Es gab eine Zeit, da war der Mercedes SL das Auto für den erfolgreichen Zahnarzt im Ruhestand. Ein sanfter Gleiter. Ein „S-Klasse Cabrio“ im Kleinformat. Er bügelte Bodenwellen weg, und der V8 brabbelte leise im Hintergrund. Vergessen Sie das. Der aktuelle SL (Baureihe R232) ist kein „Mercedes-Benz“ mehr. Er ist ein reiner Mercedes-AMG. Affalterbach hat die Entwicklung übernommen und den SL komplett neu erfunden. Das Metalldach ist weg (endlich wieder Stoff!). Der Heckantrieb ist weg (jetzt immer Allrad). Und die Sanftheit? Die wurde gegen Adrenalin getauscht. Wir haben den SL 63 4MATIC+ getestet. Ist er im Jahr 2026 der bessere Porsche 911 Cabrio, oder hat er seine Seele als luxuriöser Cruiser verloren?
Das Design: Stoff gibt Stoff
Das Beste, was dem SL passieren konnte, war die Rückkehr zum Stoffverdeck. Schluss mit dem unförmigen „Vario-Dach“, das dem Vorgänger einen dicken Hintern verpasste. Der neue SL ist flach, breit und wunderschön. Mit geöffnetem Dach (dauert 15 Sekunden, geht bis 60 km/h) sieht er aus wie eine Skulptur. Die lange Haube, die weit nach hinten versetzte Kabine – das sind klassische Roadster-Proportionen. In der Farbe „Alpingrau Uni“ mit schwarzen 21-Zoll-Felgen wirkt er nicht mehr wie ein Rentner-Auto, sondern wie ein Kampfjet für die Straße.
Der Motor: V8-Donnerwetter
Im Jahr 2026 werden V8-Motoren selten. Aber der SL 63 darf seinen behalten. 4.0-Liter V8-Biturbo. 585 PS. 800 Nm. Das ist ein Triebwerk der alten Schule. Starten Sie den Motor, und die Nachbarschaft ist wach. Er klingt rotzig, bassig, präsent. Dank des 4MATIC+ Allradantriebs verpufft die Kraft nicht mehr. 0 auf 100 km/h in 3,6 Sekunden. Der Schub ist gewaltig. Die 9-Gang-Automatik (MCT mit nasser Anfahrkupplung) knallt die Gänge rein, dass es einen Ruck durchs Auto gibt. Im Modus „Comfort“ kann er zwar auch ruhig, aber man spürt immer die Anspannung. Der Motor will rennen. Er ist kein souveräner Gleiter mehr, er ist ein Raubtier an der Leine.
Fahrverhalten: Physik gegen Technik
Der SL 63 wiegt knapp 2 Tonnen. Das ist viel für einen Sportwagen. Aber Mercedes wirft alles an Technik in den Ring, was existiert:
- Hinterachslenkung: Macht ihn wendig wie einen Kompakten.
- Active Ride Control: Eine hydraulische Wankstabilisierung (keine herkömmlichen Stabis). Das Auto liegt in Kurven flach wie ein Brett. Das Ergebnis ist beeindruckend. Man kann den SL unglaublich schnell durch Kurven jagen. Der Grip ist endlos. Aber: Er ist straff. Selbst im Comfort-Modus spürt man Kanaldeckel deutlich. Die Sänfte des alten SL 500 ist Geschichte. Wer Rückenschmerzen hat, sollte lieber zur S-Klasse greifen.
Innenraum: Der Trick mit dem Display
Innen ist der SL ein Technik-Tempel. Dominant ist der riesige Touchscreen in der Mitte. Der Clou: Er lässt sich elektrisch neigen. Fährt man offen und die Sonne scheint, stellt man das Display steiler, um Spiegelungen zu vermeiden. Simpel, aber genial. Die Verarbeitung ist exzellent (Nappa-Leder überall), aber die Bedienung ist fast rein digital. Verdeck öffnen? Wischen auf dem Touchscreen (oder Taste gedrückt halten). Klimaanlage? Touch. Das lenkt ab. Neu ist das 2+2 Konzept. Hinter den Vordersitzen gibt es zwei Notsitze. Mercedes sagt: „Für Personen bis 1,50 Meter“. Wir sagen: „Für Jacken oder den Dackel“. Kein Mensch mit Beinen kann dort sitzen, wenn vorne jemand sitzt. Aber als zusätzlicher Stauraum ist es Gold wert.
SL 63 S E Performance: Braucht man 816 PS?
Es gibt den SL auch als Hybrid-Monster mit E-Motor hinten. 816 PS. Er ist noch schneller auf der Geraden. Aber er ist auch noch schwerer (Batterie!). Ganz ehrlich? Der „normale“ SL 63 mit 585 PS reicht völlig. Er ist leichter, der Kofferraum ist größer (der Hybrid verliert Platz wegen der Batterie) und er fühlt sich harmonischer an. Sparen Sie sich den Aufpreis.
Fazit: Der Porsche-Jäger
Der Mercedes-AMG SL 63 (2026) hat die Seiten gewechselt. Er ist kein Cruiser mehr. Er ist ein echter Sportwagen geworden. Er zielt nicht mehr auf den Bentley Continental GT, sondern direkt auf das Porsche 911 Turbo Cabrio. Er ist lauter, brutaler und digitaler als je zuvor. Wer den alten, schaukelnden SL mochte, wird den neuen als zu hart empfinden. Aber wer einen offenen Sportwagen mit V8-Sound, Allrad-Sicherheit und atemberaubendem Design sucht, findet hier das emotionalste Auto, das Mercedes aktuell baut.
Kaufen Sie ihn, wenn:
- Sie V8-Sound lieben (solange es ihn noch gibt).
- Sie Allradantrieb brauchen (der SL ist jetzt wintertauglich).
- Sie das Design eines klassischen Stoffdach-Roadsters schätzen.
Lassen Sie es, wenn:
- Sie ultimativen Komfort suchen. Der SL ist straff abgestimmt.
- Sie hinten Menschen mitnehmen wollen. Die Rücksitze sind Deko.
- Sie Touch-Bedienung hassen. Knöpfe gibt es kaum noch.

















