Stellantis ruft über 31.000 in Deutschland zugelassene 48V-Mildhybrid-Fahrzeuge zurück. Opel, Peugeot und Citroën sind betroffen. Die interne Kampagnennummer: 16122R. Auch beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) findet sich diese Referenz. Es geht um Fahrzeuge, die zwischen Februar 2023 und November 2025 vom Band liefen. Konkret: Opel Corsa Hybrid, Opel Astra Hybrid, Peugeot 208 Hybrid, Peugeot 3008 Hybrid, Peugeot 5008 Hybrid, Citroën C3 Hybrid und Citroën C4 Hybrid. Alle kommen mit dem neuen e-DCT6 Automatikgetriebe. Diese Autos bergen ein erhebliches Brandrisiko im Motorraum.
Technische Ursache: Thermische Überlastung des 48V-Kabelbaums
Der Grund für diesen kritischen Rückruf ist ein schlichtweg unzureichender Abstand. Zwischen dem glühend heißen Rohr des Ottopartikelfilters (GPF – Gasoline Particulate Filter) und dem 48-Volt-Hochvolt-Kabelbaum des Riemenstarter-Generators (BSG – Belt Starter Generator) fehlt es an Platz. Der Ottopartikelfilter ist ein Muss in modernen Benzinmotoren. Er reduziert Feinstaubemissionen, besonders PM2.5-Partikel. Die UNECE-Regulierung R83 und R101 schreibt ihn vor. Seine Funktion erfordert regelmäßige Regeneration. Dabei werden angesammelte Rußpartikel verbrannt. Die Abgastemperatur steigt gezielt an. Typischerweise alle 500 bis 1.000 Kilometer findet so ein Zyklus statt. Die Abgastemperatur schnellt dabei kurzzeitig auf über 600°C, manchmal sogar bis zu 700°C. Der GPF strahlt dann eine immense thermische Energie ab.
Diese extreme Hitze – eine Mischung aus Konvektion und Strahlungswärme – trifft direkt auf den benachbarten 48V-Kabelbaum. Der Kabelbaum leitet die elektrische Energie vom 48V-Lithium-Ionen-Akku zum Riemenstarter-Generator und umgekehrt. Er ist standardmäßig mit PVC- oder Polyethylen-Isolierung ummantelt. Diese Materialien sind für Dauerbetriebstemperaturen von maximal 105°C bis 125°C ausgelegt. Die wiederholte, intensive thermische Belastung durch die GPF-Regeneration führt unweigerlich zur Degradation. Die Kabelisolierung schmilzt. Schmilzt die Isolierung, liegen die blanken Kupferleiter frei. Das führt zu Kurzschlüssen. Entweder zwischen den einzelnen Adern des Kabelbaums oder zwischen den Leitern und der Fahrzeugmasse. Ein solcher Kurzschluss lässt den Strom rapide ansteigen. Sicherungen überlasten. Im schlimmsten Fall entsteht ein Lichtbogen oder eine lokale Überhitzung. Das umgebende Dämmmaterial oder andere brennbare Komponenten im Motorraum entzünden sich. Brandgefahr. Unmittelbar.
Symptome und Warnsignale für Fahrzeughalter
Betroffene Fahrzeughalter können verschiedene Warnsignale bemerken. Manche sind subtil, andere alarmierend. Sie deuten auf eine thermische Schädigung des 48V-Kabelbaums hin:
- Intensiver Schmorgeruch: Ein penetranter Geruch nach geschmolzenem Plastik, verbranntem Gummi oder isoliertem Draht. Er dringt aus dem Motorraum. Das ist ein primäres Warnsignal. Dieser Geruch ist oft am deutlichsten nach längeren Fahrten oder im Stand nach dem Abstellen des Motors wahrnehmbar. Dann lässt die Restwärme des Motors die geschmolzenen Materialien weiter ausdampfen.
- Warnleuchte „Battery Charge Fault“: Leuchtet diese Warnleuchte oder eine ähnliche Fehlermeldung im Kombiinstrument auf, ist das ein direkter Hinweis auf eine Störung im 48V-Bordnetz. Ein Kurzschluss im Kabelbaum kann das verursachen. Er beeinträchtigt die Funktion des Riemenstarter-Generators. Die Ladung des 48V-Akkus wird unterbrochen oder fehlerhaft gemeldet.
- Plötzliches Abschalten des Hybridsystems: Das 48V-Hybridsystem schaltet sich unerwartet während der Fahrt ab. Das äußert sich durch den Verlust der elektrischen Unterstützung beim Beschleunigen. Die Start-Stopp-Automatik funktioniert nicht mehr. Die Rekuperation bleibt aus. Im Extremfall führt das zu einem Notlaufprogramm des Verbrennungsmotors. Oder sogar zum vollständigen Stillstand des Fahrzeugs, wenn die Bordelektronik kritische Fehler erkennt und das System zum Schutz abschaltet.
- Sichtbare Schäden am Kabelbaum: Bei einer Sichtprüfung des Motorraums können im Bereich des Ottopartikelfilters geschmolzene, verfärbte oder spröde Isolierungen am 48V-Kabelbaum erkennbar sein. Das erfordert jedoch oft eine Hebebühne und Fachkenntnisse.
Abhilfemaßnahmen und Reparaturprozedere
Die autorisierten Stellantis-Vertragswerkstätten (Opel, Peugeot, Citroën) führen die notwendigen Reparaturen im Rahmen der Rückrufaktion 16122R kostenfrei durch. Der Reparaturprozess ist standardisiert. Er umfasst mehrere präzise Schritte, um die thermische Integrität des 48V-Kabelbaums dauerhaft zu gewährleisten:
1. Inspektion des Kabelabstands und Zustands: Zuerst wird der betroffene Bereich des 48V-Kabelbaums visuell inspiziert. Man prüft, ob bereits thermische Schäden an der Isolierung sichtbar sind. Und ob der ursprüngliche Mindestabstand zum Ottopartikelfilter tatsächlich unterschritten ist. Eventuell beschädigte Kabelabschnitte werden dokumentiert.
2. Installation eines physischen Hitzeschutzblechs: Der zentrale Punkt der Abhilfemaßnahme ist die Montage eines speziell entwickelten Hitzeschutzblechs. Dieses Blech, typischerweise aus hochtemperaturbeständigem Edelstahl oder einer Aluminiumlegierung, wird zwischen dem Ottopartikelfilter und dem 48V-Kabelbaum positioniert. Seine Funktion: die direkte Wärmestrahlung vom GPF abschirmen und eine thermische Barriere schaffen. Das Blech leitet die Wärme ab. Es verhindert, dass die kritischen Temperaturen den Kabelbaum erreichen.
3. Ummantelung mit hochtemperaturbeständigen Isolierschläuchen: Zusätzlich zum Hitzeschutzblech werden die angrenzenden Abschnitte des 48V-Kabelbaums mit hochwertigen, hochtemperaturbeständigen Isolierschläuchen ummantelt. Diese Bereiche könnten weiterhin einer erhöhten Umgebungstemperatur ausgesetzt sein. Die Schläuche bestehen typischerweise aus vulkanischer Glasfaser oder Silikon-Glasfaser-Verbundwerkstoffen. Sie sind für Dauerbetriebstemperaturen von 250°C bis 500°C ausgelegt. Kurzzeitig widerstehen sie sogar Spitzen von über 1.000°C. Diese zusätzliche Isolationsschicht bietet einen redundanten Schutz gegen thermische Degradation.
4. Gegebenenfalls Austausch beschädigter Kabel: Sollten bei der Inspektion bereits signifikante Schäden an der Kabelisolierung festgestellt werden, wird der betroffene Abschnitt des 48V-Kabelbaums vollständig ausgetauscht. Das stellt die elektrische Integrität des Systems wieder her.
Stellantis schätzt die Reparaturdauer auf etwa 1 bis 2 Stunden. Kunden werden per Einschreiben vom KBA oder direkt von Stellantis über den Rückruf informiert. Sie werden aufgefordert, einen Termin bei einem autorisierten Servicepartner zu vereinbaren.
Betroffene Modelle im Überblick
Die Rückrufaktion betrifft eine breite Palette von Stellantis-Modellen. Alle basieren auf der Common Modular Platform (CMP) oder der EMP2-Plattform. Alle sind mit dem neuen 48V-Mildhybrid-Antriebsstrang in Kombination mit dem e-DCT6-Doppelkupplungsgetriebe ausgestattet.
| Modell | Marke | Produktionszeitraum | Getriebe |
| Corsa Hybrid | Opel | Februar 2023 – November 2025 | e-DCT6 |
| Astra Hybrid | Opel | Februar 2023 – November 2025 | e-DCT6 |
| 208 Hybrid | Peugeot | Februar 2023 – November 2025 | e-DCT6 |
| 3008 Hybrid | Peugeot | Februar 2023 – November 2025 | e-DCT6 |
| 5008 Hybrid | Peugeot | Februar 2023 – November 2025 | e-DCT6 |
| C3 Hybrid | Citroën | Februar 2023 – November 2025 | e-DCT6 |
| C4 Hybrid | Citroën | Februar 2023 – November 2025 | e-DCT6 |
Der angegebene Produktionszeitraum reicht bis November 2025. Das deutet darauf hin, dass auch neu produzierte Fahrzeuge, die noch nicht ausgeliefert wurden, von dieser Maßnahme betroffen sind. Sie werden vor der Auslieferung entsprechend nachgerüstet.
Alex Wind meint: Qualitätssicherung im Fokus
Der aktuelle Rückruf bei Stellantis-Mildhybriden zeigt deutlich, wie kritisch die thermische Belastung im Motorraum bei modernen Antriebssträngen ist. Eine unzureichende Konstruktion des Mindestabstands zwischen einem Hochtemperaturbauteil wie dem Ottopartikelfilter und einem sensiblen Hochvolt-Kabelbaum kann direkte Sicherheitsrisiken verursachen. Über 31.000 Fahrzeuge in Deutschland sind betroffen. Die Produktion bis November 2025 fällt in den Rückrufzeitraum. Das deutet auf ein systemisches Problem hin, entweder in der frühen Produktionsphase oder bei der Konstruktionsvalidierung. Die gewählte Abhilfemaßnahme mit Hitzeschutzblech und Glasfaserisolierung ist technisch fundiert. Sie sollte die Brandgefahr eliminieren. Für Kunden ist die kostenfreie Reparatur selbstverständlich. Dennoch bleibt der Imageschaden für die betroffenen Marken. Das unterstreicht die Notwendigkeit einer robusten Qualitätssicherung, besonders bei der Einführung neuer Antriebstechnologien.
Ingenieurfehler mit Folgen
Ich sehe hier einen klaren Konstruktionsfehler. Es ist schlichtweg unverständlich, wie ein so elementarer Aspekt der thermischen Entkopplung in der Entwicklungsphase übersehen werden konnte. Die thermische Belastung durch einen Ottopartikelfilter während der Regeneration ist kein Geheimnis; diese Temperaturen sind seit Jahren bekannt. Sie müssen bei der Bauraumplanung und Komponentenplatzierung zwingend berücksichtigt werden. Ein 48-Volt-Kabelbaum, der die Energie für einen Riemenstarter-Generator liefert, führt erhebliche Ströme. Eine schmelzende Isolierung ist hier nicht nur ein Ärgernis, sondern eine direkte Gefahr für Leib und Leben. Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Versagen in der Prozesskette der Qualitätssicherung. Es kann potenziell zu Fahrzeugbränden führen.
Die gewählte Abhilfemaßnahme – ein Hitzeschutzblech und zusätzliche Isolierschläuche – ist eine pragmatische Lösung. Sie ist effektiv, aber sie ist auch ein Eingeständnis, dass die ursprüngliche Konstruktion mangelhaft war. Es ist eine Nachbesserung, kein Ausdruck von Ingenieurkunst. Für den Kunden bedeutet dies einen Werkstattbesuch. Der ist zwar kostenfrei, kostet aber Zeit und Vertrauen. Ich erwarte von einem Hersteller wie Stellantis, dass solche grundlegenden thermischen Management-Probleme bereits in der virtuellen Entwicklung und den frühen Prototypenphasen identifiziert und eliminiert werden. (Manchmal frage ich mich, ob die Ingenieure überhaupt noch unter die Haube schauen.)
Dieser Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen bei der schnellen Einführung neuer Antriebstechnologien. Der Druck, Hybrid- und Elektrofahrzeuge auf den Markt zu bringen, darf niemals zu Kompromissen bei der Sicherheit führen. Die Komplexität steigt. Die Interaktionen zwischen thermischen, elektrischen und mechanischen Systemen werden enger. Jeder Ingenieur muss hier mit höchster Präzision arbeiten. Für die betroffenen Fahrzeughalter ist es nun entscheidend, den Rückruf ernst zu nehmen und den Werkstatttermin umgehend wahrzunehmen. Ein Schmorgeruch im Motorraum ist niemals harmlos. Niemals.
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