Erinnern Sie sich noch an den kollektiven Aufschrei im Jahr 2020? Als BMW das Tuch von der neuen 4er-Reihe zog und eine riesige, vertikal ausgerichtete Niere enthüllte, spuckten traditionelle Fans förmlich Gift und Galle. Begriffe wie „Biberzähne“, „Nasenbär“ oder „Design-Unfall“ dominierten die Foren.
Wir schreiben das Jahr 2026, das Facelift (LCI) ist vollzogen, und die automobile Welt hat sich dramatisch gedreht. Angesichts der teils absurden, futuristischen Design-Experimente mancher Konkurrenten wirkt der BMW 4er (Coupé G22, Cabrio G23, Gran Coupé G26) heute fast schon wie ein selbstbewusster, wunderschöner Klassiker. Er ist das maßgeschneiderte Automobil für alle, denen der 3er schlichtweg zu bieder und ein 8er finanziell zu entrückt ist.
Wir haben die beiden extremsten Pole der Baureihe getestet: Das vernünftige 420d Gran Coupé (den Bestseller für Flotten) und das offene, hochemotionale M440i Cabrio. Ist dieser Bayer tatsächlich mehr als nur ein 3er im schicken Party-Outfit, oder fordert das Design im Alltag zu viele schmerzhafte Kompromisse?
Technische Daten & Spezifikationen
Datenpunkt | BMW 420d Gran Coupé (MHEV) | BMW M440i xDrive Cabrio (MHEV) |
Motor & Antrieb | 2.0L R4 Turbodiesel (B47), RWD | 3.0L R6 Turbobenziner (B58), AWD |
Leistung / Drehmoment | 190 PS (140 kW) / 400 Nm | 374 PS (275 kW) / 500 Nm |
Getriebe | 8-Gang-Steptronic (ZF 8HP) | 8-Gang-Steptronic Sport (ZF 8HP) |
Fahrwerk | Doppelgelenk-Zugstrebe / Fünflenker | Adaptives M Fahrwerk |
0-100 km/h / Vmax | 7,3 s / 235 km/h | 4,9 s / 250 km/h (Abgeregelt) |
Testverbrauch (Mix) | ca. 5,5 – 6,2 l/100 km (Diesel) | ca. 8,5 – 9,5 l/100 km (Super Plus) |
Kofferraumvolumen | 470 – 1.290 Liter | 385 Liter (geschlossen) / 300 Liter (offen) |
Länge / Breite (m. Spiegel) | 4.783 mm / 2.073 mm (Baustellen-Sieg!) | 4.768 mm / 2.081 mm (Baustellen-Sieg!) |
Listenpreis (Real DE) | ab ca. 55.000 € | ab ca. 82.000 € |
Unterhalt, Dienstwagensteuer und das TCO-Kalkül
In der Total Cost of Ownership (TCO) liefert der 4er ein Bild, das Flottenmanager zwingend im Detail prüfen müssen. Zwar werben sowohl der 420d als auch der M440i mit einem 48-Volt-Bordnetz und einem 11 PS starken Startergenerator (MHEV). Doch machen wir uns nichts vor: Ein Mild-Hybrid qualifiziert sich in Deutschland für absolut keine steuerlichen Subventionen. Für Dienstwagenfahrer greift hier unerbittlich die volle 1,0%-Dienstwagenversteuerung auf den Bruttolistenpreis. Wer steuerlich sparen will, muss bei BMW zum rein elektrischen i4 greifen, der die Karosserie des Gran Coupés nutzt (0,25 %!).
Für Privatkäufer ist der M440i xDrive in der Versicherung ein äußerst teures Vergnügen, das die Kaskoprämien in die Höhe treibt. Doch die Mechanik entschädigt: Der B58-Sechszylinder und das ZF-Getriebe gelten als extrem robust und wartungsfreundlich, was den Wertverlust auf dem Gebrauchtwagenmarkt – insbesondere beim exklusiven Cabriolet – stark dämpft. Der 420d hingegen ist der ultimative Langstrecken-Sparer, der mit einer Tankfüllung mühelos die 1.000-Kilometer-Marke knackt und Flottenkosten extrem niedrig hält.
Design, Abmessungen & der Millimeter-Triumph im Alltag
Die 4er-Reihe ist eine optische Familie in der Familie. Das zweitürige Coupé besticht mit seiner klassischen, fließenden Linie. Das Cabriolet setzt Gott sei Dank wieder auf ein klassisches Stoffverdeck, was den Wagen im Vergleich zum stählernen Klappdach-Vorgänger optisch massiv entlastet und den Schwerpunkt senkt. Der heimliche Star ist jedoch das Gran Coupé: Vier Türen und eine riesige Heckklappe, vereint mit der sexy Silhouette des Zweitürers. Es ist schlichtweg das derzeit schönste Mittelklasse-Automobil auf dem Markt.
Das 2026er Facelift bringt zudem ein optisches Feuerwerk: Die Front wird nun serienmäßig von Adaptive Matrix-LED-Scheinwerfern mit stehender Tagfahrlicht-Grafik flankiert. Das absolute Highlight sind jedoch die (für den M440i serienmäßigen) Laserlicht-Rückleuchten. Feine Glasfaserbündel erzeugen einen glühenden, dreidimensionalen Lava-Effekt, der direkt vom limitierten M4 CSL adaptiert wurde.
Doch der wahre Segen lauert auf der Autobahn: Mit voll ausgeklappten Außenspiegeln misst das Gran Coupé 2.073 Millimeter (Coupé/Cabrio: 2.081 mm). Das juristische Urteil für Pendler lautet: Sieg! Die Nutzung der auf oftmals strengstens 2,1 Meter limitierten linken Überholspur in deutschen Autobahnbaustellen ist für Sie rechtlich und physikalisch völlig legal. Einzig im Parkhaus erfordert das Coupé höchste Vorsicht: Die endlos langen Türen verwandeln das Aussteigen in engen Lücken schnell in eine schweißtreibende Schlangenmenschen-Akrobatik.
Innenraum: Haptik-Check, Curved Display und der iDrive-Triumph
Wir lassen uns tief in die exzellenten, serienmäßigen Sportsitze fallen – man sitzt spürbar tiefer und integrativer als in der aufrechteren 3er-Reihe. Im Cabriolet reicht ein „Gurtbringer“ den Anschnallgurt höflich nach vorne (ein mechanisches Feature, das bei Beifahrern noch immer für echte „Ohhh“-Effekte sorgt). Das Armaturenbrett wird vom gewaltigen „Curved Display“ dominiert, das unter dem BMW Operating System 8.5 mit brillanter, an eine PlayStation erinnernde Grafik läuft.
Doch die eigentlich sensationelle Nachricht für die Verkehrssicherheit findet sich auf dem Mitteltunnel. Während BMW diesen bei neuen Modellen wie dem X1 oder 1er dem Rotstift opfert, dürfen 4er-Fahrer weiterhin jubeln: Der klassische iDrive-Dreh-Drück-Steller ist geblieben! Sie können durch komplexe Menüs navigieren oder die Navigationskarte zoomen, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von der Autobahn nehmen zu müssen. Zudem finden sich auf der Mittelkonsole für die Fahrmodi weiterhin echte Tasten, die sich blind erfühlen lassen. Zwar mussten die physischen Klimaregler in das Touch-Display umziehen (ein schmerzhafter Kompromiss), doch allein der Erhalt des iDrive-Controllers macht die Ergonomie des 4ers dem touch-verseuchten Mercedes CLE haushoch überlegen.
Antrieb und Fahrdynamik: Der B58-Kult und das NVH-Niveau
Die mechanische Trennung vom 3er findet primär beim Fahrwerk statt. BMW hat die hintere Spur beim 4er um satte 23 Millimeter verbreitert und die Karosserie mit zusätzlichen Streben massiv versteift.
Im 420d Gran Coupé liefert der 2.0-Liter-Vierzylinder-Diesel 190 PS. Er drückt dank 400 Nm kräftig durch, läuft nach dem Kaltstart extrem kultiviert und harmoniert perfekt mit der 8-Gang-Steptronic. Das Fahrwerk federt verbindlich, aber niemals unkomfortabel. Das NVH-Niveau auf der Autobahn ist fantastisch; dank der tollen Aerodynamik reisen Sie im Gran Coupé bis Tempo 160 flüsterleise.
Der M440i xDrive Cabrio hingegen ist die ultimative Genussmaschine. Der B58-Reihensechszylinder (374 PS) ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Er schiebt so turbinenartig und verzögerungsfrei an, dass man den nervösen M4 im Alltag keine Sekunde vermisst. Trotz Otto-Partikelfilter (OPF) klingt er beim Hochdrehen sonor und metallisch rein. Die Karosserie des Cabrios zittert selbst auf üblen Landstraßen praktisch nicht; die Versteifungen sind extrem effektiv. Öffnet man das in 18 Sekunden elektrisch zurückfahrende Stoffdach und aktiviert den wohlig warmen Nackenföhn, verliert man sich im reinen Fahrgenuss. Bei geschlossenem Verdeck ist das NVH-Niveau bis 130 km/h exzellent, darüber dringen jedoch unvermeidbare Windgeräusche durch die Stoffhaut in den Innenraum.
Platzangebot für Familien und Freizeit
Hier fordert die schöne Form ihren pragmatischen Tribut. Im zweitürigen Coupé und Cabriolet gleicht der Fond für Erwachsene einer dunklen Strafbank. Zudem gilt beim offenen 4er: Wenn das serienmäßige Windschott über den Rücksitzen montiert ist (was auf der Autobahn zwingend nötig ist, um Orkane im Innenraum zu vermeiden), verkommt das Cabriolet ohnehin zum reinen Zweisitzer mit erweiterter Gepäckablage. Der Kofferraum schluckt geschlossen mäßige 385 Liter, bei offenem Dach schrumpft er auf 300 Liter.
Das Gran Coupé ist hingegen das „Packaging-Wunder“ der Baureihe. Auf der Rückbank reisen zwei Erwachsene dank der ausgeformten Sitze überraschend bequem, auch wenn die abfallende Dachlinie große Frisuren leicht touchiert. Die riesige, weit öffnende Heckklappe gibt den Zugang zu 470 Litern Volumen frei. Wer die Sitze umklappt, lädt sperrige Güter im Gran Coupé fast so souverän ein wie im 3er Touring.
Anhängelast, Getriebe und Wintertauglichkeit
Selbst ein Sport-Coupé muss im DACH-Raum alltagstauglich sein: Das 420d Gran Coupé darf 1.600 Kilogramm ziehen, der M440i nimmt sogar beachtliche 1.800 kg gebremste Anhängelast an den Haken. Die ZF-Wandlerautomatik manövriert Anhänger an der Slipanlage absolut souverän.
Im Winter offenbart der M440i xDrive seine brillante Abstimmung. Das Allradsystem ist extrem hecklastig ausgelegt. Im Sport-Plus-Modus lässt er das Heck beim Herausbeschleunigen aus verschneiten Kehren herrlich tänzeln, wird jedoch von der Elektronik narrensicher eingefangen. Es ist der perfekte Spagat aus Sicherheit und purer Fahrfreude.
Konkurrenz-Check
Die dynamische Mittelklasse im Premium-Duell:
Feature | BMW 4er (LCI) | Audi A5 (B10, ehem. A4) | Mercedes CLE Coupé |
Motor-Highlight | 3.0L R6 (B58) | 3.0L V6 TFSI (S5) | 3.0L R6 (CLE 450) |
Ergonomie | iDrive-Controller & Tasten | Touch-lastig | Touch-Wüste (MBUX) |
Fahrwerk | Agil, steif, hecklastig | Neutral, komfortabel | Sänfte, sehr weich |
Karosserie | Coupé, Cabrio, Gran Coupé | Limousine, Avant | Coupé, Cabrio |
Preis (Start) | ab ca. 55.000 € | ab ca. 45.200 € | ab ca. 58.000 € |
Analyse: Das Mercedes CLE Coupé (das C- und E-Klasse Coupé vereint) ist der perfekte Boulevard-Cruiser. Er federt weicher als der BMW, enttäuscht ambitionierte Fahrer jedoch mit einem völlig schwammigen Einlenkverhalten und einer gefährlichen, reinen Touch-Bedienung. Der nagelneue Audi A5 (B10) bietet als Fünftürer ein grandioses Platzangebot und hervorragenden Komfort, agiert fahrerisch durch sein Frontantriebs-Erbe jedoch etwas stumpfer auf der Landstraße. Der BMW 4er gewinnt das Duell souverän: Er bietet mit dem B58 den besten Sechszylinder der Welt, deklassiert die Konkurrenz in der Kurvendynamik und rettet durch den iDrive-Controller die Ergonomie-Krone der Mittelklasse.
Pro & Contra
- ✅ Der B58-Motor: Der Reihensechszylinder im M440i ist ein seidenweiches, druckvolles Meisterwerk ohne erkennbare Turbolöcher.
- ✅ Ergonomie-Triumph: Der iDrive-Dreh-Drück-Steller und physische Tasten auf dem Mitteltunnel garantieren blinde Bedienbarkeit.
- ✅ Baustellen-Freigabe: Mit 2,07 bis 2,08 Metern Breite (inkl. Spiegel) ist die oftmals schmale linke Autobahnspur völlig legal nutzbar.
- ✅ Gran Coupé Variabilität: Die große Heckklappe und vier Türen machen die schönste Karosserie der Baureihe extrem alltagstauglich.
- ❌ Parkplatz-Drama (Coupé): Die extrem langen Türen des Zweitürers erfordern beim Aussteigen in Garagen absolute Akrobatik.
- ❌ TCO für Flotten: Keine Steuervorteile (volle 1,0%-Besteuerung), da die Mild-Hybride nicht als Plug-in-Modelle qualifizieren.
- ❌ Fond-Platz (Cabrio): Mit montiertem Windschott wird das Cabriolet zum reinen Zweisitzer degradiert.
- ❌ Übersichtlichkeit: Die breite C-Säule und die flache Heckscheibe zwingen beim Rangieren zum permanenten Blick auf die Kameras.
Alex Wind meint:
Der BMW 4er (2026) ist objektiv betrachtet ein unvernünftiges Automobil. Er ist spürbar teurer als ein technisch ähnlicher 3er, bietet im Fond (außer beim Gran Coupé) weniger Platz und liefert eine Übersichtlichkeit, die Kameras zur Lebensversicherung macht.
Aber exakt diese Unvernunft macht ihn derart begehrenswert! Er ist ein massives Statement für provokantes Design und pure, mechanische Fahrfreude. Das Gran Coupé ist dabei der vielleicht genialste Kompromiss der aktuellen Automobilwelt: Er sieht aus wie ein angriffslustiger Sportwagen, schluckt Gepäck aber fast wie ein Kombi. Das M440i Cabriolet ist einer der letzten offenen Viersitzer mit einem famosen Sechszylinder auf dem Markt.
Wem empfehle ich dieses Auto? Jedem Individualisten, der den 3er als zu bieder empfindet, Flottenkunden, die im 420d einen todschicken 1.000-km-Gleiter suchen, und natürlich jedem Liebhaber klassischer Bedien-Ergonomie (iDrive!). Wem rate ich jedoch strikt ab? Familien, die oftmals vier Erwachsene transportieren müssen, und Besitzern von alten, extrem engen Tiefgaragen (aufgrund der Coupe-Türen). Wer jedoch noch echtes Benzin im Blut hat, sollte hier sofort zugreifen. Der Nachfolger der Baureihe auf der „Neuen Klasse“ wird höchstwahrscheinlich rein elektrisch. Genießen wir diesen bayerischen Meisterwurf, solange wir ihn noch dürfen.
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Dieses Fahrzeug wurde nach unserer standardisierten HH-AUTO Testmethodik auf der Straße getestet.
Faktengeprüft und freigegeben von: Das HH-AUTO Redaktionsteam
















