Er war der Erste. Lange vor Tesla Model 3, vor VW ID.3, vor allem Hype gab es den Nissan Leaf. Er hat Elektromobilität demokratisiert. Aber in den letzten Jahren war der Leaf das Sorgenkind. Veralteter CHAdeMO-Ladeanschluss (den kaum noch eine Säule hat), keine Flüssigkühlung (Stichwort: „Rapidgate“), biederer Look. Er war ein Dinosaurier. Doch das ist Geschichte. Wir begrüßen den Nissan Leaf der dritten Generation (Modelljahr 2026). Er wird nicht mehr in Japan, sondern im englischen Sunderland gebaut. Er ist kein hochbeiniger Kompaktwagen mehr, sondern ein schnittiger Crossover-Coupé. Wir haben den Nachfolger des Weltbestsellers getestet. Hat Nissan aus den Fehlern gelernt, oder ist der Zug längst abgefahren?
Das Design: Baby-Ariya statt Froschgesicht
Vergessen Sie den alten Leaf. Der Neue hat nichts mehr mit ihm gemein. Er basiert auf der Studie „Chill-Out“. Das bedeutet: Glatte Flächen, eine schwarze Frontmaske mit integrierten LED-Flügeln („V-Motion“ digital interpretiert) und ein abfallendes Heck. Er sieht aus wie ein geschrumpfter Nissan Ariya. Und das ist ein Kompliment. Der Leaf 2026 wirkt futuristisch, aber nicht „weird“ wie früher. Er steht satt auf optionalen 19-Zoll-Rädern. Er passt perfekt in die moderne Crossover-Welt zwischen VW ID.3 und Cupra Born.
Endlich: CCS und Thermomanagement
Kommen wir zum wichtigsten Punkt. Wenn Sie einen alten Leaf-Fahrer sehen, wie er an der Raststätte weint, liegt das an zwei Dingen:
- Der Ladesäule fehlt der CHAdeMO-Stecker.
- Die Batterie ist zu heiß („Rapidgate“) und lädt nur mit Schneckentempo.
Der 2026er Leaf löst beides. Er nutzt endlich den europäischen Standard CCS. Sie können an jedem Supercharger (für Fremdmarken offen) und an jedem Ionity-Lader andocken. Und: Der Akku hat eine aktive Flüssigkühlung. Wir haben ihn über die Autobahn gescheucht und sofort an den Schnelllader gehängt. Ergebnis: Er zieht stabil seine 130 kW (bei der großen Batterie). Keine Drosselung. Endlich ist der Leaf vollgasfest und langstreckentauglich. Die Ladegeschwindigkeit ist nicht rekordverdächtig (ein Hyundai Ioniq 5 lädt schneller), aber sie ist absolut alltagstauglich (10-80% in ca. 30 Minuten).
Der Antrieb: CMF-EV Plattform sei Dank
Der neue Leaf teilt sich die Technik mit dem Renault Megane E-Tech und dem Nissan Ariya. Das bedeutet: Frontantrieb (oder optional Allrad „e-4ORCE“ beim Topmodell). Wir fuhren die Version mit 218 PS (160 kW) und der 60-kWh-Batterie. Das Auto wiegt weniger als der große Ariya, und das spürt man. Der Leaf wuselt agil durch den Stadtverkehr. Der Antritt ist ansatzlos. Das Fahrwerk ist europäisch abgestimmt (er wird ja in UK gebaut). Straff, aber nicht unkomfortabel. Die Lenkung ist direkt. Die Reichweite? Im Mix schafften wir reale 380 bis 400 Kilometer. Im Winter sind es eher 300. Das ist solider Klassendurchschnitt. Wer mehr will, muss zur teureren 87-kWh-Version greifen (die dann aber schwerer ist).
Innenraum: Lounge-Feeling und Google
Innen führt Nissan die Linie des Ariya fort. Das Armaturenbrett ist minimalistisch. Knöpfe gibt es kaum noch, dafür haptische Tasten, die in eine Holzleiste integriert sind. Das sieht edel aus, ist aber blind schwer zu bedienen. Das Infotainment läuft (wie beim Qashqai) über Google built-in. Maps, Assistant, Spotify – alles nativ an Bord. Es läuft flüssig, die Ladeplanung („Wann muss ich wo laden?“) funktioniert perfekt und konditioniert den Akku vor. Ein Highlight ist der Platz. Da der Leaf nun ein Crossover ist, sitzt man etwas höher. Hinten ist die Kopffreiheit durch die Coupé-Linie für Menschen über 1,85 Meter etwas knapp, aber die Beinfreiheit ist dank des langen Radstands gut. Der Kofferraum ist gut nutzbar, hat aber eine hohe Ladekante.
e-Pedal: Das Original bleibt das Beste
Eine Sache hat Nissan vom alten Leaf behalten und verbessert: Das e-Pedal Step. Es ist immer noch eines der besten One-Pedal-Driving-Systeme auf dem Markt. Man geht vom Gas, und das Auto verzögert bis zum Stillstand (je nach Modus). Die Abstimmung ist so fein, dass man das Bremspedal im Alltag fast vergisst. Hier merkt man die 15 Jahre Erfahrung, die Nissan mit E-Autos hat.
Fazit: Die späte Rache des Pioniers
Der Nissan Leaf (2026) ist endlich das Auto geworden, das er immer sein sollte. Er hat seine Altlasten (CHAdeMO, Luftkühlung) abgeworfen und präsentiert sich als stylischer, moderner Crossover. Er ist vielleicht nicht der „Technologie-Träger“ wie ein Tesla und lädt nicht so schnell wie ein Hyundai mit 800-Volt-Technik. Aber er ist ein extrem ausgewogenes, gut verarbeitetes und (dank Produktion in UK) wohl auch gut lieferbares E-Auto. Er ist vom „Sonderling für Ökos“ zum „coolen Daily Driver“ aufgestiegen.
Kaufen Sie ihn, wenn:
- Sie das e-Pedal lieben (One-Pedal-Driving in Perfektion).
- Sie ein E-Auto wollen, das Google-Dienste nativ integriert hat.
- Sie Design mögen. Der „Mini-Ariya“-Look kommt gut an.
Lassen Sie es, wenn:
- Sie oft hinten große Erwachsene mitnehmen. Die Coupé-Form kostet Kopfraum.
- Sie Laderekorde brechen wollen. Ein Hyundai Ioniq 5 oder Kia EV6 lädt schneller.
- Sie physische Knöpfe für die Klimaanlage brauchen. Die Touch-Leiste im Holz ist gewöhnungsbedürftig.




















