Ich sitze in der Redaktion und schaue mir das offizielle Video von Lamborghini-Werkspilot Andrea Caldarelli an, wie er den neuen Temerario über den Kurs in Misano Adriatico prügelt. Aus den Lautsprechern brüllt ein Sound, den man sonst nur aus der Boxengasse von Le Mans kennt. Zehntausend Umdrehungen pro Minute. Zehn. Tausend. Das ist der Moment, in dem der Schmerz über den Tod des legendären V10-Saugmotors aus dem Huracán für einen kurzen Moment verstummt. Der Lamborghini Temerario (2026) ist der neue Einstiegs-Stier aus Sant’Agata Bolognese, und er ist ein Plug-in-Hybrid. Bevor Sie jetzt an einen braven Toyota Prius denken: Dieses Ding kombiniert einen brandneuen Vierliter-V8-Biturbo mit drei Elektromotoren und feuert irrwitzige 920 PS (677 kW) auf den Asphalt. Da Lamborghini mir (und dem Rest der deutschen Presse) die Schlüssel für einen 1.000-Kilometer-Test im deutschen Dauerregen noch nicht in die Hand drücken wollte, habe ich den Temerario einem harten Theorie- und Ergonomie-Check unterzogen. Klartext: Ist das noch ein echter Lambo oder ein Opfer der Brüsseler Abgasnormen?
Optik & Baustellen-Angst: Der Zwei-Meter-Keil
Wenn man vor dem Temerario steht, wirkt er erwachsener als der Huracán. Die Linienführung ist etwas ruhiger, die martialischen Kanten wurden leicht geglättet, aber das typische Kampfjet-Design bleibt unverkennbar. Die Tagfahrlichter sind jetzt sechseckig und sitzen tief in der Frontschürze. Optisch ist das ein absoluter Volltreffer, der die linke Spur der Autobahn im Bruchteil einer Sekunde freiräumt.
Doch sobald man die Design-Brille abnimmt und die deutsche Realitäts-Matrix anlegt, wird einem schwindelig. Nachgemessen auf dem Datenblatt: Der Temerario ist ohne Außenspiegel satte 1,996 Meter breit. Wenn Sie die Carbon-Ohren ausklappen, kratzen Sie an der 2,20-Meter-Marke. Was bedeutet das für die A7 bei Würzburg in der kilometerlangen Dauerbaustelle? Die linke 2,1-Meter-Spur ist absolut tabu. Wer sich mit diesem 307.500 Euro (Basispreis) teuren Carbon-Aluminium-Kunstwerk zwischen eine Betonleitwand und einen LKW quetscht, riskiert einen sechsstelligen Werkstatt-Kostenvoranschlag. Auch der Weg in die Münchner Stamm-Tiefgarage wird zur Nervenprobe. Lamborghini hat zwar Kameras verbaut, aber die Übersicht nach hinten ist durch das flache Heck und die tief liegende Motorabdeckung praktisch nicht existent.
Cockpit-Check: Drei Bildschirme, aber wo ist der Platz?
Ich lasse mich in die engen Sportsitze gleiten. Im Vergleich zum Huracán, der für Piloten über 1,85 Meter eine Art Folterkammer darstellte, bietet das neue Alu-Spaceframe-Chassis des Temerario spürbar mehr Kopffreiheit. Man muss nicht mehr mit eingezogenem Nacken fahren, wenn man einen Helm trägt (wie Caldarelli in Misano).
Der Innenraum ist radikal digitalisiert worden. Wo früher klickende Flugzeug-Schalter thronten, regieren nun drei Bildschirme. Das virtuelle Cockpit (12,3 Zoll), ein zentraler Touchscreen (8,4 Zoll) und sogar ein eigener 9,1-Zoll-Screen für den Beifahrer. Das sieht aus wie im großen Bruder Revuelto. Ehrlich gesagt: Bei Tempo 300 auf der Autobahn auf einem Touchscreen die Klimaanlage nachzujustieren, ist ergonomischer Wahnsinn. Immerhin bleiben die wichtigsten Fahr-Modi als Drehrad direkt am Lenkrad erhalten. Und der Kofferraum? Vergessen Sie es. Die Batterie und die Elektromotoren fressen den ohnehin knappen Raum im Bug fast komplett auf. Eine kleine Reisetasche – mehr geht nicht.
10.000 Umdrehungen und die Steuer-Lüge (Dienstwagen-Check)
Kommen wir zum Kern der Maschine. Der 4.0-Liter-V8-Biturbo ist keine Audi-RS-Resterampe, sondern eine komplette Eigenentwicklung von Lamborghini. Er nutzt eine Flat-Plane-Kurbelwelle und Pleuel aus Titan. Das Ergebnis ist ein Triebwerk, das sich anfühlt wie ein Motorradmotor. Er dreht bis 10.000 U/min. Wenn Werkspilot Caldarelli auf der Rennstrecke den roten Knopf drückt („Launch Control“), greifen die drei Elektromotoren (zwei vorne, einer hinten am Getriebe) ins Geschehen ein, überbrücken jedes noch so kleine Turboloch, und der Temerario katapultiert sich in 2,7 Sekunden auf 100 km/h. Schluss ist erst bei 343 km/h. Neu ist auch der „Drift Mode“ in drei Stufen, der selbst talentfreien Millionären kontrollierte Quertreiber ermöglichen soll.
Aber jetzt kommt der deutsche Realitäts-Check: der Plug-in-Hybrid-Antrieb. Hinter den Sitzen verbirgt sich eine lächerlich kleine Lithium-Ionen-Batterie mit einer Kapazität von gerade einmal 3,8 kWh. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher VW Golf eHybrid hat über 19 kWh! Lamborghini verspricht auf dem Papier eine rein elektrische Reichweite von etwa 11 Kilometern. Die Realität? Nach drei bis fünf Kilometern dürfte der Akku leer sein. Dieser Hybridantrieb dient nur zwei Zwecken: Erstens, dem V8 beim Beschleunigen den ultimativen Tritt in den Rücken zu verpassen. Zweitens, die WLTP-Zulassungsnormen zu betrügen, um den offiziellen CO2-Ausstoß künstlich auf 272 g/km zu drücken. Wer den Temerario als Firmenwagen über das Konstrukt der 0,5-Prozent-Regelung (Dienstwagen-Privileg für Hybride) leasen will, scheitert krachend. In Deutschland muss ein PHEV für diesen Steuervorteil entweder 80 Kilometer rein elektrisch fahren oder extrem strenge CO2-Grenzen einhalten. Der Temerario verfehlt das um Lichtjahre. Er wird steuerlich wie ein reiner, böser Verbrenner behandelt.
Technische Daten & Realitäts-Check
Datenpunkt | Lamborghini Temerario (2026) |
Motor & Antrieb | 4.0L V8-Biturbo + 3 Elektromotoren (HPEV), Allrad |
Systemleistung | 920 PS (677 kW) |
Max. Drehmoment | 730 Nm (Verbrenner) + 300 Nm (E-Motor hinten) |
0-100 km/h / Vmax | 2,7 s / 343 km/h |
Rote Linie (Drehzahl) | 10.000 U/min |
Batteriekapazität | 3,8 kWh |
Reichweite EV (WLTP / Realität) | ca. 11 km / eher 4 km |
Breite (ohne Spiegel) | 1.996 mm |
Verbrauch (WLTP kombiniert) | 11,2 l/100km + 4,3 kWh/100km (Akku leer: 14 l/100km) |
Basispreis (Deutschland) | ab ca. 307.500 Euro |
Konkurrenz-Check
- Ferrari 296 GTB: Der ewige Erzfeind aus Maranello. Ferrari nutzt einen V6-Biturbo-Hybrid mit 830 PS. Der 296 GTB ist leichter, heckgetrieben und lenkt sich auf der Landstraße noch eine Spur tänzelnder und filigraner als der massiv wirkende Lamborghini mit seinem Allradantrieb. Dafür bietet der Temerario mit seinen 10.000 U/min das brutalere Motorenerlebnis.
- McLaren Artura: Der britische Underdog. Ebenfalls ein V6-Hybrid, aber „nur“ 700 PS stark. Der McLaren ist deutlich günstiger als der Lamborghini und bietet das beste Lenkgefühl der Klasse (dank hydraulischer Servolenkung). Gegen die schiere Gewalt und die Show-Qualitäten des 920-PS-Lambo wirkt der Brite jedoch fast schon brav.
Pro & Contra
- ✅ Pro: Sensationeller V8-Motor mit Rennsport-Technik, der bis 10.000 Umdrehungen kreischt.
- ✅ Pro: Absolut brutale Beschleunigung (2,7s) dank perfekt integrierter E-Motoren (Allrad).
- ✅ Pro: Deutlich mehr Platz im Innenraum als im Vorgänger Huracán.
- ❌ Contra: Batterie mit 3,8 kWh ist ein reines Alibi; keine Steuervorteile in Deutschland.
- ❌ Contra: Mit fast 2 Metern Breite extrem unhandlich in Städten und Baustellen.
- ❌ Contra: Touchscreen-Bedienung lenkt bei einem 343-km/h-Auto zu sehr vom Verkehrsgeschehen ab.
Fazit: Alex Wind meint…
Unterm Strich ist der Lamborghini Temerario ein Meisterwerk der Heuchelei – und das meine ich als absolutes Kompliment. Er trägt das grüne „Hybrid“-Schild wie ein Feigenblatt, nur um im nächsten Moment 920 PS und 10.000 Umdrehungen auf die Hinterachse zu hämmern. Lamborghini hat den V10 geopfert, aber mit dem neuen V8-Biturbo ein Monster erschaffen, das seinen Vorgänger in Sachen Fahrdynamik schlichtweg demütigt.
Wem empfehle ich ihn: Enthusiasten mit extrem tiefen Taschen (rechnen Sie mit Optionen eher mit 400.000 Euro), die am Wochenende auf der Nordschleife oder in Misano den Drift-Mode nutzen wollen, aber sonntagmorgens rein elektrisch und lautlos aus der heimischen Villen-Einfahrt rollen möchten, ohne die Nachbarn zu wecken. Wem rate ich ab: Menschen, die glauben, sie würden hier einen „nachhaltigen“ Sportwagen kaufen. Und Unternehmern, die auf Dienstwagen-Steuervorteile spekulieren. Die 3,8-kWh-Batterie ist für das deutsche Finanzamt ein schlechter Witz. Wenn Sie ein Auto für den engen Stadtverkehr suchen, kaufen Sie sich einen Porsche 911 Turbo S. Der Lambo braucht Platz, Luft und Drehzahl.
FAQ
Warum hat Lamborghini keinen V10 mehr eingebaut? Die weltweiten, extrem strengen Abgasnormen (Euro 7) machten das Überleben des freisaugenden V10 unmöglich. Um die Flotten-CO2-Ziele zu erreichen und gleichzeitig mehr Leistung zu generieren, war der Wechsel auf einen aufgeladenen und hybridisierten V8-Motor unumgänglich.
Kann man den Temerario wirklich an der Steckdose aufladen? Ja, es ist ein echter Plug-in-Hybrid (HPEV – High Performance Electrified Vehicle). Er verfügt über einen Ladeanschluss. Allerdings kann der V8-Motor die winzige Batterie über den hinteren Elektromotor während der Fahrt auch selbst innerhalb weniger Minuten komplett wieder aufladen (Recharge-Modus).
Hat der Temerario einen Rückwärtsgang im Getriebe? Nein. Um Gewicht beim 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe zu sparen, hat Lamborghini den mechanischen Rückwärtsgang komplett weggelassen. Wenn Sie rückwärts einparken, wird das Auto ausschließlich von den beiden Elektromotoren an der Vorderachse angetrieben.




















