht man die Proportionen eines Fronttrieblers: Langer Überhang vorne, viel Blech über dem Vorderrad. Er wirkt hochbeinig. Doch im deutschen Alltag hat dieses Design Vorteile. Mit 4,55 Metern Länge ist er kompakt genug für die Stadt, aber groß genug, um nicht als Kleinwagen durchzugehen. Der Parkhaus-Realitäts-Check: In meiner engen Duplex-Garage zeigt sich das Gran Coupé von seiner besten Seite. Er ist schmaler als ein 3er oder 5er. Die Türen sind zwar rahmenlos (schick!), aber nicht so lang wie bei einem echten Zweitürer, was das Aussteigen in engen Lücken erleichtert. Die Übersicht nach hinten ist allerdings ein Witz. Das Heckfenster ist ein Schießschlitz. Ohne Rückfahrkamera fahren Sie nach Gehör – und das wird bei den lackierten Stoßfängern teuer. In der Autobahnbaustelle atme ich auf: Mit Spiegeln bleibt er knapp unter der 2,10-Meter-Grenze (je nach Felge/Spiegelpaket genau prüfen!). Linke Spur: Erlaubt. Das ist im Jahr 2026 ein echter Luxus.

Innenraum: Wo ist mein Drehregler?!

Ich steige ein und greife ins Leere. BMW hat es getan. Sie haben den iDrive-Controller getötet. Auch im 2er Gran Coupé herrscht jetzt die „Touch-Diktatur“. Die Mittelkonsole ist leer, bis auf einen kleinen Wippschalter für die Gänge. Um die Karte zu zoomen, muss ich auf dem Display herumwischen. Um die Sitzheizung zu verstellen, muss ich ins Klima-Menü tippen. Während der Fahrt auf Kopfsteinpflaster ist das ein Ergonomie-Super-GAU. Das „Curved Display“ sieht brillant aus, keine Frage. Das Operating System 9 (Android-basiert) ist bunt und voller Apps. Ich kann im Stau Videospiele spielen. Toll. Aber ich kann nicht blind die Temperatur ändern. Das ist kein Fortschritt, das ist Sparmaßnahmen-Marketing.

Der Knock-Test: Das Armaturenbrett ist weich geschäumt, die Ziernähte (optional) sehen edel aus. Aber ab Kniehöhe regiert das Hartplastik. Die Türfächer klingen hohl, wenn man eine Wasserflasche hineinstellt. Hier merkt man den Unterschied zum 3er BMW deutlich. Der Family-Check: Ich stelle den Fahrersitz auf meine 1,85 Meter ein. Dann setze ich mich nach hinten. Ergebnis: Meine Knie berühren den Vordersitz leicht, aber mein Kopf? Der muss schiefgelegt werden. Die abfallende Dachlinie („Coupé“) raubt wertvolle Zentimeter. Wer größer als 1,75 Meter ist, sitzt hinten wie in einer Zwangsjacke. Isofix-Punkte sind vorhanden und gut zugänglich, aber das Einfädeln eines Kindersitzes durch die niedrige Türöffnung ist Rückenschule für Fortgeschrittene.

Fahrbericht: Fährt gut. Für einen Mini.

Wir drücken den Startknopf. Der Dreizylinder (1.5 Liter) im 220 schüttelt sich kurz. Ja, 170 PS (Systemleistung mit Mild-Hybrid) klingen okay, aber der Klang im Leerlauf erinnert eher an eine Nähmaschine als an einen bayerischen Motor.

Szenario Stadt: Hier glänzt er. Der E-Motor des 48-Volt-Systems bügelt das Turboloch weg. An der Ampel sprintet er zackig los. Die Lenkung ist direkt, fast schon nervös. Er wuselt durch den Verkehr wie ein Wiesel. Das Doppelkupplungsgetriebe (7-Gang) schaltet schnell, ruckelt aber beim Einparken manchmal unschön. Und natürlich: Der ISA-Warner (Speed Limit Assist). Er bimmelt bei 51 km/h. BMW hat zum Glück die „Set“-Taste am Lenkrad: Langes Drücken schaltet das Gebimmel aus. Danke, München!

Szenario Landstraße: Wir treiben ihn in die Kurve. Er lenkt zackig ein. Aber am Scheitelpunkt merkt man das Konzept: Er schiebt über die Vorderräder (Untersteuern). Nicht dramatisch, aber spürbar. Die „ARB-Technologie“ (Aktornahe Radschlupfbegrenzung) regelt das fein weg, aber das Gefühl, dass das Auto von hinten schiebt, fehlt. Er zieht halt. Es ist effizient, sicher, aber emotional so aufregend wie eine Excel-Tabelle.

Szenario Autobahn: Tempo 180. Der Dreizylinder knurrt angestrengt, hält aber das Tempo locker. Die Windgeräusche an den rahmenlosen Scheiben sind ab 160 km/h deutlich hörbar. Er liegt stabil, aber der kurze Radstand macht ihn bei Querfugen etwas hoppelig. Ein 3er liegt hier satter. Verbrauch Realitäts-Check: BMW verspricht 5,9 Liter.

  • Bei 130 km/h Tempomat: 6,8 Liter.
  • Stadtverkehr (dank Hybrid): 6,2 Liter.
  • Sportliche Fahrweise: 8,5 Liter. Das sind faire Werte. Man kann ihn sparsam bewegen, ohne ein Verkehrshindernis zu sein.

Technische Daten & Realitäts-Check

Datenpunkt
BMW 220 Gran Coupé (F74)
Alex Wind Kommentar
Motor
1.5 R3 Turbo + 48V MHEV
Dreizylinder. Klingt kernig, läuft rau.
Leistung
170 PS (125 kW)
Reicht völlig für den Alltag.
0-100 km/h
7,9 Sekunden
Fühlt sich dank E-Boost schneller an.
Vmax
230 km/h
Genug für die linke Spur.
Antrieb
Frontantrieb
Sicher, aber unsportlich.
Verbrauch (Test)
6,9 l/100km
Schnitt über alles.
Kofferraum
430 Liter
Öffnung ist klein, aber Volumen okay.
Preis (Basis)
ca. 42.500 €
Für einen Dreizylinder!
Preis (Testwagen)
56.800 €
M-Paket, Premium-Paket, 19 Zoll.

Konkurrenz-Check:

  • Mercedes CLA (Der neue): Fährt elektrisch oder als Hightech-Hybrid, wirkt moderner, ist aber noch teurer. Innenraum noch mehr „Disko“.
  • Audi A3 Limousine: Der konservative Gegner. Fährt sich gediegener, wirkt innen solider (weniger Hartplastik), ist aber technologisch (Infotainment) einen Schritt zurück.
  • Mazda 3 Fastback: Der Geheimtipp. Sieht besser aus, kostet 15.000 € weniger, hat einen Vierzylinder (!), aber ein veraltetes Infotainment.

Pro & Contra

  • Infotainment: Schnell, scharf, moderne Apps (wenn man Touch mag).
  • Fahrwerk: Straff, aber komfortabel genug. Sehr agil in der Stadt.
  • Verbrauch: Der Mild-Hybrid arbeitet effizient.
  • Preis: Fast 60.000 € für einen Kompaktwagen sind absurd.
  • Bedienung: Kein iDrive-Controller mehr = Ergonomie-Rückschritt.
  • Platz hinten: Nur für Kinder oder Kopflose geeignet.

Fazit: Alex Wind meint…

Der BMW 2er Gran Coupé (2026) ist ein gutes Auto, aber ein schwieriger BMW. Er ist perfekt für die „Generation Smartphone“, die Apps im Auto will und der es egal ist, welche Achse angetrieben wird. Er sieht teuer aus, er fährt sich sicher und zackig. Aber für den BMW-Fan der alten Schule ist er eine Enttäuschung. Der Wegfall des iDrive-Controllers schmerzt mehr als der Frontantrieb. Man fühlt sich, als würde man ein sehr teures iPad fahren.

Wem empfehle ich ihn: Leasing-Nehmern, die ein schickes, kompaktes Auto mit Top-Image suchen und meistens alleine oder zu zweit fahren.

Wem rate ich ab: Familien mit Teenagern (Kopffreiheit!) und Fahrern, die den klassischen „BMW-Punch“ von hinten erwarten. Kaufen Sie lieber einen jungen gebrauchten 3er (G20). Der ist das „echtere“ Auto.

FAQ

1. Ist das 2er Gran Coupé ein echter BMW? Technisch gesehen teilt er sich die Plattform mit dem Mini Countryman und dem BMW X1. Er fährt sich „BMW-typisch“ straff, aber die DNA (Hinterradantrieb, 50:50 Gewichtsverteilung) fehlt. Er ist ein BMW für die moderne Zeit, nicht für die Geschichtsbücher.

2. Reicht der Dreizylinder (220) oder muss es der Vierzylinder sein? Der Dreizylinder reicht zu 90%. Dank des E-Motors beim Anfahren wirkt er spritzig. Nur wer oft vollbeladen auf der Autobahn fährt oder den Sound hasst, sollte zum M235 xDrive greifen (der dann aber 70.000 € kostet).

3. Wie schlimm ist die Bedienung ohne Drehregler wirklich? Im Stand: Kein Problem. Während der Fahrt: Nervig. Besonders das Zoomen in der Karte oder das Scrollen durch lange Listen lenkt mehr ab als früher. Man gewöhnt sich daran, aber besser ist es nicht geworden.

Galerie


    ⚠️ Fehler im Artikel entdeckt?


    Helfen Sie uns kurz mit einem anonymen Hinweis:

    Spam-Schutz:

    Author: Alex Wind
    Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.