Kia Picanto (2026): Der letzte Samurai der City-Klasse hat sein Schwert verloren

Es ist ein Massensterben. Der VW Up ist tot. Der Ford Fiesta ist tot. Der Renault Twingo (der alte) ist tot. Wer heute einen echten Kleinstwagen mit Verbrenner sucht, landet fast zwangsläufig beim Kia Picanto. Zum Modelljahr 2026 hat Kia dem Kleinen noch einmal eine große Operation spendiert. Er trägt jetzt stolz das „Tiger Face“ und die vertikale Lichtsignatur des riesigen EV9. Er sieht böse aus. Er sieht breit aus. Er sieht aus, als würde er die linke Spur fressen. Aber der Schein trügt. Denn Kia hat dem Picanto das Herz herausgerissen. Der geliebte 1.0 T-GDI Turbomotor (100 PS), der den Zwerg zum GTI-Schreck machte, ist Geschichte. Gestrichen wegen Euro 7. Was bleibt, sind Saugmotoren und ein Design, das Versprechen macht, die das Gaspedal nicht halten kann. Ich bin den „neuen“ Picanto als 1.2 DPI GT-line gefahren. Ist er der König der Stadt oder ein überteuerter Blender?

Der Antrieb: Wo ist der Schub hin?

Der 1.2-Liter-Vierzylinder-Saugmotor leistet 58 kW (79 PS) und 113 Nm Drehmoment. 0-100 km/h dauern 13,1 Sekunden (Handschalter). Alternativ gibt es das automatisierte Schaltgetriebe (AMT).

Hier müssen wir tapfer sein. Der alte Picanto GT mit 100 PS war eine Rakete. Der neue GT-line mit 79 PS ist… ein Auto. In der Stadt ist der 1.2er Sauger völlig okay. Er ist leiser als die Dreizylinder der Konkurrenz (danke, 4 Zylinder!) und schwimmt gut mit. Aber auf der Landstraße oder der Autobahnauffahrt? Sie treten das Pedal durch, der Motor heult auf, und es passiert wenig. Sie müssen schalten, schalten, schalten. Apropos Schalten: Tun Sie sich einen Gefallen und nehmen Sie den Handschalter. Das optionale AMT-Getriebe (automatisiertes Schaltgetriebe) ist eine technische Frechheit im Jahr 2026. Es nickt bei jedem Schaltvorgang wie ein Wackeldackel („Gedenksekunde“). Es raubt dem Auto jede Würde. Der Verbrauch von real 5,5 bis 6,0 Litern ist okay, aber nicht sensationell. Ein Mild-Hybrid-System (wie beim Fiat 500) fehlt leider.

Design & Innenraum: Außen Hui, innen Plastik

Außen wirkt der Picanto 2026 zwei Klassen größer. Die durchgehende Lichtleiste (beim GT-line) und die kantige Front sind spektakulär. Innen gibt es jetzt serienmäßig ein digitales Kombiinstrument (4,2 Zoll LCD) und den 8-Zoll-Touchscreen mit Online-Navigation.

Kia weiß, wie man verpackt. Wenn Sie vor dem Auto stehen, denken Sie: „Wow, ein Mini-SUV.“ Wenn Sie drin sitzen, denken Sie: „Ah, Hartplastik.“ Das Armaturenbrett ist solide, aber hart. Die Türverkleidungen sind hart. Aber: Die Ergonomie ist perfekt. Es gibt echte Tasten für die Klimaanlage (nimm das, VW ID.3!). Das Infotainment ist schnell, hat Apple CarPlay und Android Auto und nervt nicht mit Untermenüs. Die Sitze im GT-line (Kunstleder) sehen sportlich aus, bieten aber für die gebotene Querbeschleunigung fast schon zu viel Seitenhalt. Platzangebot? Vorne top, hinten Kleinwagen-Standard. Der Kofferraum (255 Liter) ist einer der besten im Segment und schluckt den Wocheneinkauf locker.

Preis-Check: 22.000 Euro für 79 PS?

Ein Kia Picanto 1.2 GT-line mit Vollausstattung kratzt 2026 an der 22.500 Euro Marke (Liste). Der Straßenpreis liegt bei ca. 19.000 Euro.

Das ist viel Geld. Für 19.000 Euro bekommen Sie einen Dacia Sandero Stepway Extreme mit 110 PS. Der ist eine ganze Klasse größer, schneller und moderner (Plattform). Oder einen MG3 Hybrid+ (194 PS!), der Kreise um den Kia fährt. Warum also Kia kaufen? Wegen der 7-Jahre-Garantie. Das ist das Killer-Argument. Wenn Sie ein Auto suchen, das Sie bis 2033 sorgenfrei fahren können, ist der Picanto konkurrenzlos. Ein Dacia hat 3 Jahre Garantie. Ein Fiat 2 Jahre. Der Picanto ist die „Sicherheits-Aktie“ unter den Kleinwagen. Teuer im Einkauf, aber stabil im Wert und Unterhalt.

Gebraucht-Tipp: Der „echte“ GT

Da der Turbo-Motor im neuen Modell fehlt, explodieren die Preise für gebrauchte Picanto GT (1.0 T-GDI, 100 PS) der Baujahre 2021-2024.

Das ist mein Rat für Spaß-Sucher: Kaufen Sie keinen neuen 2026er GT-line. Suchen Sie einen gepflegten 2023er GT mit Restgarantie. Sie zahlen ca. 15.000 bis 17.000 Euro, haben den besseren Motor, den besseren Sound und fast das gleiche Auto (bis auf die Lichtleiste). Das ist der Smart Buy für Petrolheads.

Der Zwergen-Aufstand

Feature
Kia Picanto 1.2 GT-line (2026)
Dacia Sandero Stepway TCe 110
MG3 Hybrid+ (Standard)
Motor
1.2L 4-Zyl. Sauger (79 PS)
1.0L 3-Zyl. Turbo (110 PS)
1.5L Hybrid (194 PS)
0-100 km/h
13,1 s
10,0 s
8,0 s
Design
Futuristisch (EV-Look)
Robust / Crossover
Modern / Unauffällig
Garantie
7 Jahre
3 Jahre
7 Jahre
Getriebe
5-Gang manuell (Empfehlung)
6-Gang manuell
3-Gang-Hybrid-Auto
Charakter
Der Blender
Der Pragmatiker
Der Leistungssieger
Preis (Real)
ca. 19.500 €
ca. 18.500 €
ca. 19.990 €

Fazit: Kaufen für die Vernunft, nicht für das Auge

Der Kia Picanto (2026) sieht aus wie ein Rennwagen, fährt aber wie ein vernünftiger Kleinwagen. Das Facelift ist optisch grandios, aber technisch ein Rückschritt (Turbo-Verlust). Wenn Sie ein absolut zuverlässiges, schickes Stadtauto suchen, das in jede Lücke passt und 7 Jahre Ruhe garantiert: Kaufen Sie ihn. Aber bitte als Handschalter. Wenn Sie Fahrspaß oder Platz suchen, bietet die Konkurrenz (Dacia, MG) mittlerweile mehr Auto fürs gleiche Geld.

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Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.


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