Morgens um 5:30 Uhr an einem deutschen Logistikzentrum. Es riecht nach kaltem Kaffee, Dieselabgasen und Stress. Hier zählt keine Spaltmaß-Ästhetik und kein weichgeschäumtes Armaturenbrett. Hier zählt: Springt er an? Geht die Schiebetür schnell auf? Und wie viel passt rein? Lange Zeit war der Renault Master der “Günstige”. Die pragmatische Wahl für Flottenmanager, denen der Mercedes Sprinter zu teuer und der VW Crafter zu bieder war. Doch mit der vierten Generation (seit 2024 auf dem Markt, 2026 voll etabliert) hat Renault den Anspruch geändert. Sie nennen ihn “Aerovan”. Er sieht aus, als hätte man einen Kühlschrank im Windkanal geschliffen. Wir haben den neuen “Meister” der Franzosen dort getestet, wo es weh tut: Im Stadtverkehr mit Zeitdruck, auf der linken Spur der A2 und vollbeladen auf der Baustelle. Ist er wirklich der Sprinter-Killer oder nur ein hübsch verpackter Lastesel?
Das Design: Aerodynamik statt Schrankwand
Wenn man vor dem 2026er Master steht, wirkt er wuchtig. Der Grill ist riesig, die Motorhaube kurz und steil. Das hat einen Grund: Aerodynamik. Renault verspricht, dass dieser Van 20% weniger Luftwiderstand hat als der Vorgänger. Und tatsächlich: Auf der Autobahn bei Tempo 130 merkt man das. Normalerweise dröhnt es in einem Kastenwagen (L2H2) bei diesem Tempo, als säße man in einer Blechtrommel. Im neuen Master ist es überraschend ruhig. Die Windgeräusche an der A-Säule sind gedämpft. Noch wichtiger: Der Verbrauch. Unser Testwagen, der Blue dCi 170 (Diesel) mit der 9-Gang-Automatik, pendelte sich bei 8,5 bis 9,5 Litern ein – trotz Beladung. Für einen Transporter dieser Größe ist das ein Wort. Der alte Master soff hier gerne mal zweistellig. Der “Aerovan”-Trick funktioniert also nicht nur im Prospekt, sondern auch an der Zapfsäule.
Das Büro: Google fährt mit
Klettert man in die Kabine (und ja, man klettert, der Einstieg ist hoch), landet man in einem modernen Arbeitsplatz. Das Highlight ist das OpenR Link System mit 10-Zoll-Screen. Es basiert auf Android Automotive. Das bedeutet: Google Maps ist fest integriert. Für Kurierfahrer (“KEP-Dienste”) ist das ein Segen. Keine wackelige Handyhalterung an der Lüftungsdüse mehr, kein Akku-Drain am Smartphone. Man tippt die Adresse ein, Google berechnet die Route inklusive Stauumfahrung in Echtzeit. Es ist das beste Navi-System im Transporter-Segment, punkt. Besser als das MBUX im Mercedes, weil es simpler ist. Der Rest des Cockpits ist “Handwerker-Chic”. Hartes, grob genarbtes Plastik. Aber das ist gut so. Wenn man hier mit öligen Handschuhen anfasst oder den Klemmbrett-Halter in die Ablage pfeffert, geht nichts kaputt. Genial: Der mittlere Sitz lässt sich umklappen und wird zum Schreibtisch (“Vesperbrett”), inklusive Halter für den Laptop. Unter der Sitzbank ist ein riesiges Staufach (“The Cave”), in das locker Helme, Warnwesten und das Sixpack Wasser passen.
Der Laderaum: Die Europaletten-Schlacht
Kommen wir zum Business. Wir öffnen die seitliche Schiebetür. Ratsch-Klonk. Das Geräusch ist solide, die Führungsschiene wirkt robuster als früher. Der Clou: Die Öffnung ist breiter geworden. Man kann jetzt eine Europalette quer durch die Schiebetür laden. Das spart im hektischen Logistik-Alltag Sekunden, die sich am Tag zu Minuten summieren. Innen ist der Master 2026 sehr “eckig”. Die Wände stehen fast senkrecht, was den Regaleinbau (z.B. von Sortimo oder Würth) erleichtert. Die Ladekante ist angenehm niedrig (Frontantriebs-Version). Wer die Heckantriebs-Variante für schwere Hänger (Zwillingsbereifung) wählt, muss das Zeug etwas höher wuchten. Zuladung? Je nach Version bis zu 1,6 Tonnen (bei 3,5t Gesamtgewicht) oder bis zu 2,4 Tonnen (bei der 4-Tonnen-Version, Achtung: Führerschein C1 nötig!).
Antrieb: Diesel vs. Elektro vs. Wasserstoff
Im Jahr 2026 ist die Antriebsfrage im Transporter-Segment ein Politikum.
1. Der Diesel (Blue dCi): Er bleibt der König der Langstrecke. Wir fuhren die 170-PS-Version. Der Motor hat Kraft (380 Nm), zieht auch am Berg sauber durch. Die neue 9-Gang-Wandlerautomatik (von ZF) ist ein Traum. Sie schaltet butterweich und hält die Drehzahlen niedrig. Kein Vergleich zum hakeligen Schaltgetriebe oder den schrecklichen automatisierten Schaltgetrieben früherer Jahre. Aber: Man muss AdBlue tanken. Oft.
2. Der Elektrische (E-Tech): Für die “Letzte Meile” in der Stadt. Renault bietet riesige Akkus an (bis 87 kWh). Realistische Reichweite: 300 bis 350 km. Das reicht für den Amazon-Subunternehmer locker für eine Schicht. Das Fahren ist herrlich entspannt. Kein Nageln, sofortiges Drehmoment, Rekuperation schont die Bremsen. Und er lädt mit 130 kW DC – in der Mittagspause bekommt man ihn wieder zu 80% voll.
3. Der Exot (H2-Tech): Renault bietet den Master auch mit Brennstoffzelle an. Aber sind wir ehrlich: Wer hat 2026 eine Wasserstoff-Tankstelle im Gewerbegebiet? Das ist ein Nischenprodukt für staatlich geförderte Flotten, für den normalen Handwerker irrelevant.
Das Fahrgefühl: Ein großer Fisch im kleinen Teich
Der Master ist groß. Sehr groß. Der Wendekreis wurde zwar verbessert (ca. 1,5 Meter weniger als beim Vorgänger), aber in einer engen deutschen Altstadtgasse oder beim Rangieren auf dem Hof des Baustoffhändlers kommt man ins Schwitzen. Die Spiegel sind riesig, aber die Rückfahrkamera (oder der digitale Rückspiegel, der permanent das Kamerabild zeigt) ist Pflicht. Die Lenkung ist leichtgängig, fast schon zu leicht bei hohem Tempo. Neu und gewöhnungsbedürftig: Das “Brake-by-Wire”-System. Das Bremspedal hat keine direkte Verbindung zur Hydraulik mehr. Das Pedalgefühl ist etwas künstlich, immer gleich hart, egal ob der Wagen leer oder voll ist. Daran muss man sich gewöhnen, aber es reagiert im Notfall (Notbremsassistent) schneller als ein menschlicher Fuß.
Fazit: Der Preis-Leistungs-Sieger
Der Renault Master (2026) hat den Abstand zum Mercedes Sprinter massiv verkürzt. Er bietet das bessere Infotainment (Google sei Dank), einen fast genauso guten Fahrkomfort und verbraucht weniger. Er hat nicht das Prestige des Sterns. Wenn Sie beim Kunden vorfahren, wirkt der Mercedes immer noch “edler”. Aber für den Unternehmer, der mit dem spitzen Bleistift rechnet, ist der Master das bessere Werkzeug. Er ist der ehrlichste Malocher im Segment.
Kaufen Sie ihn, wenn:
- Sie ein modernes Büro auf Rädern brauchen (Google Maps Integration ist ein Gamechanger).
- Sie auf jeden Liter Diesel achten. Die Aerodynamik spart bares Geld.
- Sie Paletten oft seitlich laden müssen.
Lassen Sie es, wenn:
- Sie in extrem engen Innenstädten arbeiten. Ein Ford Transit Custom ist wendiger.
- Sie den höchsten Wiederverkaufswert brauchen. Da liegt der Sprinter immer noch vorn.
- Sie Allrad (4×4) für schweres Gelände brauchen. Hier sind der VW Crafter/MAN TGE (Oberaigner Umbauten) oder Sprinter 4×4 kompetenter.
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