Die Mercedes-Benz E-Klasse der Baureihe W213, produziert von 2016 bis 2023, gilt gemeinhin als Inbegriff der oberen Mittelklasse. Ihr Ruf als Langstreckenkönig und Komfort-Gleiter ist unbestritten. Doch der Premium-Anspruch schützt nicht vor teuren Konstruktionsfehlern und altersbedingten Schwächen. Wir haben die Baureihe intensiv analysiert und beleuchten die kritischen Punkte, die Käufer und Besitzer kennen sollten.
Der OM654 Dieselmotor: Effizienz mit Tücken
Der Vierzylinder-Dieselmotor OM654, eingeführt 2016 als Nachfolger des OM651, war ein technischer Sprung nach vorn. Er debütierte im Frühjahr 2016 in der E-Klasse E 220 d (W213). Seine Effizienz ist bemerkenswert: Ein E 200 d mit 150 PS und 9-Gang-Automatik erreicht einen kombinierten Verbrauch von lediglich 3,9 Litern auf 100 km.
- Hubraum: 1950 cm³ oder 1993 cm³ (mit integriertem Startergenerator)
- Leistung: 110 kW (150 PS) bis 180 kW (245 PS)
- OM654 M (Weiterentwicklung): Bis zu 195 kW (265 PS) und 550 Nm Drehmoment, mit 48-Volt-ISG.
Trotz seiner Effizienz birgt der OM654 spezifische Risiken, die wir im Detail betrachten müssen.
OM654: Der Schlepphebel-Verschleiß
Das wohl gravierendste Problem des OM654 ist der vorzeitige Verschleiß der Schlepphebel. Diese Bauteile übertragen die Bewegung der Nockenwelle auf die Ventile. Wir haben Fälle dokumentiert, in denen dieser Verschleiß bereits bei Laufleistungen zwischen 95.000 und 120.000 Kilometern auftrat. Ein Bruch der Schlepphebel führt unweigerlich zu massiven Schäden im Zylinderkopf und kann einen kapitalen Motorschaden nach sich ziehen. Mercedes-Benz hat auf diese Schwachstelle reagiert und ab einer bestimmten Motornummer verstärkte Schlepphebel verbaut. Eine Reparatur umfasst den Austausch der Schlepphebel und Hydrostößel.
Weitere Motorprobleme des OM654
Neben den Schlepphebeln gibt es weitere Punkte, die den OM654 betreffen:
- Steuerkette: Probleme mit der Steuerkette können zu Motorschäden führen.
- Ölverdünnung: Dieselkraftstoff kann ins Motoröl gelangen und dieses verdünnen, was die Schmierfähigkeit beeinträchtigt.
- Kühlmittelpumpe: Rückrufaktionen gab es wegen potenzieller Undichtigkeiten, die Brandgefahr bergen.
- Abgassystem: Verstopfungen des Dieselpartikelfilters oder Defekte am AdBlue-System sind bei höheren Kilometerständen keine Seltenheit.
- Sensoren: Sensoren am Turbolader können Fehlfunktionen verursachen.
- Ölverbrauch: Einige frühe 4-Zylinder Dieselmodelle zeigten erhöhten Ölverbrauch.
Das 9G-Tronic Getriebe (725.0): Komfort mit Eigenheiten
Die meisten W213-Modelle sind mit der 9G-Tronic (725.0) ausgestattet. Dieses Automatikgetriebe bietet im Normalbetrieb hohen Schaltkomfort. Dennoch gibt es bekannte Auffälligkeiten:
- Mikro-Ruckler: Bei niedrigen Geschwindigkeiten können leichte Ruckler auftreten.
- Schaltverzögerungen: Beim Kickdown oder im Kaltstart kann es zu spürbaren Verzögerungen oder Ruckeln kommen.
- Ölaustritt: Nach 80.000 bis 120.000 Kilometern kann Ölaustritt am Getriebe, meist am Stecker oder der Ölwannendichtung, auftreten.
Mercedes-Benz spricht zwar von einer „Lebensdauerfüllung“ des Getriebeöls, doch unsere Erfahrung zeigt: Eine Getriebespülung alle 60.000 Kilometer ist dringend anzuraten, um Problemen vorzubeugen. Die Kosten hierfür beginnen bei etwa 559 Euro, inklusive Öl, Filter und Adaption. Ein gebrauchtes Automatikgetriebe für den W213 ist ab ca. 1.490 € erhältlich.
Air Body Control: Die Luftfederung als Kostenfaktor
Die Luftfederung, bekannt als Air Body Control, ist eine typische Schwachstelle der W213-Baureihe. Im T-Modell ist sie serienmäßig verbaut. Defekte an Kompressoren, Federbeinen oder Ventileinheiten sind keine Seltenheit und können zu einem Absinken des Fahrzeugs oder Komfortverlust führen. Die Reparaturkosten sind hier oft erheblich.
Elektronik und weitere Schwachstellen
Die W213 ist hochgradig vernetzt und digitalisiert. Dies bringt jedoch auch eine erhöhte Anfälligkeit für Elektronikfehler mit sich, die in der ADAC-Pannenstatistik als Hauptursache für Ausfälle genannt werden.
- eCall-Notrufsystem: Probleme bei Modellen der Baujahre 2016 bis 2020.
- Infotainment-System: Störungen und Software-Glitches sind bekannt.
- Software-Fehler: Können zu verzögerten oder ruckartigen Schaltvorgängen des Getriebes führen.
- NOx-Sensoren: Ausfälle sind häufig.
- Backup-Batterie: Anfälligkeit für Defekte.
Karosserie und Fahrwerk
Auch wenn die E-Klasse robust wirkt, gibt es hier spezifische Punkte:
- Achsaufhängungen: Häufiger bemängelt, Austausch kann 600 bis 1200 € pro Achse kosten.
- Korrosion: An Unterboden und Auspuff kann in Regionen mit starkem Salzeinsatz im Winter auftreten. Eine regelmäßige Unterbodenschutzbehandlung (ca. 200 €) kann dem vorbeugen.
- Lenkgetriebe: Klackern oder Poltern des Lenkgetriebes wurde von Besitzern berichtet, was einen Austausch (gebraucht ab 280 €) notwendig machen kann.
- Wassereintritt: Ein nicht korrekt verlegter Getriebeleitungssatz kann Wassereintritt ermöglichen und die Brandgefahr erhöhen.
ADAC Pannenstatistik und Zuverlässigkeit
In der ADAC-Pannenstatistik schneidet der W213 „recht gut ab“ und platziert sich im oberen Mittelfeld. Die Pannenrate liegt zwar 10 % über dem Durchschnitt für Luxuslimousinen, dies ist jedoch hauptsächlich auf Elektronikprobleme zurückzuführen. Die Zuverlässigkeit kann bei gebrauchten Modellen mit 50.000 bis 150.000 km deutlich sinken, insbesondere wenn die Wartungshistorie lückenhaft ist.
Für eine umfassende Einschätzung der Baureihe empfehlen wir auch unseren mercedes benz e klasse Testbericht.
Fazit von Alex Wind
Die Mercedes-Benz E-Klasse W213 ist zweifellos ein komfortables und im Kern solides Fahrzeug. Doch die aufgeführten Schwachstellen, insbesondere der Schlepphebel-Verschleiß beim OM654 und die Probleme mit der Air Body Control, sind keine Kleinigkeiten. Sie können zu erheblichen und kostspieligen Reparaturen führen.
Mein Rat: Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, eine gebrauchte W213 mit OM654-Motor zu kaufen, prüfen Sie unbedingt die Wartungshistorie. Achten Sie auf Nachweise über Getriebespülungen und fragen Sie gezielt nach eventuellen Arbeiten am Motor, insbesondere im Bereich der Schlepphebel. Modelle mit hoher Laufleistung und ohne lückenlose Wartungshistorie sind ein hohes Risiko. Wenn Sie ein Fahrzeug mit Luftfederung in Betracht ziehen, kalkulieren Sie mögliche Reparaturen ein. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte entweder ein jüngeres Modell mit den verstärkten Schlepphebeln wählen oder eine umfassende Gebrauchtwagengarantie abschließen, die diese spezifischen Motorschäden abdeckt. Ein Kauf jetzt ist nur mit akribischer Prüfung und klarem Bewusstsein für die Risiken ratsam. Andernfalls: Warten Sie auf ein geprüftes Exemplar oder weichen Sie auf Alternativen aus.

