Es gibt Namen in der Automobilgeschichte, die wecken Erwartungen. Wenn jemand “Golf” sagt, denkt man an Solidität. Wenn jemand “911” sagt, denkt man an Sport. Und wenn jemand “Espace” sagt, denkt man an Platz. Unendlichen, variablen Platz. Der Renault Espace war 1984 der Erfinder des europäischen Vans. Eine rollende Lounge, in der man die Vordersitze drehen konnte, um während der Fahrt Poker zu spielen (was natürlich verboten war, aber man konnte).
Und jetzt? Wir stehen vor dem Renault Espace der sechsten Generation (Modelljahr 2026). Er ist kein Van mehr. Er ist ein SUV. Schlimmer noch: Böse Zungen behaupten, er sei nur ein Renault Austral, der zu heiß gewaschen und dann langgezogen wurde. Wir haben den neuen Familien-Flaggschiff der Franzosen getestet. Ist er ein würdiger Erbe des legendären Namens oder nur ein weiteres SUV, das Platz verschwendet, um cool auszusehen?
Das Design: Austral XL oder eigenständig?
Seien wir ehrlich: Wenn Sie von vorne auf den Espace zugehen, müssen Sie schon sehr genau hinsehen, um ihn vom kleineren Bruder Austral zu unterscheiden. Die C-förmigen LED-Scheinwerfer, der Grill, das neue Rhombus-Logo – das ist alles identisch. Erst ab der B-Säule passiert etwas. Das Dach zieht sich länger nach hinten, die Türen sind größer. Er sieht gut aus, keine Frage. Besonders in der matten Lackierung “Satin Schiefergrau” und mit den 20-Zoll-Felgen der “Esprit Alpine”-Ausstattung wirkt er stämmig und athletisch. Aber er ist 14 Zentimeter kürzer als sein Vorgänger (Espace V). Kürzer! Ein Espace, der schrumpft? Das Marketing nennt das “kompakter und agiler”. Familienväter nennen das “weniger Platz für den Kinderwagen”.
Innenraum & 3. Sitzreihe: Die Wahrheit über die “7 Sitze”
Wir öffnen die Tür. Der Innenraum ist – wie im Austral und Megane E-Tech – eine Wucht. Das OpenR Link Cockpit mit den zwei riesigen Bildschirmen in L-Form ist auch 2026 eines der besten Systeme auf dem Markt. Google Maps läuft nativ, Spotify ist integriert, alles reagiert so flüssig wie auf einem iPad. Die Materialien sind hochwertig: Alcantara, blaue Nähte, weiche Oberflächen. Hier fühlt man sich wohl.
Aber der Espace wurde gekauft, weil er ein Bus war. Wie sieht es hinten aus? Die zweite Sitzreihe ist verschiebbar (um 22 Zentimeter!). Schiebt man sie ganz nach hinten, hat man Beinfreiheit wie in einer S-Klasse. Das ist grandios. Aber dann ist der Kofferraum nur noch Durchschnitt. Und die dritte Sitzreihe (die es optional kostenlos dazu gibt)? Wir haben versucht, einen 1,85 Meter großen Redakteur dort hineinzufalten. Es war ein unwürdiges Schauspiel. Der Zustieg ist eng. Wenn man erst mal sitzt, sind die Knie auf Ohrenhöhe. Der Kopf stößt an den Dachhimmel. Machen wir uns nichts vor: Das sind Notsitze für Kinder bis maximal 12 Jahre. Für die Fahrt zum Fußballtraining reicht es. Für die Urlaubsfahrt in die Provence? Auf keinen Fall. Wer den “echten” Espace-Platz sucht, muss heute einen VW Multivan oder Hyundai Staria kaufen. Der Renault Espace ist nur noch ein “5+2”-Sitzer, kein echter 7-Sitzer.
Der Antrieb: 3 Zylinder für 1,7 Tonnen?
Unter der Haube arbeitet ausschließlich der E-Tech Full Hybrid 200. Ein 1.2-Liter-Dreizylinder-Turbo (!) kombiniert mit zwei Elektromotoren. Systemleistung: 200 PS. Das klingt nach wenig Hubraum für so ein Schiff. In der Stadt ist das System brillant. Der Espace fährt fast immer elektrisch an. Es ist leise, ruckfrei und entspannt. Der Verbrauch pendelt sich im City-Mix bei 5,5 bis 6,0 Litern ein. Für ein SUV dieser Größe ist das ein Fabelwert.
Aber dann: Die deutsche Autobahn. Wir beschleunigen auf 130 km/h. Der Dreizylinder knurrt kernig, aber nicht störend. Dann der Überholvorgang. Kickdown bei 120 km/h. Das komplexe Multi-Mode-Getriebe (Klauengetriebe ohne Kupplung) braucht eine Gedenksekunde. Dann jault der kleine Motor auf, um Strom zu produzieren und gleichzeitig die Räder anzutreiben. Es wirkt angestrengt. Ab 150 km/h wird die Luft dünn. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei 175 km/h abgeregelt. Das ist für Frankreich (Limit 130) völlig okay. Aber wer den Espace als “Business-Express” auf der A9 nutzen will, wird den souveränen 2.0-Liter-Diesel des Vorgängers schmerzlich vermissen. Der Espace ist ein Gleiter, kein Raser.
4Control: Warum der Riese tanzen kann
Es gibt ein Feature, das den Espace rettet: 4Control Advanced. Die Allradlenkung. Bis 50 km/h lenken die Hinterräder bis zu 5 Grad entgegen den Vorderrädern. Das Ergebnis ist magisch. Der Wendekreis dieses 4,72-Meter-Autos ist so klein wie der eines Renault Clio (ca. 10,4 Meter). In engen Parkhäusern oder beim Wenden in der Sackgasse fühlt sich das Auto an, als wäre es einen Meter kürzer. Man zirkelt um Ecken, wo man mit einem VW Tiguan Allspace rangieren müsste. Ab 50 km/h lenken die Hinterräder parallel. Das stabilisiert das Auto in schnellen Kurven auf der Landstraße. Man spürt förmlich, wie sich der Wagen in den Asphalt krallt. Ohne dieses System wäre der Espace nur ein weiteres dickes SUV. Mit ihm ist er der handlichste seiner Klasse.
Fazit: Ein tolles Auto, aber ein schlechter Espace
Der Renault Espace (2026) leidet unter seinem Namen. Hätte Renault ihn “Grand Austral” genannt, würden wir ihn feiern. Er ist sparsam, sieht fantastisch aus, hat das beste Infotainment der Klasse und ist dank Allradlenkung extrem wendig. Aber als “Espace” enttäuscht er die alten Fans. Die Variabilität ist weg. Die Einzelsitze hinten sind weg. Die gigantischen Fensterflächen sind weg. Er ist im Mainstream angekommen.
Kaufen Sie ihn, wenn:
- Sie ein stilvolles Familien-SUV suchen und keine Lust auf das biedere Design eines VW Tiguan oder Skoda Kodiaq haben.
- Sie in der Stadt wohnen. Die Allradlenkung macht ihn parkplatztauglich.
- Sie Google-Dienste lieben. Die Integration ist perfekt.
Lassen Sie es, wenn:
- Sie drei Kindersitze nebeneinander brauchen (Isofix gibt es hinten nur auf den Außenplätzen).
- Sie oft mit 7 Erwachsenen unterwegs sind. Das geht physisch nicht.
- Sie einen Diesel für 50.000 km im Jahr suchen. Der Hybrid ist auf der Langstrecke nicht der Effizienz-König.


















