BMW 3er (G20) 2026 im Test: Der letzte echte Bayer im Schatten der neuen i3-Revolution

Ich feuere den BMW 320d Touring über die A9 in Richtung München, der Tacho pendelt entspannt bei 180 km/h, der Zweiliter-Diesel brummt leise im Hintergrund, und der Verbrauch steht bei lachhaften 6,2 Litern. Es ist die automobile Perfektion für die Langstrecke. Doch während ich das Lenkrad halte, höre ich im Radio die Nachrichten vom 18. März 2026: BMW hat soeben die serienreife „Neue Klasse“ (den vollelektrischen i3) mit 900 km Reichweite und einem Cockpit ohne klassische Instrumente vorgestellt. Ab 2027 wird das Stammwerk München ausschließlich diese Elektro-Raumschiffe bauen. In diesem Moment wird mir klar: Der Wagen, in dem ich gerade sitze, die legendäre G20-Baureihe mit echtem Verbrennungsmotor, ist plötzlich ein Dinosaurier. Ein fantastischer, hochgezüchteter Dinosaurier. BMW fährt nun eine radikale Doppelstrategie. Ich habe den 3er (Modelljahr 2026, nach dem zweiten Facelift) noch einmal gnadenlos getestet, um zu klären: Sollten Sie jetzt noch schnell den Verbrenner kaufen, bevor er verschwindet, oder auf die Elektro-Revolution warten?

Das Cockpit: Die letzte Bastion des iDrive-Controllers

Wenn Sie sich die Bilder des neuen elektrischen i3 ansehen, sehen Sie eine leere Fläche und das „Panoramic Vision“-Display auf der Windschutzscheibe. Keine Knöpfe, keine klassischen Tachos. Im aktuellen 3er G20 herrscht dagegen noch die (mittlerweile vertraute) Übergangswelt. Ja, wir haben das große „Curved Display“ mit dem Betriebssystem OS 8.5, das die physischen Klimatasten leider gefressen hat. Aber blicken Sie auf die Mittelkonsole: Dort thront er noch, der heilige Gral der Bedienung – der iDrive-Dreh-Drück-Steller! Sie können blind durch Menüs scrollen, während Sie mit 200 km/h über die Autobahn fliegen, ohne einen Touchscreen anvisieren zu müssen. Wenn die „Neue Klasse“ kommt, wird dieser Controller sterben. Wer also haptisches Feedback liebt, für den ist der aktuelle 3er der letzte Rettungsanker.

Die Verarbeitung im G20 ist über jeden Zweifel erhaben. Weiche Materialien, perfekte Spaltmaße und fantastische Sportsitze. Das Platzangebot im Fond des Touring (Kombi) ist für große Erwachsene zwar immer noch kein Tanzsaal, aber der 500-Liter-Kofferraum schluckt das Familiengepäck mühelos.

Der 320d auf der Autobahn: Warum der Diesel noch lebt

Kommen wir zum Maschinenraum. Während der neue i3 mit 800-Volt-Technik und 400 kW Ladeleistung protzt, kontert mein 320d xDrive mit purer, alter Physik. Ein 60-Liter-Tank und ein extrem effizienter Vierzylinder-Diesel mit 48-Volt-Mild-Hybrid-System. Das bedeutet: Ich tanke in exakt drei Minuten für 1.000 Kilometer Reichweite. Keine App, keine Ladekarte, kein Warten auf die freie Säule.

Das Fahrwerk des 3er G20 ist im Jahr 2026 so ausgereift, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Die Spreizung zwischen komfortablem Gleiten im Comfort-Modus und messerscharfer Präzision im Sport-Modus ist in dieser Klasse unerreicht. Die ZF-Achtgang-Automatik liest einem die Wünsche von den Augen ab. Wo ein VW-Doppelkupplungsgetriebe manchmal ruckelt, schiebt der BMW die Gänge seidenweich durch. Und trotz des massiven Gewichts von über 1,7 Tonnen lenkt der Touring ein wie ein Sportwagen. Es ist die Essenz dessen, wofür BMW einst berühmt wurde.

Die Doppelstrategie: Was passiert nun mit dem Verbrenner?

Die brennende Frage an den Stammtischen: Wird der klassische 3er jetzt eingestellt? Nein. BMW ist klug genug, seine profitabelste Kundschaft nicht vor den Kopf zu stoßen. Die G20-Baureihe wird parallel zur neuen elektrischen i3-Limousine weitergebaut und verkauft. Allerdings nicht mehr im Stammwerk München (das 2027 „Verbrenner-frei“ wird), sondern in Werken wie San Luis Potosí (Mexiko) oder Dingolfing. Wer also in den nächsten Jahren einen 3er Diesel oder Benziner will, bekommt ihn weiterhin – er wird nur schrittweise in den Schatten des technologischen Fortschritts rücken.

Technische Daten & Realitäts-Check

Kategorie
BMW 320d xDrive Touring (Modelljahr 2026)
Motor & Antrieb
2.0L 4-Zyl. Turbodiesel + 48V MHEV, Allrad
Leistung / Drehmoment
190 PS (+11 PS elektrisch) / 400 Nm
0-100 km/h / Vmax
7,4 s / 225 km/h
Testverbrauch (Mix)
6,2 l/100 km
Reichweite (Realität)
ca. 950 km pro Tankfüllung
Kofferraumvolumen
500 bis 1.510 Liter
Basispreis (Schätzung DE)
ab ca. 56.500 Euro (320d xDrive Touring)

Konkurrenz-Check

  • Mercedes-Benz C 220 d T-Modell: Der ewige Stuttgarter Rivale. Die C-Klasse fährt sich noch eine Spur komfortabler und glänzt mit dem riesigen, vertikalen MBUX-Touchscreen, der extrem flüssig läuft. Allerdings fehlt der C-Klasse die sportliche Schärfe des BMW-Fahrwerks, und der Vierzylinder-Diesel im Mercedes läuft unter Last minimal rauer als der extrem kultivierte Bayern-Motor.
  • Audi A5 Avant 2.0 TDI: Richtig gelesen, der A4 heißt bei Audi jetzt A5 (da gerade Zahlen für E-Autos reserviert sind). Der neue A5 punktet mit fantastischem Design und einer extrem aufgeräumten, hochwertigen Kabine. Der Frontantrieb (bei den Basismodellen) macht ihn aber fahrerisch etwas unaufgeregter als den hecklastig ausgelegten xDrive-Allrad des BMW.

Pro & Contra

  • Pro: Überragendes Fahrwerk – die perfekte Balance aus Sport und Langstreckenkomfort.
  • Pro: Der iDrive-Controller ist das mit Abstand beste Bedienkonzept der Automobilgeschichte.
  • Pro: Sensationell niedriger Verbrauch und 1.000 km Reichweite beim 320d.
  • Contra: Sehr hohe Anschaffungspreise und teure Aufpreislisten.
  • Contra: Keine physischen Tasten mehr für die Klimaanlage (nur noch via Touch/Sprache).
  • Contra: Das Image des Wagens wird bald vom neuen, elektrischen i3 überschattet.

Fazit: Alex Wind meint…

Klartext: Wer sich jetzt einen BMW 3er G20 kauft, erwirbt das vielleicht ausgereifteste Verbrenner-Auto, das die Münchner je gebaut haben. Er ist der absolute Safe-Space für alle, die von der Elektro-Euphorie, gigantischen Ladeleistungen und radikalen Touch-Konzepten wie dem „Panoramic Vision“ völlig überfordert sind.

Wem empfehle ich ihn: Den klassischen Außendienstlern, Autobahn-Pendlern und Traditionalisten. Wenn Sie haptische Drehregler (iDrive) lieben, den Geruch von Diesel schätzen und einfach nur in Ruhe 800 Kilometer am Stück fahren wollen, schlagen Sie jetzt zu. Dieser 3er wird als Legende in die Geschichte eingehen. Wem rate ich ab: Technologie-Vorreitern und Leuten, die das Neueste vom Neuen wollen. Wenn Sie im Herbst 2026 an der Ampel neben dem neuen BMW i3 (Neue Klasse) stehen, wird Ihr G20-3er schlagartig alt aussehen. Wer 400 kW Ladeleistung und das Cockpit der Zukunft will, muss sein Geld noch ein paar Monate zusammenhalten und auf den i3 warten.

FAQ

Stellt BMW den Benzin- und Diesel-3er bald komplett ein? Nein. BMW fährt die sogenannte „Doppelstrategie“. Der aktuelle 3er (G20/G21) wird noch mehrere Jahre parallel zum neuen vollelektrischen i3 angeboten. BMW will die Kunden bedienen, die (noch) nicht auf Elektro umsteigen können oder wollen, insbesondere in Märkten mit schwacher Ladeinfrastruktur.

Warum wird der aktuelle 3er bald nicht mehr in München gebaut? BMW hat im März 2026 bestätigt, dass das Stammwerk München ab Ende 2027 ausschließlich vollelektrische Fahrzeuge der „Neuen Klasse“ produzieren wird. Die Produktion der Verbrenner-Modelle (wie des G20 3er) wird in andere, weltweite Werke des Produktionsnetzwerks verlagert, um Platz für die Elektro-Revolution zu schaffen.

Wie wertstabil ist ein 320d jetzt noch? Trotz des Elektro-Booms sind effiziente und ausgereifte Diesel-Kombis wie der 320d Touring auf dem Gebrauchtwagenmarkt in Deutschland extrem begehrt. Da das Angebot an neuen Verbrennern perspektivisch schrumpft, rechnen Experten damit, dass gut gepflegte G20-Modelle in den nächsten Jahren eine überraschend hohe Wertstabilität aufweisen werden – gerade weil viele Käufer die radikale Digitalisierung der Nachfolgemodelle ablehnen.

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Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.


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