Es gibt Momente im Leben eines Autojournalisten, in denen man die geistige Zurechnungsfähigkeit von Ingenieuren ernsthaft infrage stellen muss. Ein solcher Moment ist jener, in dem man an einer roten Ampel in München in einem fast drei Tonnen schweren, feuerroten Familien-Van steht, das Fahrpedal durchtritt und einen völlig verdutzten Porsche-Fahrer in einer lautlosen Orgie der Beschleunigung im Rückspiegel schrumpfen lässt. Willkommen im Jahr 2026 und willkommen an Bord des VW ID. Buzz GTX. Volkswagen hat seinem knuffigen, elektrischen Retro-Bus das stärkste Antriebs-Setup des Konzerns verpasst: Allradantrieb, zwei Elektromotoren und absurde 340 PS. Ich habe die Langversion (LWB) dieses über 75.000 Euro teuren Power-Schranks über bayerische Alpenpässe und die deutsche Autobahn gejagt, um eine einfache Frage zu beantworten: Wer zur Hölle braucht einen Familienbus, der in knapp über sechs Sekunden auf Tempo 100 sprintet?
Kirschrot, 21 Zoll und das Ende der Vernunft
Optisch macht der GTX sofort klar, dass er nicht auf dem Weg zum nächsten Bioladen ist. Die Frontschürze ist exklusiv für dieses Modell aggressiver gezeichnet, mit schwarzen Wabengittern und pfeilförmigen LED-Tagfahrlichtern, die aussehen wie kleine Haifischzähne. Mein Testwagen steht auf wuchtigen 21-Zoll-Leichtmetallfelgen („Townsville“), die den Radkasten des Retro-Busses perfekt ausfüllen. Die exklusive Lackierung in „Cherry Red“ (optional als Zweifarblackierung mit Silber) sorgt dafür, dass Ihnen auf der Straße buchstäblich jeder hinterherschaut. Dieser Bus ist ein rollendes Statement für Menschen, denen ein Audi e-tron zu gewöhnlich und ein Tesla Model X zu steril ist.
Doch die wahre Revolution für den Alltag findet im Innenraum statt. Wenn Sie sich für den langen Radstand (LWB) entscheiden, wächst der Buzz auf fast fünf Meter. Das bedeutet: Sie bekommen endlich drei echte Sitzreihen und Platz für bis zu sieben Personen. Das Interieur des GTX ist serienmäßig in dunklen Tönen gehalten, schwarzer Dachhimmel inklusive – das wirkt sportlich, schluckt aber etwas von dem luftigen Lounge-Gefühl der Standard-Modelle. Die Sitze in Mikrovlies („ArtVelours Eco“) mit roten Kontrastnähten bieten jedoch einen fantastischen Seitenhalt, den Sie bei diesem Antrieb auch dringend brauchen werden.
Der 340-PS-Punch und die Physik der Schrankwand
Kommen wir zum Herzstück des Wahnsinns. An der Hinterachse zerrt die neue APP550-Maschine mit 286 PS, an der Vorderachse hilft ein zweiter Elektromotor (AKA150) mit 109 PS mit. Die Systemleistung wird von VW auf 250 kW (340 PS) limitiert. Das Resultat ist physikalisch kaum zu fassen: Wenn Sie den Fahrmodus auf „Sport“ stellen und voll beschleunigen, bäumt sich die Front des Busses leicht auf, der 4MOTION-Allradantrieb krallt sich ohne das geringste Durchdrehen der Räder in den Asphalt, und die rote Schrankwand katapultiert sich in gut 6,5 Sekunden auf 100 km/h. Auf nassen oder verschneiten Alpenpässen verbläst dieser Familien-Van dank des perfekten Allrad-Grips 90 Prozent aller klassischen Sportwagen. Es ist völlig absurd, aber es macht süchtig.
Auf der Autobahn hat VW die Höchstgeschwindigkeit beim GTX im Vergleich zum Basismodell von 145 km/h auf immerhin 160 km/h angehoben. Wer jetzt jubelt, sollte jedoch den cw-Wert eines Ikea-Kleiderschranks nicht vergessen. Wenn Sie dieses Tempo auf der linken Spur der A9 halten, saugen die Elektromotoren den Akku schneller leer, als Sie „Ladeinfrastruktur“ sagen können. Mein Testverbrauch pendelte sich bei forscher Fahrweise bei happigen 24,5 kWh auf 100 km ein.
Neue Software, endlich Licht und der Lade-Boost
Gott sei Dank hat VW die Kritik der ersten Jahre gehört. Das Infotainment-System wurde komplett ausgetauscht. Der neue 12,9-Zoll-Bildschirm läuft mit der MIB4-Software rasend schnell. Die Bedienung ist logischer, und (Halleluja!) die Touch-Slider für Temperatur und Lautstärke unter dem Bildschirm sind endlich beleuchtet. Zudem können Sie mit der Sprachassistentin „IDA“ dank ChatGPT-Integration jetzt flüssig kommunizieren.
Die lange GTX-Version bringt zwingend die neue, große 86-kWh-Batterie mit (die kurze Version muss sich mit 79 kWh begnügen). Bei meinem Testverbrauch ergibt das eine reale Autobahn-Reichweite von knapp 330 bis 350 Kilometern. Wer brav mit 120 km/h im Windschatten von Lkws mitschwimmt, knackt auch die 400-Kilometer-Marke. An der Schnellladesäule drückt der große Akku nun mit bis zu 200 kW Gleichstrom in die Zellen. Von 10 auf 80 Prozent vergehen beachtliche 26 Minuten – genug Zeit, um die sieben Insassen mit Kaffee und Snacks zu versorgen.
Technische Daten & Realitäts-Check
Kategorie | VW ID. Buzz GTX (Langer Radstand 2026) |
Motor & Antrieb | Dual-Motor, 4MOTION Allradantrieb |
Systemleistung | 340 PS (250 kW) |
0-100 km/h / Vmax | ca. 6,5 s / 160 km/h |
Akkukapazität (netto) | 86 kWh |
Ladeleistung (DC) | max. 200 kW |
Testverbrauch (Mix) | 24,5 kWh/100 km |
Kofferraumvolumen | 306 L (7-Sitzer) / 1.340 L (5-Sitzer) / max. 2.469 L |
Anhängelast | 1.600 kg |
Preis Testwagen (Schätzung) | ab ca. 75.000 Euro |
Konkurrenz-Check
- Kia EV9 GT-Line: Der rationale, südkoreanische Raumkreuzer. Er bietet ebenfalls bis zu sieben Sitze, Allradantrieb (384 PS) und ein gigantisches Platzangebot. Dank 800-Volt-Technologie lädt der Kia an der Säule noch schneller als der VW. Er ist das vernünftigere, technologisch oft überlegene Auto – aber ihm fehlt das sympathische Gesicht, der „Bulli“-Charme und das extrem luftige Raumgefühl der vorderen Sitzreihe des ID. Buzz.
- Mercedes-Benz EQV 300: Der Shuttle-König. Die V-Klasse mit Elektromotor ist extrem luxuriös, riesig und perfekt für den VIP-Transport. Aber: Der EQV basiert auf einer alten Verbrenner-Plattform, bietet nur Frontantrieb, lädt relativ langsam und wirkt neben dem spacigen ID. Buzz GTX wie ein Nutzfahrzeug aus dem letzten Jahrzehnt. Fahrspaß? Fehlanzeige.
Pro & Contra
- ✅ Pro: Aberwitzige Beschleunigung und perfekter Allrad-Grip (4MOTION).
- ✅ Pro: Als LWB endlich ein echter 7-Sitzer mit riesigem Platzangebot.
- ✅ Pro: Neue Software (MIB4) ist fehlerfrei, Slider sind endlich beleuchtet.
- ✅ Pro: Große 86-kWh-Batterie erlaubt schnelles Laden mit 200 kW.
- ❌ Contra: Astronomischer Preis (schnell über 80.000 Euro mit Extras).
- ❌ Contra: Sehr hoher Autobahnverbrauch aufgrund der Aerodynamik.
- ❌ Contra: Das zulässige Gesamtgewicht von knapp unter 3,5 Tonnen erlaubt kaum noch Zuladung, wenn 7 schwere Erwachsene einsteigen.
Fazit: Alex Wind meint…
Klartext: Braucht die Welt einen Familien-Van mit 340 PS, Allradantrieb und Kriegsbemalung? Natürlich nicht. Der VW ID. Buzz GTX ist der absolute Triumph der Unvernunft über die reine Funktion. Er ist ein sündhaft teures Lifestyle-Objekt, das rein zufällig auch noch extrem praktisch ist. Wer einfach nur emissionsfrei die Kinder zur Schule fahren will, ist mit dem 286-PS-Basismodell (mit langem Radstand) tausendmal besser und günstiger bedient.
Wem empfehle ich ihn: Erfolgreichen Start-up-Gründern, solventen Design-Liebhabern und Alpen-Bewohnern. Wenn Sie das coolste, auffälligste und sympathischste Elektroauto auf dem Markt fahren wollen und für den Ski-Urlaub im Winter zwingend Allradantrieb (4MOTION) benötigen, ist der GTX Ihr Traumauto. Sie werden an der Ampel jeden Tag lächeln. Wem rate ich ab: Pragmatischen Familienrechnern und Reichweiten-Fanatikern. Wenn Sie für 75.000 Euro maximale Effizienz und Premium-Luxus erwarten, werden Sie sich über den Verbrauch von über 24 kWh auf der Autobahn ärgern. Kaufen Sie in diesem Fall den Kia EV9 oder einen klassischen, sparsamen Multivan T7 Diesel.
FAQ
Darf ich den ID. Buzz GTX mit einem normalen Führerschein (Klasse B) fahren? Ja, aber es wird eng! Der Klasse-B-Führerschein ist in Europa auf Fahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse von 3.500 kg (3,5 Tonnen) beschränkt. Der schwere ID. Buzz GTX (langer Radstand, Allrad, 86-kWh-Akku) wiegt leer bereits über 2,7 Tonnen. Das bedeutet, dass die maximale Zuladung (Passagiere + Gepäck) stark limitiert ist. Wenn Sie sieben kräftige Männer plus Reisegepäck einladen, könnten Sie die 3,5-Tonnen-Grenze illegal überschreiten.
Warum baut VW keinen echten California-Camper auf Basis des ID. Buzz? Genau aus dem oben genannten Gewichtsgrund. Wenn VW in den langen ID. Buzz noch eine Küche, ein Aufstelldach, Wassertanks und eine Schlafsitzbank einbauen würde, wäre das Fahrzeug leer bereits so schwer, dass es die 3,5-Tonnen-Grenze für normale Pkw-Führerscheine sprengen würde. Sie bräuchten einen Lkw-Führerschein (Klasse C1), um damit in den Urlaub zu fahren. Daher hat VW den „ID. California“ offiziell auf Eis gelegt.
Gibt es den GTX auch mit der kurzen Karosserie? Ja. VW bietet den GTX auch mit normalem Radstand (NWB) an. Dieser hat dann allerdings nur fünf Sitze und muss aufgrund des geringeren Platzes im Unterboden mit der kleineren 79-kWh-Batterie auskommen (die mit maximal 185 kW lädt). Wer 7 Sitze und die große 86-kWh-Batterie will, muss zwingend den langen Radstand (LWB) bestellen.
















































