Citroën C5 Aircross (2026) im Test: Der Anti-Tiguan und die Rückkehr des fliegenden Teppichs

Wir in Deutschland leiden an einem kollektiven automobilen Stockholm-Syndrom. Wir lassen uns von Marketing-Abteilungen einreden, dass ein Familien-SUV unbedingt ein tiefergelegtes Sportfahrwerk, ein „R-Line“-Paket und bockharte 20-Zoll-Felgen braucht. Dann poltern wir mit unseren Kindern auf der Rückbank über kaputte Straßen, spüren jeden Kanaldeckel in den Bandscheiben und reden uns ein: „Das ist sportlich. Das muss so.“ Es ist an der Zeit, diese Lüge zu beenden. Das perfekte Gegenmittel kommt aus Frankreich. Ich bin die völlig neu entwickelte, zweite Generation des Citroën C5 Aircross gefahren (jetzt 4,65 Meter lang und auf der neuen STLA-Medium-Plattform). Dieses Auto macht sich nicht einmal die Mühe, das Wort „Sport“ in den Mund zu nehmen. Es ist eine rollende Festung der Entspannung. Ein Anti-Tiguan. Ein Manifest für den Komfort.

Die Federung: Warum ein SUV kein Rennwagen ist

Fahren Sie mit einem modern ausgestatteten, deutschen Kompakt-SUV über einen abgesenkten Bordstein, und Ihr Kaffee schwappt aus dem Becherhalter. Fahren Sie mit dem neuen C5 Aircross über denselben Bordstein, und Sie fragen sich, ob er überhaupt existiert hat.

Citroën nutzt sein Meisterstück: Die „Advanced Comfort“-Federung mit hydraulischen Anschlägen (Progressive Hydraulic Cushions). Anstatt den Stoßdämpfer am Ende des Federwegs hart gegen Gummi knallen zu lassen, wird die Energie hydraulisch und sanft abgebaut. Das Resultat ist der legendäre „Fliegende-Teppich-Effekt“. Auf der Autobahn gleitet der Wagen über Bodenwellen hinweg, als würde er schweben. Ja, in schnellen Kurven neigt sich die Karosserie zur Seite. Beim starken Bremsen taucht die Front spürbar ein. Das Auto kommuniziert mit Ihnen: „Entspann dich. Lass den Audi hinter dir drängeln. Wir haben Zeit.“ Es zwingt Sie zu einem defensiven, ruhigen Fahrstil, der den Puls senkt.

Wohnzimmersessel und das Drei-Kindersitz-Wunder

Der zweite Teil der Komfort-Philosophie findet im Innenraum statt. Die Sitze bestehen in ihrem Kern aus hochverdichtetem Schaumstoff, überzogen mit einer zusätzlichen, 15 Millimeter dicken Schicht aus weichem Spezialschaum. Man setzt sich nicht auf diese Sitze, man sinkt leicht in sie hinein – wie in einen teuren Lounge-Sessel.

Die absolute Geheimwaffe für Familien befindet sich jedoch in Reihe zwei. Während die Konkurrenz oft nur eine durchgehende Rückbank mit einem harten Notsitz in der Mitte anbietet, verbaut Citroën drei identisch breite, verschiebbare und in der Neigung verstellbare Einzelsitze. Wenn Sie drei Kinder haben und drei Isofix-Kindersitze nebeneinander montieren müssen, ist der C5 Aircross (neben dem 5008) eines der wenigen Autos auf dem Markt, das dieses Problem stressfrei löst. Der Kofferraum schluckt dabei gewaltige 580 bis 720 Liter (je nach Sitzposition).

Digitaler Minimalismus und der e-DCS6 Antrieb

Im Cockpit macht Citroën (anders als Schwestermarke Peugeot mit dem extremen i-Cockpit) auf unaufgeregt. Das neue, freistehende 12-Zoll-Infotainment-Display in der Mitte reagiert nun deutlich schneller und nutzt ChatGPT für die Sprachsteuerung. Wichtig für Pragmatiker: Es gibt weiterhin echte physische Tasten („Toggle Switches“) unter dem Bildschirm für die wichtigsten Funktionen wie Klima und Warnblinker!

Unter der Haube meines Testwagens arbeitet der neue Mild-Hybrid: Ein 1,2-Liter-Dreizylinder (136 PS), gekoppelt an ein neues 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (e-DCS6), in das ein kleiner Elektromotor (21 kW) integriert ist. Im Stadtverkehr ist das System genial. Der C5 Aircross fährt fast immer rein elektrisch an, der Benziner schaltet sich vibrationsfrei dazu. Erst wenn Sie auf der Autobahn mit vier Personen zügig überholen wollen, merken Sie, dass 136 PS für den schweren Wagen etwas knapp bemessen sind. Der Dreizylinder knurrt dann hörbar auf. Wer mehr Souveränität sucht, muss zu den ebenfalls neuen, rein elektrischen Versionen (ë-C5 Aircross) greifen.

Technische Daten & Realitäts-Check

Kategorie
Citroën C5 Aircross Hybrid 136 e-DCS6 (2026)
Plattform
STLA Medium (Stellantis)
Motor & Antrieb
1.2L 3-Zyl. Benziner + 21 kW E-Motor, Frontantrieb
Systemleistung / Drehmoment
136 PS (100 kW) / 230 Nm
0-100 km/h / Vmax
ca. 10,2 s / 200 km/h
Testverbrauch (Mix)
5,6 l/100 km
Länge / Breite / Höhe
4.650 mm / 1.890 mm / 1.660 mm
Kofferraumvolumen
580 bis 720 Liter (bei umgeklappten Sitzen 1.630 L)
Basispreis (Schätzung DE)
ab ca. 34.990 Euro

Konkurrenz-Check

  • VW Tiguan (1.5 eTSI): Der deutsche Maßstab. Der Tiguan fährt sich auf der Autobahn satter, lenkt präziser und bietet (gegen teuren Aufpreis) feinere Materialien im Cockpit. Allerdings ist sein Fahrwerk selbst im Comfort-Modus deutlich straffer als das des Citroën. Wer drei Einzelsitze im Fond sucht, wird bei VW enttäuscht. Zudem ist der Tiguan ausstattungsbereinigt schnell 6.000 bis 8.000 Euro teurer.
  • Peugeot 3008 (Hybrid 136): Der rebellische Bruder. Er nutzt exakt die gleiche STLA-Medium-Plattform und denselben Motor. Aber der Peugeot ist komplett auf Dynamik getrimmt. Er hat ein strafferes Fahrwerk, das winzige Lenkrad des i-Cockpits und das flach abfallende Fastback-Heck (was Kopffreiheit und Kofferraum kostet). Der Citroën ist der Vernünftigere und Bequemere der beiden Franzosen.

Pro & Contra

  • Pro: Konkurrenzlos weiches Fahrwerk – ein Segen für den Rücken.
  • Pro: Drei vollwertige, verschiebbare Einzelsitze hinten (Familien-Killer-Feature).
  • Pro: Hervorragende Geräuschdämmung (Akustikglas).
  • Pro: Extrem sanftes Anfahren im Stadtverkehr dank e-DCS6-Getriebe.
  • Contra: Lenkung ist sehr leichtgängig und komplett gefühllos.
  • Contra: Spürbare Seitenneigung in schnellen Kurven.
  • Contra: 136-PS-Dreizylinder wirkt auf der Autobahn bei Überholvorgängen angestrengt.

Fazit: Alex Wind meint…

Klartext: Wir müssen aufhören, Autos für Fahrsituationen zu kaufen, die im Alltag nicht existieren. Sie fahren mit Ihrem Familien-SUV nicht auf die Nordschleife. Sie fahren damit zum Supermarkt, in den Urlaub nach Italien und stehen im Berufsverkehr auf der A8. Der neue Citroën C5 Aircross (2026) ist das ehrlichste Auto seiner Klasse. Er bietet eine Entschleunigungs-Therapie auf vier Rädern. Wer ein straffes Sportfahrwerk sucht, ist hier völlig falsch. Wer aber einfach nur in absoluter Ruhe, ohne Rückenschmerzen und mit drei Kindern stressfrei von A nach B kommen will, findet derzeit kaum ein besseres Angebot.

Wem empfehle ich ihn: Gestressten Familienvätern, Langstrecken-Cruisern und Menschen mit Rückenproblemen. Wenn Sie regelmäßig drei Kindersitze auf der Rückbank unterbringen müssen, ist der C5 Aircross ein absoluter No-Brainer. Wem rate ich ab: Sportlichen Fahrern, Kurvenräubern und Tiguan-R-Line-Fans. Wer jedes Wochenende die Landstraße „erfahren“ will und eine direkte Rückmeldung von der Lenkung braucht, wird mit dem fliegenden Teppich aus Frankreich todunglücklich.

FAQ

Gibt es den neuen C5 Aircross (2026) auch rein elektrisch? Ja! Da das Auto auf der neuen STLA-Medium-Plattform steht, wird er auch als „ë-C5 Aircross“ angeboten. Hier stehen voraussichtlich zwei Batteriegrößen (73 kWh und satte 97 kWh) zur Verfügung. Die große Batterie soll Reichweiten von bis zu 680 Kilometern (WLTP) ermöglichen, was ihn zu einem echten Langstrecken-Stromer macht.

Haben die hinteren Einzelsitze alle Isofix-Halterungen? Citroën verbaut im C5 Aircross Isofix-Halterungen auf den beiden äußeren Rücksitzen sowie auf dem Beifahrersitz. Der mittlere Sitz hinten hat (anders als beim größeren 5008) meist keine eigene Isofix-Verankerung, ist aber breit genug, um einen regulären Kindersitz mit dem normalen 3-Punkt-Gurt sicher und fest zu fixieren.

Muss ich das Hydraulik-Fahrwerk warten lassen wie die alte Hydropneumatik? Nein. Die alte, komplexe Hydropneumatik (bekannt aus dem Citroën DS oder C5) mit ihren grünen Federkugeln und anfälligen Leitungen baut Citroën nicht mehr. Die aktuelle „Advanced Comfort“-Federung nutzt konventionelle mechanische Stahlfedern und Stoßdämpfer. Das Geheimnis sind lediglich kleine, rein mechanische Hydraulik-Kissen im Inneren der Dämpfer. Das System ist völlig wartungsfrei.

Galerie

Author: Alex Wind
Alex Wind ist Gründer von HH-AUTO und Chefredakteur des Mediennetzwerks. Als studierter Fahrzeugtechniker (FH Esslingen) mit über 10 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie (u.a. Qualitätssicherung) und Mitglied im Verband der Automobiljournalisten (VDAJ), legt er den Fokus auf fundierte Testberichte, technische Analysen und Import-Checks.


    ⚠️ Fehler im Artikel entdeckt?


    Helfen Sie uns kurz mit einem anonymen Hinweis:

    Spam-Schutz: