Mercedes-AMG SL 63 (2026): R232 Test, V8-Gewalt und das Touch-Desaster

Mercedes-AMG SL 63 (2026): R232 Test, V8-Gewalt und das Touch-Desaster
Foto: Mercedes-Benz AG

Mit der Baureihe R232 bricht der Mercedes-AMG SL 63 radikal mit der gemächlichen Cruiser-Tradition: Entwickelt auf der steifen MSA-Plattform in Affalterbach, kehrt der Luxus-Roadster zum dreilagigen Stoffverdeck zurück und koppelt den 4,0-Liter-Biturbo-V8 (M177) serienmäßig an den variablen Allradantrieb 4MATIC+ und eine aktive Wankstabilisierung mit hydraulischen Dämpfern.

Mit 430 kW (585 PS) und 800 Nm Drehmoment sprintet der 1.970 kg schwere Bolide in 3,6 Sekunden auf 100 km/h und erreicht 315 km/h Spitze. Doch bei einem Bruttolistenpreis ab 194.654 Euro sorgt vor allem das rein touchbasierte Verdeckmenü im 11,9-Zoll-Zentraldisplay und die 1,0%-Dienstwagenbesteuerung von monatlich knapp 2.000 Euro für Diskussionsstoff.

Technische Daten & Spezifikationen

Datenpunkt
Mercedes-AMG SL 63 4MATIC+ (R232, 2026)
Motor & Antrieb
4.0L V8-Biturbo (M177), Vollvariabler Allradantrieb
Leistung / Drehmoment
585 PS (430 kW) / 800 Nm
Getriebe
9-Gang-MCT (Nasse Anfahrkupplung)
Fahrwerk
Fünflenker vorn & hinten (AMG Active Ride Control)
Verdeck-Technik
Z-Faltung (Stoff), öffnet in 15 s bis 60 km/h
0-100 km/h / Vmax
3,6 s / 315 km/h
Testverbrauch (Mix)
ca. 12,5 – 15,0 l/100 km (Super Plus)
Länge / Breite (m. Spiegel)
4.705 mm / 2.100 mm (Millimeter-Krimi!)
Listenpreis (Real DE)
ab ca. 195.000 € (Testwagen real > 220.000 €)
Mercedes-AMG SL 63 - Bild 1
Foto: Mercedes-Benz AG

Unterhalt, Versicherung und die gnadenlose 1,0%-TCO-Falle

In der Total Cost of Ownership (TCO) ist dieser Roadster ein finanzieller Exzess, der selbst Spitzenverdienern Respekt abnötigt. Für Dienstwagenfahrer existiert hier absolut kein kaufmännisches Schlupfloch: Der 4.0-Liter-V8 fällt unweigerlich unter die maximale 1,0%-Dienstwagenversteuerung.

Die fatale Hybrid-Steuerfalle: Wer nun schlau sein will und zum unfassbaren SL 63 S E PERFORMANCE (816 PS) greift, erlebt sein blaues Wunder! Mercedes verbaut dort zwar einen PHEV-Antrieb, doch die winzige 6,1-kWh-Batterie ist nur auf maximale Kraftentfaltung („Always On“) und nicht auf Reichweite getrimmt. Mit lächerlichen 12 Kilometern E-Reichweite verfehlt das Auto die gesetzlichen Vorgaben für Hybrid-Subventionen in Deutschland krachend. Das Finanzamt verweigert den 0,5%-Vorteil – Sie zahlen auch für den Hybrid die volle 1,0%-Steuer! Hinzu kommen bei beiden Modellen exorbitante Vollkasko-Prämien und ein Reifenverschleiß (durch fast zwei Tonnen Leergewicht und Allrad-Grip), der das Haushaltsbudget massiv belastet.

Design, Abmessungen & der absolute 2,10-Meter Baustellen-Krimi

Das Beste, was der Baureihe passieren konnte, war die Rückkehr zum klassischen Stoffverdeck. Durch den Wegfall des unförmigen Blechdachs hat der SL seinen oftmals kritisierten, dicken Hintern verloren. Er ist flach, breit und atemberaubend proportioniert. Mit geöffnetem Dach sieht er aus wie eine rollende Skulptur. Die endlose Haube mit dem martialischen Panamericana-Grill und die weit nach hinten versetzte Kabine („Cab-Backward-Design“) zitieren klassische Roadster-Tugenden in Perfektion.

Auf der deutschen Autobahn fordert das Auto jedoch stählerne Nerven: Mit voll ausgeklappten Außenspiegeln misst der SL exakt und strichgenau 2.100 Millimeter in der Breite. Das juristische und physikalische Urteil: Ein unfassbarer Millimeter-Krimi! Die Nutzung der auf exakt 2,1 Meter limitierten linken Überholspur in Autobahnbaustellen ist für Sie rechtlich gerade noch so legal. Physisch haben Sie jedoch null Millimeter Toleranz! Fährt der Lkw rechts auch nur einen Wimpernschlag über die Linie, zerschellt Ihr 200.000-Euro-Roadster an der Leitplanke.

Mercedes-AMG SL 63 - Bild 3
Foto: Mercedes-Benz AG

Innenraum: Neigbares Display, Ergonomie-Verrat und die Dackel-Sitze

Wir öffnen die Türen und betreten einen hochdigitalisierten Technik-Tempel. Die Verarbeitung ist mit feinstem Nappaleder und kühlem Metall absolut makellos. Doch die Ergonomie spaltet die Gemüter.

Licht und Schatten der Digitalisierung: Dominant ist der riesige 11,9-Zoll-Touchscreen in der Mittelkonsole. Der geniale Clou: Wenn Sie offen fahren und die Sonne blendet, lässt sich das Display elektrisch von 12 auf 32 Grad Neigungswinkel aufrichten, um Spiegelungen zu eliminieren. Simpel, aber hochgradig effektiv! Der absolute Verrat: Mercedes zwingt Sie, das Verdeck über einen unsäglichen Touch-Slider auf genau diesem Bildschirm zu bedienen! Sie müssen den Finger während der Fahrt exakt auf dem rutschigen Glas halten. Wer bei Tempo 50 über eine Bodenwelle fährt und abrutscht, stoppt den Dach-Vorgang. Das ist ergonomisch ein klarer Rückschritt. Echte Tasten für die Klimaanlage fehlen ebenfalls.

Die Rettung (Die AMG-Manettinos): Zum Glück lenkt man diesen Boliden über das beste Sportlenkrad der Industrie. An den unteren Speichen sitzen zwei massive, klickende Drehregler mit kleinen LCD-Displays. Hier können Sie das Fahrwerk, die Auspuffklappen und die Fahrmodi steuern, ohne blind auf dem Zentral-Touchscreen herumzuwischen. Ein Meisterwerk! Die Notsitze (2+2-Konzept): Mercedes bewirbt den neuen SL als Viersitzer (für Personen bis 1,50 m). Die Realität? Kein Mensch mit echten Beinen kann dort sitzen. Aber: Für den Alltag ist diese gepolsterte Ablage für dicke Winterjacken, die Laptoptasche oder den Zwergdackel pures Gold wert, da der tatsächliche Heck-Kofferraum mit mageren 213 Litern eher als Handschuhfach durchgeht.

Antrieb und Fahrdynamik: V8-Gewalt, MCT-Getriebe und Hydraulik-Magie

Gott sei Dank: Im Jahr 2026, in dem der AMG C 63 auf vier Zylinder kastriert wurde, darf der SL 63 seinen massiven V8 behalten! Der 4.0-Liter-Biturbo (M177) schickt 585 PS und 800 Nm in den vollvariablen 4MATIC+ Allradantrieb.

Das Getriebe (Der MCT-Ruck): Affalterbach verbaut die AMG SPEEDSHIFT MCT 9G Automatik. Statt eines weichen Drehmomentwandlers arbeitet hier eine nasse Anfahrkupplung. Das Resultat: Im urbanen Stop-and-Go-Verkehr agiert der SL manchmal ruppig und ungeduldig. Aber unter Volllast auf der Landstraße knallt dieses Getriebe die Gänge derart unbarmherzig und peitschenartig hinein, dass ein spürbarer Ruck durchs Mark geht. Der Motor brüllt rotzig, bassig und herrlich mechanisch. 3,6 Sekunden auf 100 km/h fühlen sich durch den Allrad-Grip an wie der Start eines Flugzeugträgers.

Fahrwerks-Magie (Hydraulik statt Eisen): Der SL 63 wiegt leer 1.970 Kilogramm. Das ist schmerzhaft viel für einen Roadster. Doch AMG hebelt die Physik mit brachialer Technik aus: Die serienmäßige Hinterachslenkung macht ihn wendig wie einen Kompaktwagen. Der technische Höhepunkt ist die AMG Active Ride Control: Mechanische Querstabilisatoren wurden komplett entfernt! Stattdessen sind die adaptiven Dämpfer über ein hochkomplexes Hydrauliksystem kreuzweise vernetzt. Das Auto liegt in Kurven flach wie ein Skateboard, der mechanische Grip ist schier endlos. Er walzt die Landstraße in Grund und Boden. Aber Vorsicht: Er ist straff! Selbst im Comfort-Modus teilt der Roadster bei rauen Kanaldeckeln kräftig aus. Die sänftenartige Entkopplung eines alten SL 500 ist endgültig tot.

Mercedes-AMG SL 63 - Bild 5
Foto: Mercedes-Benz AG

Konkurrenz-Check: Mercedes-AMG SL 63 gegen Porsche 911 Cabrio und BMW M8

Die High-End Luxus-Cabrio-Liga im DACH-Duell:

Feature
Mercedes-AMG SL 63
Porsche 911 Turbo Cabrio
BMW M8 Competition Cabrio
Motor
4.0L V8-Biturbo (585 PS)
3.8L B6-Biturbo (580 PS)
4.4L V8-Biturbo (625 PS)
Antrieb
Allrad (4MATIC+)
Allrad (Vollvariabel)
Allrad (M xDrive)
Fahrwerk
Hydraulik (Wankstabilisierung)
PDCC (Aktive Stabis)
Adaptiv-Dämpfer
Gewicht
ca. 1.970 kg
ca. 1.710 kg (Benchmark!)
ca. 2.100 kg
Preis (Real)
ab ca. 195.000 €
ab ca. 240.000 €
ab ca. 185.000 €

Analyse: Rational betrachtet bleibt das Porsche 911 Turbo Cabriolet fahrdynamisch das absolute Maß der Dinge; er wiegt fast 260 Kilo weniger und lenkt noch chirurgischer ein, ist im Alltag aber knallhart und akustisch weniger emotional als der V8. Das BMW M8 Cabrio ist ein exzellenter, rasend schneller GT-Cruiser, wirkt im Innenraum aber zu bieder und nahe an der normalen 8er-Reihe. Der Mercedes-AMG SL 63 gewinnt dieses Duell als der emotionalste und extrovertierteste Allrounder: Er bietet brachiale V8-Präsenz, hochmoderne Fahrwerkstechnologie und den elegantesten Stoffdach-Auftritt seiner Klasse.

Mercedes-AMG SL 63 - Bild 7
Foto: Mercedes-Benz AG

Pro & Contra

  • ✅ V8-Meisterwerk: Der 4.0-Liter-Biturbo hängt giftig am Gas, brüllt bassig und feiert die reine Lehre des Verbrennungsmotors.
  • ✅ Hydraulisches Fahrwerk: Die Active Ride Control eliminiert die Wankneigung völlig und verbeißt die 2 Tonnen Masse tief in den Asphalt.
  • ✅ Alltagstauglichkeit (2+2): Der serienmäßige Allradantrieb macht ihn zum Winter-Fahrzeug, die Notsitze schlucken das Handgepäck.
  • ✅ Neigbares Display: Der elektrische Tilt-Mechanismus des Touchscreens heilt das Blendungs-Problem offener Cabrios genial einfach.
  • ❌ Touch-Verdeck-Steuerung: Das Öffnen und Schließen des Dachs per Touch-Slider auf Glas ist während der Fahrt eine ergonomische Bankrotterklärung.
  • ❌ Verlust des Sänften-Komforts: Die Federung ist kompromisslos auf Sport getrimmt; die alte SL-Klientel wird den Gleiter-Komfort bitter vermissen.
  • ❌ TCO-Falle (Hybrid): Auch das überteuerte 816-PS-E-Performance Modell verfehlt die 0,5%-Steuerhürde und kostet die volle 1,0%-Dienstwagensteuer.
  • ❌ Baustellen-Krimi: Mit exakt 2,10 Metern Außenbreite (inkl. Spiegel) ist die linke Autobahn-Baustellenspur ein schweißtreibendes Millimeter-Risiko.

Fazit von Alex Wind: Der Mercedes-AMG SL 63 im Realitätscheck

Alex Wind zieht Bilanz: Der Mercedes-AMG SL 63 4MATIC+ (2026) hat spürbar die Seiten gewechselt. Wenn Sie einen hochkomfortablen Gleiter für die entspannte Fahrt zum Golfclub suchen, in dem Sie weich wogend vom Alltag isoliert werden: Gehen Sie zum Händler und kaufen Sie sich zwingend das CLE Cabriolet (oder eine offene S-Klasse auf dem Gebrauchtmarkt)!

Dieser SL ist ein reinrassiger, muskulöser Sportwagen geworden. Er zielt nicht mehr gemütlich auf den Bentley Continental GTC, sondern er jagt aggressiv das Porsche 911 Turbo Cabriolet. Er ist lauter, straffer und hochdigitalisierter als alle seine Vorgänger. Das hydraulische Fahrwerk ist ein technologischer Triumph über die Physik, der V8 ein akustischer Hochgenuss.

Mein eiserner Rat an Sie: Sparen Sie sich das absurde Aufpreisgeld und das Zusatzgewicht für den völlig überzogenen 816-PS-Hybrid (E Performance)! Kaufen Sie den klassischen SL 63 V8, erfreuen Sie sich an den physischen Manettino-Drehreglern am Lenkrad, verfluchen Sie kurz den fummeligen Dach-Schalter auf dem Touchscreen und genießen Sie das vermutlich emotionalste Fahrzeug, das Affalterbach in der auslaufenden Verbrenner-Ära aktuell zu bieten hat.

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