Alle Welt schreit nach SUVs. Und was macht Kia? Sie bauen eine Limousine. Ende 2025, wo selbst VW darüber nachdenkt, ob der ID.7 nicht zu groß geraten ist, bringt Kia den EV4 in Stellung. Er ist der geistige Bruder des kompakten SUV EV3, aber er tauscht Höhe gegen Aerodynamik. Das Ziel ist klar definiert und heißt Tesla Model 3. Während das Tesla-Facelift („Highland“) den Markt dominiert, setzt der Kia EV4 auf radikales Design („Opposites United“) und einen Innenraum, der eher nach Lounge als nach Raumschiff aussieht. Aber reicht das? Ich habe mir die Daten und die seriennahe Version des Modelljahres 2026 angesehen. Ist das der „Baby-Stinger“, den wir uns gewünscht haben, oder nur ein flachgedrückter EV3?
Die Technik: Warum 400 Volt hier Sinn ergeben
Der Kia EV4 teilt sich die technische Basis mit dem EV3 (E-GMP Small). Das bedeutet: Frontantrieb im Basismodell und eine 400-Volt-Architektur. Die Akkus sind identisch: 58 kWh (Standard) und 81 kWh (Long Range).
Hier werden die Tech-Nerds aufschreien. „Keine 800 Volt wie beim EV6? Skandal!“ Aber halt. Atmen Sie durch. Ja, der EV4 lädt „nur“ mit ca. 135 kW bis 150 kW. Aber schauen Sie auf den Preis und den Einsatzzweck. Um das Tesla Model 3 preislich zu unterbieten (Ziel: Start unter 38.000 Euro), musste Kia den Rotstift ansetzen. Und der Tausch ist fair: Dank der flachen Silhouette und der besseren Aerodynamik wird der EV4 mit dem großen 81-kWh-Akku zum Reichweiten-Monster. Während der kastige EV3 schon 600 km schafft, dürfte der EV4 an der 650-km-Marke kratzen (WLTP). Das bedeutet reale Autobahn-Etappen von 450 km. Wer braucht da 800 Volt, wenn er eh seltener lädt? Für die Vertreter-Flotte ist dieses Auto ein Traum: Günstiger als ein ID.7, cooler als ein Model 3.
Design: Mutig oder „Drüber“?
Die Front zitiert den EV9 mit der „Tiger Face“-Lichtsignatur. Das Heck fällt steil ab, fast wie ein Shooting Brake, endet aber in einem kantigen Spoiler-Bürzel.
Kia hat Mut. Das muss man ihnen lassen. Der EV4 sieht aus, als wäre er direkt aus einem Cyberpunk-Comic gefallen. In einer Welt von rundgelutschten EQS und ID.7 wirkt der EV4 kantig, aggressiv und präsent. Das Heck wird polarisieren. Manche werden sagen, es sieht „unfertig“ aus. Ich sage: Es hat Charakter. Es erinnert entfernt an den legendären Kia Stinger, nur eben futuristisch interpretiert. Ein praktisches Problem sehe ich aber: Die Ladeöffnung ist (wie beim EV3) vorne rechts. Für Längsparker in der Stadt okay, an Superchargern (mit kurzen Kabeln) muss man aber vorwärts reinfahren, was oft eng wird.
Innenraum: Das „Cocoon“-Konzept
Das Cockpit verzichtet fast vollständig auf die Mittelkonsole im klassischen Sinne und schafft einen offenen Raum. Die Materialien sind zu fast 100% recycelt (Hanf, Baumwolle, Biokunststoff). Das Display-Setup entspricht dem neuen Kia-Standard (ccNC).
Wenn Tesla „Minimalismus“ sagt, meinen sie oft „Wir sparen Geld“. Wenn Kia beim EV4 „Minimalismus“ sagt, meinen sie „Wohnzimmer“. Die Stoffe fühlen sich warm an, die Farben sind erdig (kein tristes Schwarz in Schwarz). Das Highlight ist die verschiebbare Tisch-Konsole (bekannt aus dem EV3), die den EV4 zum mobilen Büro macht. Und – Gott sei Dank – Kia behält ein paar physische Tasten. Nicht viele, aber genug, um nicht wahnsinnig zu werden. Das Platzangebot im Fond? Dank des langen Radstands der E-GMP-Plattform sitzen Sie hier besser als im Model 3, auch wenn die Kopffreiheit durch die Coupé-Linie für Sitzriesen über 1,90 Meter knapp werden könnte.
Fahrverhalten: Endlich wieder tief sitzen
Der EV4 hat einen deutlich tieferen Schwerpunkt als der EV3. Eine GT-Version mit Dual-Motor (AWD) ist für später geplant, zum Start dominiert der Frontantrieb mit 150 kW (204 PS).
SUVs sind praktisch, aber fahrdynamisch immer ein Kompromiss. Der EV4 bringt uns zurück auf den Boden der Tatsachen – im positiven Sinne. Man sitzt tiefer, integrierter im Auto. Das Wanken in Kurven dürfte minimal sein. Auch wenn der Frontantrieb mit 204 PS keine Bäume ausreißt (0-100 in ca. 7,5 Sek.), wird sich der EV4 agiler und sportlicher anfühlen als sein SUV-Bruder. Er ist das Auto für Leute, die fahren wollen, nicht nur transportiert werden. Und ich hoffe inständig, dass Kia die GT-Version (Allrad) schnell nachschiebt. Dieses Chassis schreit nach 300 PS.
Preis-Prognose: Der Angriff auf die Firmenwagen-Policy
Analysten erwarten einen Einstiegspreis von ca. 37.000 Euro für den kleinen Akku und ca. 42.000 Euro für den Long Range (81 kWh).
Das ist der Sweetspot. Ein Tesla Model 3 kostet (Ende 2025) ca. 42.000 Euro in der Basis. Ein VW ID.7 kostet weit über 50.000 Euro. Der Kia EV4 füllt genau die Lücke, die der Hyundai Ioniq 6 (zu teuer, zu speziell) offen gelassen hat. Für Dienstwagenfahrer, die die 0,25%-Versteuerung nutzen wollen (Grenze liegt bei 70.000 Euro, aber Budgetgrenzen der Firmen oft bei 50.000 Euro), ist der EV4 Long Range das perfekte Paket: Maximale Reichweite für minimales Geld.
Die Limousinen-Schlacht 2026
Feature | Kia EV4 Long Range (Prognose) | Tesla Model 3 Long Range (RWD) | Hyundai Ioniq 6 (Facelift) |
Akku | 81,4 kWh | ca. 75 kWh | 84 kWh |
Reichweite (WLTP) | ca. 650 km | ca. 700 km | ca. 660 km |
Laden (10-80%) | 30 Min (400V) | 20 Min (Supercharger) | 18 Min (800V) |
Antrieb | FWD (Front) | RWD (Heck) | RWD (Heck) |
Kofferraum | Limousine (kleine Klappe?) | Limousine (kleine Klappe) | Limousine (kleine Klappe) |
Preis | ab ca. 42.000 € | ab ca. 46.000 € | ab ca. 48.000 € |
Fazit: Die vernünftige Rebellion
Der Kia EV4 ist das mutigste Auto, das Kia seit langem gebaut hat. Nicht wegen der Technik (die ist solide Hausmannskost aus dem EV3), sondern wegen der Form. Er wettet darauf, dass es da draußen noch Menschen gibt, die keine Schrankwand fahren wollen. Wenn Sie ein Tesla Model 3 zu steril finden und einen Ioniq 6 zu „rundgelutscht“, dann ist der EV4 Ihre Rettung. Er bietet die beste Reichweite pro Euro im gesamten Kia-Portfolio. Mein Rat: Warten Sie auf die ersten Leasing-Angebote Anfang 2026. Kia wird dieses Auto aggressiv in den Markt drücken, um Marktanteile von Tesla zurückzuholen. Seien Sie bereit.





















