39.000 € für den China-Stromer? Great Wall Motors teurer Angriff auf VW & Co.

GWM ORA 03: Preis & Marktstart in Österreich ab 38.990 €
Foto: Great Wall Motors

Der chinesische Autoriese Great Wall Motor (GWM) greift mit seiner Marke ORA und dem Kompakt-Crossover ORA 03 (ehemals Funky Cat) die etablierte europäische Konkurrenz um den VW ID.3 an. Mit eigenwilligem Retro-Design, hochwertigen Soft-Touch-Materialien und 4,24 Metern Außenlänge will der Stromer Lifestyle und Alltag verbinden.

Mit 126 kW (171 PS) an der Vorderachse und einer 63-kWh-Batterie verspricht der Chinese rund 420 Kilometer Reichweite. Doch bei Einstiegspreisen ab 38.990 Euro gerät der ORA 03 in Bedrängnis: Träge Ladekurven von maximal 67 kW DC und astronomisch hohe Typklasseneinstufungen in der Kaskoversicherung belasten die Gesamtwirtschaftlichkeit spürbar.

Welche GWM-Modelle (Ora, Wey) kommen zu welchen Preisen nach Europa?

Great Wall Motor verfolgt eine Zwei-Marken-Strategie, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Auf der einen Seite steht ORA als rein elektrische, design- und lifestyleorientierte Marke. Auf der anderen Seite positioniert sich WEY als Premium-Anbieter mit einem klaren Fokus auf hochkomplexe Plug-in-Hybrid-Technologie. Beide Marken nutzen die gleiche technische Basis, die sogenannte „L.E.M.O.N.“-Plattform, die sowohl für reine BEVs als auch für PHEVs skalierbar ist.

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GWM ORA 03: Design-Ikone mit technischer Achillesferse

Der ORA 03, bis vor kurzem noch als „Funky Cat“ bekannt, ist das Aushängeschild der Elektro-Offensive. Mit seinen runden Kulleraugen-Scheinwerfern und der knuffigen Form zielt er direkt auf das Herz von Kunden, die bisher einen Mini Electric oder einen Fiat 500e in Betracht gezogen haben. Doch mit einer Länge von 4,24 Metern spielt er eher in der Liga eines VW ID.3. Preislich positioniert GWM ihn jedoch klar oberhalb der reinen Budget-Konkurrenz. Die Basisversion „300“ mit einem 48 kWh großen LFP-Akku (Lithium-Eisenphosphat) für 310 km WLTP-Reichweite kostet im Modelljahr 2026 bereits 38.990 Euro. Für die reichweitenstärkere „400 Pro“-Variante mit 63-kWh-NMC-Akku (Nickel-Mangan-Cobalt) und 420 km WLTP-Reichweite werden mindestens 42.490 Euro fällig.

Das eigentliche Problem des ORA 03 offenbart sich jedoch erst auf der Langstrecke: die Ladeleistung. Während die Konkurrenz längst auf Ladeleistungen von 120 kW bis 170 kW setzt, dümpelt der ORA 03 mit maximal 64 kW (kleiner Akku) bzw. 67 kW (großer Akku) am unteren Ende der Skala. Schlimmer noch: Diese Spitzenleistung wird nur sehr kurz gehalten. Tests und Nutzerberichte aus Deutschland zeigen, dass die Ladekurve früh einbricht, was einen Ladestopp von 20 auf 80 Prozent auf quälend lange 45 Minuten und mehr ausdehnt. Für ein Auto dieser Preisklasse ist das im Jahr 2026 schlichtweg nicht mehr konkurrenzfähig und degradiert den ORA 03 zum reinen Stadtauto für Eigenheimbesitzer mit Wallbox.

GWM WEY 05: Der PHEV-Exot mit versteckten Kosten

Ganz anders tritt der WEY 05 auf. Dieses fast 4,90 Meter lange SUV ist ein technologischer Leckerbissen. Sein Plug-in-Hybrid-System kombiniert einen 2.0-Liter-Turbobenziner mit zwei Elektromotoren zu einer Systemleistung von 476 PS. Das wahre Highlight ist jedoch der für einen PHEV gigantische Akku mit fast 40 kWh Kapazität. Er ermöglicht eine rein elektrische WLTP-Reichweite von bis zu 146 Kilometern – ein Wert, den viele Kleinwagen-BEVs kaum übertreffen. Im ADAC Ecotest wurden realistische 115-125 km bestätigt. Als absolutes Alleinstellungsmerkmal kann der WEY 05 zudem mit bis zu 50 kW an einer DC-Schnellladesäule geladen werden. Ein Pendler könnte so theoretisch den gesamten Arbeitsweg elektrisch zurücklegen und bei Bedarf unterwegs schnell „nachladen“.

Dieser technologische Vorsprung hat seinen Preis. Mit einem Einstiegspreis von 59.900 Euro für die „Premium“-Ausstattung ist der WEY 05 kein Schnäppchen. Doch die wahren Kosten lauern im Kleingedruckten. Ist der Akku leer, genehmigt sich der Vierzylinder auf der Autobahn laut Besitzerberichten zwischen 9 und 11 Liter Super pro 100 km. Ein noch größerer Kostentreiber ist die Versicherungseinstufung: Mit den Typklassen 20/25/27 (Haftpflicht/Teilkasko/Vollkasko) ist er extrem teuer im Unterhalt. Die Vollkasko-Klasse 27 liegt auf dem Niveau von hochmotorisierten Sportwagen und macht jeden Preisvorteil bei der Anschaffung zunichte. Ein signifikanter, versteckter Kostenfaktor, den Verkäufer gerne verschweigen.

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Die Rolle von Importeur Emil Frey: Warum die Partnerschaft entscheidend ist

Der vielleicht cleverste Schachzug von GWM in Europa ist nicht die Technik, sondern die Wahl des Partners. Mit der Schweizer Emil Frey Gruppe hat man sich den größten und renommiertesten Automobilhändler Europas ins Boot geholt. Diese Partnerschaft ist der Schlüssel, um die größte Hürde für neue Marken zu überwinden: den Aufbau eines glaubwürdigen und flächendeckenden Vertriebs- und Servicenetzes. Während andere chinesische Hersteller wie Nio oder Xpeng Milliarden in den Aufbau eigener Showrooms und Werkstätten investieren, kann GWM auf einen Schlag auf hunderte etablierte Standorte zurückgreifen.

Für den Kunden bedeutet das eine enorme Risikominimierung. Statt sich auf ein Start-up mit ungewisser Zukunft einzulassen, kauft man sein Fahrzeug bei einem Händler, den man seit Jahrzehnten kennt und der auch Marken wie Mercedes, BMW oder Ford vertritt. Das schafft Vertrauen in Service, Garantieabwicklung und Ersatzteilversorgung – zumindest in der Theorie. Die Expansion nach Österreich ist die logische Fortsetzung dieser Strategie. Emil Frey ist auch in der Alpenrepublik stark vertreten und kann den Marken ORA und WEY quasi über Nacht eine landesweite Präsenz verschaffen. Diese Vorgehensweise erinnert an die Partnerschaft zwischen Stellantis und Leapmotor, bei der ein etablierter Konzern einem chinesischen Newcomer den Zugang zum europäischen Markt ebnet.

Zeitplan für Deutschland: Was bedeutet die Österreich-Expansion für den deutschen Markt?

Die Frage nach dem „Wann“ für Deutschland ist obsolet, denn GWM ist bereits da. Der Start in Österreich ist vielmehr ein Signal für die nächste Stufe: die Beschleunigung. Die erste Phase in Deutschland kann als eine Art Pilotprojekt verstanden werden, in dem Emil Frey und GWM Erfahrungen mit den Produkten, den Kundenreaktionen und den Serviceprozessen sammelten. Die nun erfolgte Ausweitung auf einen weiteren wichtigen DACH-Markt zeigt, dass die Partner mit den Ergebnissen zufrieden genug sind, um die Investitionen hochzufahren.

Für den deutschen Markt bedeutet dies wahrscheinlich eine baldige Erweiterung des Modellportfolios. Der kleinere SUV-Bruder des WEY 05, der WEY 03 (ehemals Coffee 02), steht bereits in den Startlöchern und könnte eine attraktive Alternative zum VW Tiguan oder Hyundai Tucson darstellen. Auch bei ORA sind weitere Modelle denkbar. Viel wichtiger wird jedoch sein, ob GWM die fundamentalen Schwächen der bestehenden Modelle adressiert. Ein Facelift für den ORA 03 mit einer konkurrenzfähigen Ladeleistung (mindestens 100 kW als stabiler Wert) ist überfällig. Ohne dieses technische Upgrade wird das Auto trotz seines charmanten Designs ein Nischenprodukt bleiben. Die chinesische Automobil-Offensive wird eben nicht nur mit Design, sondern mit harten technischen Fakten geführt.

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Wie reagieren VW, Mercedes & Co. auf die neue Konkurrenz aus China?

Die etablierten europäischen Hersteller beobachten die Entwicklung genau, verfallen aber nicht in Panik. Der Grund: Die chinesischen Newcomer kochen auch nur mit Wasser und haben, wie GWM zeigt, ihre eigenen, teils gravierenden Schwächen. Der GWM ORA 03 mag im Innenraum mit netten Materialien und einem verspielten Design punkten, doch im direkten Vergleich mit der europäischen Konkurrenz offenbaren sich die Defizite schonungslos.

Modell
GWM ORA 03 (400 Pro)
VW ID.3 (Pro)
Cupra Born (58 kWh)
MG4 Electric (Comfort)
Einstiegspreis (2026)
42.490 €
ca. 41.000 €
ca. 41.500 €
ca. 37.000 €
Systemleistung
171 PS / 126 kW
204 PS / 150 kW
231 PS / 170 kW
204 PS / 150 kW
Batterie (netto)
63,1 kWh (NMC)
58 kWh
58 kWh
61,7 kWh
Max. DC-Ladeleistung
67 kW
120 kW
120 kW
135 kW
WLTP-Reichweite
420 km
429 km
425 km
450 km
Kofferraumvolumen
228 – 858 L
385 – 1.267 L
385 – 1.267 L
363 – 1.177 L

Die Tabelle macht es deutlich: In fast allen rationalen Metriken ist der ORA 03 unterlegen. Die Ladeleistung ist nur halb so hoch wie bei der Konkurrenz, was auf Reisen einen massiven Nachteil darstellt. Das Kofferraumvolumen ist für ein Kompaktauto indiskutabel klein. Hinzu kommen Software-Probleme, die in zahlreichen Tests und von Besitzern kritisiert werden. Insbesondere der überempfindliche Fahreraufmerksamkeits-Assistent, der den Fahrer permanent mit „Hallo, bitte nicht ablenken lassen!“ gängelt, treibt viele zur Verzweiflung. Ein offizieller KBA-Rückruf (Referenz 012683) wegen fehlerhafter Software, die zum plötzlichen Verlust des Vortriebs führen kann, untergräbt das Vertrauen zusätzlich. Dies sind Probleme, die andere chinesische Marken wie Dongfeng mit seinen Premium-Modellen ebenfalls erst in den Griff bekommen müssen.

Die deutschen Hersteller kontern derweil nicht mit Preissenkungen, sondern mit einer Stärkung ihrer Kernkompetenzen: ausgereifte Software, überlegene Fahrwerke, Effizienz und der Aufbau nachhaltiger Lieferketten. So sichert sich beispielsweise Volkswagen CO2-neutrales Lithium aus Deutschland, um die Abhängigkeit von Asien zu reduzieren und die Ökobilanz zu verbessern. Am Ende wird der Kunde entscheiden, ob ihm ein schickes Design und eine lange Ausstattungsliste wichtiger sind als technische Ausgereiftheit, ein praxistauglicher Kofferraum und schnelle Ladezeiten. Der Markteintritt von GWM in Österreich ist somit weniger eine Bedrohung als vielmehr eine wichtige Bereicherung des Marktes, die den Wettbewerb belebt und die Schwächen aller Anbieter deutlicher zutage treten lässt.

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Alex Winds Urteil: Ideal für urbane Ästheten, ungeeignet für Langstreckenfahrer

Der Markteintritt von Great Wall Motor in Österreich ist wie ein Blick durch ein Vergrößerungsglas auf die gesamte chinesische Auto-Offensive. Er entlarvt den Mythos des billigen Angreifers und zeigt stattdessen das Bild eines selbstbewussten, professionell agierenden Konzerns, der sich seiner Stärken und Schwächen sehr bewusst ist. Die Partnerschaft mit Emil Frey ist ein Geniestreich, der die Achillesferse aller Newcomer – das fehlende Vertriebs- und Servicenetz – elegant heilt. Das ist kein Garagen-Importeur, das ist ein Angriff, der über die etabliertesten Strukturen des europäischen Automobilhandels geführt wird. Anschnallen.

Doch die Produkte selbst sind ein zweischneidiges Schwert. Der ORA 03 ist eine Festung aus verspieltem Design und netten Materialien, die auf einem technisch wackeligen Fundament steht. Seine Ladeleistung ist ein technischer Anachronismus, ein digitaler Unfug, der ihn für jeden, der mehr als nur den Weg zum Supermarkt zurücklegt, disqualifiziert. Er ist ein Auto für den urbanen Ästheten mit eigener Garage, der Ladezeiten ignorieren kann und für den das Auto mehr Modeaccessoire als Fortbewegungsmittel ist. Für Langstreckenfahrer ist er ein fataler Trugschluss.

Der WEY 05 hingegen ist ein Geist aus einer anderen Automobilwelt. Die Idee, einen PHEV mit einer riesigen Batterie und DC-Ladefähigkeit auszustatten, ist brillant und seiner Zeit voraus. Er ist das perfekte Auto für den Pendler mit 50 km Arbeitsweg, der zu Hause und im Büro laden kann und den Verbrenner nur als Notreserve für den Jahresurlaub sieht. Für diesen spezifischen Anwendungsfall ist er unschlagbar. Für alle anderen wird er zum finanziellen Bumerang: Der hohe Realverbrauch bei leerem Akku und die horrenden Versicherungseinstufungen fressen jeden Vorteil auf. Er ist ein Spezialwerkzeug, kein Schweizer Taschenmesser.

Die Lektion aus dem GWM-Start in Österreich ist daher klar: Die chinesische Konkurrenz ist ernst zu nehmen, aber nicht unfehlbar. Sie zwingt die europäischen Hersteller, ihre eigenen Tugenden zu schärfen – Effizienz, Software-Stabilität und Ingenieurskunst. Für den Kunden bedeutet es mehr Auswahl, aber auch die Pflicht, genauer hinzusehen. Denn hinter der glänzenden Fassade aus Touchscreens und veganem Leder lauern mitunter technische und finanzielle Fallstricke, die aus dem vermeintlichen Schnäppchen schnell einen teuren Kompromiss machen können. Der Weckruf aus dem Reich der Mitte ist da, aber die Antwort aus Wolfsburg, Stuttgart und München wird nicht lange auf sich warten lassen.


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