Renault Clio (2026) im Härtetest: Der französische Charmeur, der den VW Polo ärgert

Das Segment der Kleinwagen stirbt einen langsamen Tod. Ford hat den Fiesta beerdigt, Kia den Rio gestrichen. Die Hersteller sagen, die Emissionsvorschriften (Euro 7 und Co.) machen kleine Autos zu teuer. Doch Renault hält dagegen. Der Clio lebt. Und wie er lebt. In der fünften Generation (nach dem großen Facelift “Phase 2”) steht er da wie ein kleiner französischer Revolutionär. Besonders in der Ausstattung “Esprit Alpine” mit den scharfen Felgen und der mattgrauen Lackierung wirkt er nicht wie ein Sparbrötchen, sondern wie ein geschrumpfter Sportwagen. Wir haben den Bestseller aus Paris – konkret den E-Tech Full Hybrid 145 – durch den deutschen Dschungel gejagt. Vom hektischen Berufsverkehr in Köln bis zur linken Spur der A3. Ist der Clio nur ein hübsches Gesicht (“Savoir-vivre”), oder kann er dem deutschen Platzhirsch VW Polo technisch das Wasser reichen?

Innenraum: “Soft-Touch” statt Hartplastik-Wüste

Wenn man von einem aktuellen VW Polo oder Skoda Fabia in den Clio steigt, erlebt man einen Kulturschock. Im VW: Sachlichkeit, Kühle und – leider – viel hartes Plastik an den Türen. Im Clio: Eine Umarmung. Renault hat verstanden, dass “Kleinwagen” nicht “billig” bedeuten muss. Das Armaturenbrett ist weich unterschäumt. Die Sitze im “Esprit Alpine” bieten Seitenhalt wie ein Schraubstock und sehen mit ihren blauen Nähten und der französischen Flagge am Rand fantastisch aus. Es riecht nicht nach Chemie, sondern wertig. Die Türen fallen mit einem satten Geräusch ins Schloss. In der Mitte thront das hochkante Tablet (Easy Link oder OpenR, je nach Version). Es reagiert 2026 flüssig, die Google-Suche für Navigationsziele funktioniert tadellos. Aber: Es ist eng. Der Clio ist ein “Fahrer-Auto”. Man sitzt integriert, fast wie im Cockpit. Hinten? Nun ja. Die abfallende Dachlinie und die schmalen Fenster sorgen für ein Höhlen-Gefühl. Wer über 1,80 Meter ist, stößt mit den Knien an die Vordersitze. Ein Skoda Fabia ist hier luftiger. Der Kofferraum ist beim Hybrid durch den Akku etwas kleiner (ca. 300 Liter), reicht aber für zwei Bordtrolleys und den Wocheneinkauf. Die Ladekante ist jedoch hoch – Getränkekisten wuchten ist angesagt.

Der Antrieb: Ingenieurs-Wahnsinn, der funktioniert

Kommen wir zum Herzstück: Dem E-Tech Full Hybrid 145. Französische Ingenieure trinken beim Mittagessen gerne Wein, sagt das Klischee. Bei der Entwicklung dieses Getriebes müssen sie aber sehr wach gewesen sein – oder sehr kreativ. Es ist ein “Multi-Mode-Getriebe” ohne Kupplung und ohne Synchronringe. Ein Verbrenner (1.6 Liter Sauger) und zwei Elektromotoren spielen Ping-Pong mit den Gängen. Klingt kompliziert? Ist es auch. Aber wie fährt es sich? In der Stadt: Ein Traum. Der Clio fährt fast immer elektrisch an. Bis 50 km/h “segelt” er oft lautlos durch die Gassen. Das System ist so smooth, dass man den Wechsel zwischen Benzin und Elektro kaum spürt. An der Ampel lässt man jeden normalen Benziner stehen, weil der E-Motor sofort Drehmoment liefert. Der Verbrauch in der City? Wir haben 3,9 bis 4,2 Liter gemessen. Das ist Diesel-Niveau ohne Diesel-Nageln.

Auf der Autobahn: Hier zeigt die komplexe Technik ihre Tücken. Bei Tempo 130 ist alles okay. Aber geben Sie mal bei 120 km/h Vollgas, um am Berg einen LKW zu überholen. Das Getriebe sucht kurz, der Verbrenner heult plötzlich auf (“Gummiband-Effekt”), weil er Strom für den E-Motor nachladen muss, um die volle Systemleistung (145 PS) zu liefern. Es wirkt manchmal etwas unharmonisch und laut. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei 180 km/h erreicht. Wer dauerhaft schnell fährt, treibt den Verbrauch auf 7 Liter. Der Clio ist ein City-King, kein Langstrecken-Jäger.

Fahrwerk: Französisch weich? Von wegen!

Vergessen Sie das Vorurteil, dass französische Autos wie Sänften schaukeln. Der Clio (besonders als Esprit Alpine) ist straff. Er liegt satt auf der Straße. In Kurven macht er richtig Spaß, die Lenkung ist direkt, wenn auch etwas gefühllos. Aber auf den maroden deutschen Straßen des Jahres 2026 (Flickenteppiche, Querfugen) teilt er auch gerne mal aus. Er poltert nicht, aber er gibt kurze Stöße trocken weiter. Ein VW Polo federt geschmeidiger. Dafür wankt der Clio im Kreisverkehr nicht. Er fühlt sich agil an, wuselig, lebendig. Er passt in Parklücken, an denen SUV-Fahrer verzweifeln, und dank der 360-Grad-Kamera (optional) zirkelt man ihn auf den Zentimeter genau an den Bordstein.

Die Alternative: Der Preisbrecher mit Gas

Neben dem High-Tech-Hybrid gibt es im Clio 2026 noch einen Helden der Arbeit: Den TCe 100 Eco-G. Das ist der Dreizylinder-Turbo mit LPG (Autogas) ab Werk. Kein Hybrid, Handschaltung, simple Technik. Aber: Mit LPG tanken Sie für die Hälfte. Die Reichweite (Benzin + Gas) liegt bei über 1.000 Kilometern. Dieser Motor ist rauer, lauter und weniger spritzig als der Hybrid. Aber er kostet in der Anschaffung tausende Euro weniger. Für Pendler, die sparen müssen, ist das die klügste Wahl im ganzen Segment. Es ist unverständlich, warum VW so etwas nicht anbietet.

Das deutsche Problem: TÜV und Image

“Kauf dir keinen Franzosen, da geht die Elektronik kaputt.” Diesen Satz hört man an jedem deutschen Stammtisch. Ist das 2026 noch wahr? Jein. Die Mechanik des Clio V gilt als solide. Aber das komplexe Hybrid-Getriebe ist eine “Black Box”. Wenn da nach der Garantiezeit etwas kaputt geht, repariert das kein Dorfschmied. Da muss der Spezialist ran, und das wird teuer. Die Elektronik (Infotainment) hatte in frühen Baujahren Bugs, die aber durch “Over-the-Air”-Updates weitgehend behoben sind. Der Wiederverkaufswert ist stabil, aber niedriger als beim Polo. Das macht den Clio als jungen Gebrauchten zum Schnäppchen, als Neuwagen zum Wertverlust-Risiko.

Fazit: Das Auto für das Herz (und den Stadtverkehr)

Der Renault Clio (2026) ist der Gegenentwurf zur deutschen Nüchternheit. Er sieht innen und außen besser aus als die Konkurrenz. Man freut sich, ihn anzusehen. Der Hybrid-Antrieb ist in der Stadt eine Waffe – sparsam, leise, schnell. Wer aber jeden Tag 100 Kilometer Autobahn pendelt, wird mit dem komplexen Getriebe und der straffen Federung nicht glücklich.

Kaufen Sie ihn, wenn:

  • Sie hauptsächlich in der Stadt fahren. Dort ist der Hybrid unschlagbar.
  • Sie Wert auf einen schönen Innenraum legen. Hier fühlt man sich eine Klasse höher.
  • Sie rechnen müssen: Der LPG-Motor (Eco-G) ist der Spar-König.

Lassen Sie es, wenn:

  • Sie oft hinten Erwachsene mitnehmen. Es ist eng.
  • Sie ein “Autobahn-Tier” sind. Das Motorengeräusch bei Last und Vollgas nervt auf Dauer.
  • Sie simple Technik wollen, die jeder reparieren kann (dann lieber den Dacia Sandero oder den LPG-Clio, nicht den Hybrid).

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Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.